Nobelpreisträgerin dixit
03.03.2006
Von Thomas Rothschild
Wieviel Unsinn muss man einer Schriftstellerin unwidersprochen durchgehen lassen, bloß weil sie eine Nobelpreisträgerin ist? Gibt es für feministische Loyalität keine Grenzen – und sei es, weil das Schweigen zu jeglichem Unfug die Glaubwürdigkeit auch dort in Frage stellt, wo sie gerechtfertigt und notwendig wäre?
In der österreichischen Tageszeitung Die Presse erklärte Elfriede Jelinek anlässlich des 75. Geburtstags von Thomas Bernhard: „Ich habe vollkommen Recht behalten und das ganz richtig vorausgesehen, dass an Thomas Bernhard kein Autor (von Autorinnen spreche ich nicht, denn sie zählen, was ihre Rezeption betrifft, so gut wie gar nicht) mehr vorbeikommen wird. Er ist der größte Stilist, und er spricht einen dermaßen selbstgewissen (seiner selbst vollkommen sicheren) Herrschaftsdiskurs (den er sich wahrscheinlich teils von seinem Großvater abgeschaut, sozusagen ‚abgehorcht’, teils aber sicher auch schwer und mühsam erarbeitet hat), dass jeder andere Autor an ihm gemessen wird und auch in Zukunft gemessen werden wird. Er ist das Maß der österreichischen Literatur, und alle übrigen sind das ‚Andere’. Und keiner wird je mit ihm mithalten können.“
An diesem Statement, das auf den ersten Blick bescheiden, demütig und bewundernd klingt, ist so gut wie alles falsch. Gibt man bei Google den Namen „Elfriede Jelinek“ ein, so stößt auf 1300000 Fundstellen. Wer in Österreich von Literatur redet, redet zumindest auch von Friederike Mayröcker, von Ilse Aichinger, von Barbara Frischmuth, von Christine Nöstlinger, von Kathrin Röggla und von unzähligen anderen – den Kultstatus der toten Ingeborg Bachmann lassen wir hier außer Acht. Dass Autorinnen nicht zählten oder nicht rezipiert würden, entspricht, jedenfalls mit Bezug auf österreichische Schriftstellerinnen, allenfalls einem überkommenen Klischee, aber keiner gegenwärtigen Wahrheit. Elfriede Jelinek hat, im Gegensatz zu Thomas Bernhard, der nach ihren Worten „das Maß der österreichischen Literatur“ ist, den Nobelpreis erhalten. Was muss eigentlich noch passieren, damit sie sich nicht zu wenig rezipiert vorkommt? Wie dauerhaft kann man an der Erfahrungswirklichkeit, jedenfalls der heutigen, vorbeijammern, ohne sich der Lächerlichkeit auszusetzen?
Thomas Bernhard spricht ebenso wenig wie sonst wer einen Diskurs, sondern nimmt, wenn dieses Modewort denn sein muss, allenfalls daran teil. Worin aber soll der „Herrschaftsdiskurs“ bestehen, der zur unüberwindlichen Folge hätte, „dass jeder andere Autor an ihm gemessen wird und auch in Zukunft gemessen werden wird“, wie Elfriede Jelinek so zukunftsgewiss prophezeit? (Was, wenn nicht dieser Seherinnenanspruch gehörte einem „Herrschaftsdiskurs“ an?)
Der größte Unsinn aber ist das ambivalente Kompliment: „Er ist das Maß der österreichischen Literatur, und alle übrigen sind das ‚Andere’. Und keiner wird je mit ihm mithalten können.“ Wenn alle übrigen das „Andere“ sind, dann ist die Behauptung, Thomas Bernhard sei das Maß der österreichischen Literatur so schief wie die These, die Oper sei das Maß des Kinos oder der Himalaja sei das Maß der Gebirge, mit dem kein Ziegelteich mithalten könne. Wenn Thomas Bernhard oder vielmehr sein Werk das Maß für etwas ist, dann allenfalls für die Erzählprosa und die Dramatik derer, die ihn nachahmen, die seine Verfahren mehr oder weniger epigonal kopieren. Auch ein leidenschaftlicher Bernhard-Leser – und der Verfasser dieser Glosse zählt sich dazu – wird eingestehen, dass Thomas Bernhard nicht das Maß sein kann, an dem sinnvollerweise Andreas Okopenko oder Alois Hotschnig, wohl aber Andreas Maier oder auch Alois Brandstetter zu messen wäre, wie man nicht Beethoven oder Schönberg, wohl aber Salieri an Mozart, wie man nicht Byron oder Edward Lear, wohl aber Marlowe an Shakespeare, wie man nicht Godard oder John Ford, wohl aber Pudovkin an Eisenstein messen kann.
Elfriede Jelinek verfällt, verführt vom Jubelanlass, in die Superlativtechnik der Werbung, die ihr schon nützlich erschien, als sie Einar Schleef und Rainer Werner Fassbinder zu den einzigen deutschen Genies ausrief, und missachtet die Tatsache, dass Literatur (wie Film, Musik, Theater, bildende Kunst) in sehr verschiedener Gestalt auftritt, die einen Wettbewerb ausschließt. Genügt nicht die zutreffende Versicherung, dass Thomas Bernhard ein außerordentlich bedeutender Schriftsteller sei? Schmälert sie die Bedeutung und die Qualität von Ilse Aichinger und von Peter Turrini, von Peter Handke und Gerhard Roth, von Marie-Thérèse Kerschbaumer und von Barbara Frischmuth, von Peter Rosei und von Gert Jonke, von Kathrin Röggla und – ja, von Elfriede Jelinek?
Nicht jeder Ausspruch wird an Elfriede Jelineks wohlwollender Gratulation zu Bernhards Geburtstag gemessen. Das sagen wir mit der Gewissheit des Herrschaftsdiskurses. Und wir sind froh, dass es so ist. Denn ein äußerst unerquicklicher Nebeneffekt von Elfriede Jelineks zunehmend abstrusen Thesen ist die Tatsache, dass ihre offensichtliche Unrichtigkeit auch begründete Klagen in Verdacht bringt oder gar nicht erst verlauten lässt.
Bei der Berlinale wurde Chantal Akermans neuer Film Là-bas gezeigt. Er besteht aus wenigen extrem langen Einstellungen. Sie zeigen, in unterschiedlicher Entfernung, ein mit einer Jalousie verhangenes Fenster – der Kontext suggeriert: in der von der belgischen Regisseurin angemieteten Wohnung in Tel Aviv – und dahinter eine banale Stadtlandschaft, charakterlose Mietshäuser mit Balkonen und Terrassen. Dazwischen gibt es einige wenige Aufnahmen vom nahe gelegenen Strand, mit dem Meer im Hintergrund und einzelnen Menschen, die den Bildrahmen betreten und wieder verlassen.
Wenn sich die Kamera im Zimmer befindet, hört man oft minutenlang gar nichts oder diffuse Geräusche, dann, von außerhalb des Bildes, unsensationelle Telefongespäche, schließlich, voice over, einen Text, der fragmentarische Beobachtungen und Gedanken wiedergibt. Sie erinnern an Notizen oder Tagebuchaufzeichnungen.
Là-bas ist ein rätselhafter Film. Er erschließt sich nicht durch eine offenkundige Erzählung. Ton und Bild erscheinen disparat. Man kann das mögen oder nicht, man kann sich dabei langweilen, nur eins kann man seriöserweise nicht: der Regisseurin ihre Kompetenz absprechen. Der Film lädt den Zuschauer ein, die Vorgaben zu aktivieren. Das kann geschehen, indem er die lange Verweildauer der Bilder nutzt, um die Verteilung der Farbnuancen auf der Fläche, die Lichtverhältnisse, die Bewegungen und Details im Hintergrund zu studieren. Aber die durch die Lamellen der Jalousien unterbrochene oder, wenn man so will, schraffierte Aussicht lässt, über die graphische Qualität des Bildes hinaus, weitergehende Überlegungen zu. Etwa über den von den meisten Filmen suggerierten unverstellten gegenüber dem verweigerten Blick. Oder, näher am Text Chantal Akermans, über die Frage, wo man zu Hause sei, ob für die belgische Jüdin ein Leben in Israel denkbar gewesen wäre, was sie verneint, was aber, auf andere Weise, auch das verdunkelte Fenster andeutet, das von der Außenwelt abschottet, statt diese einzulassen.
All das und viel mehr kann man, muss man aber in diesem Film nicht erkennen. Ein Kritiker von auffälliger Bedeutungslosigkeit jedoch sah sich bemüßigt, seinen Hohn über Chantal Akerman zu ergießen, weil diese offenbar seinen intellektuellen Horizont überragt.
Es hat den Anschein, dass die Rotzigkeit gegenüber den Leistungen von Künstlern und Intellektuellen, die diesen Namen verdienen, zunimmt. Sie steht in einem direkten Verhältnis zur Devotheit gegenüber der politischen und, mehr noch, der wirtschaftlichen Macht. Gerne sähe man den Kritiker, der mit den immer dreister werdenden Interventionen der großen Verleihe so selbstbewusst umgeht wie mit Chantal Akerman. Sie jedenfalls hat ungleich mehr Ursache zur Klage als Elfriede Jelinek.
Thomas Rothschild
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