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Das schöne Rätsel von Daniel Kehlmanns Erfolg

06.03.2006

Mit hochgezogener Augenbraue

Von Wolfram Schütte

 

Der Erfolg, den der österreichische Erzähler Daniel Kehlmann mit seinem 300seitigen Roman “Die Vermessung der Welt” bei den deutschen Buchkäufern gefunden hat - der Verlag spricht von mehr als 400.000 verkauften Exemplaren -, beunruhigt die Kritik, die das Buch des 30jährigen allseits gelobt hatte, wie viele andere Bücher auch, ohne dass jedoch die Buchkäufer einhelliges Kritikerlob in anderen Fällen mit ihrem Kaufverhalten dem Autor und seinen Herolden gelohnt hätten. Merkwürdig.

Die literarische Kritik bei uns ist es gewohnt, dass nur selten ihre Begeisterung über ein Buch & seinen Autor auf die Leser massenhaft überschwappt. Es war jedoch im Großen & Ganzen nie anders.

Die in den letzten Jahren angeschwollene Inflation des Superlativismus, mit der zögernde Leser zur Lektüre “anspruchsvoller Bücher” von der sich immer ohnmächtiger fühlenden seriösen Kritik unseriös verlockt werden sollen, zieht kaum noch, weil sich die schreibenden Marktschreier gegenseitig mattsetzen.

Wenn aber die lautstarke TV-Marketenderin “Lesen!“ befiehlt (und dafür noch dürftigeren Wortsalat anrichtet, als das einstige “Literarische Quartett” zusammen mixte), kann sie beträchtliche Leserinnen-Scharen zum Kauf animieren. Elke Heidereich also hat für Kehlmanns “Die Vermessung der Welt” auch die Trommel gerührt - wie die Zeitungskritik, die so gut wie kein Haar in der Suppe des Romans gefunden hatte und darüber begeistert jubelte.

Der Rowohlt-Verlag hat Buch & Autor in die Poleposition gesetzt, der junge Mann von 30 Jahren tourt auf Lesereise durch die Republik, liest wie ein frischgebackener Popstar vor ausverkauften Häusern und könnte immer so weiter machen - während die literaturkritischen Feuilletons mit weit aufgerissenen Augen staunend dem phänomenalen Erfolg hinterher blicken. Wo sie ihn sich nicht selber erklären können, fragen sie, wie es die Sportschau mit erfolgreichen Stürmerstars vormacht, schließlich den verdutzten Autor selbst, der´s aber auch nicht weiß. Rätsel über Rätsel.

Schon beginnen einige Kritiker, was besonders grotesk, komisch & doch auch verständlich ist, sich mit hochgezogener Augenbraue zu fragen, ob sie das Buch vielleicht fälschlicherweise literarisch überschätzt hätten, weil erfahrungsgemäß hoher literarischer “Anspruch” noch nie - und schon gar nicht auf Anhieb - breiten Publikumsgefallen gefunden habe. Andere zweifeln an dem von ihnen ausgerufenen Tod des altbackenen “Bildungsbürgers”, der doch jetzt zeitgleich mit dem Roman über zwei deutsche historische Monumente von Mathematik und Ethnografie wieder glorios auferstanden sei. Dafür spräche, dass manche Leser erst einmal im Lexikon nachgeschlagen haben, um sich über Gauß und Alexander v. Humboldt zu informieren - als habe der Österreicher ein doppeltes Sachbuch über nichteuklidische Geometrie und Feldforschung am Orinoko geschrieben.

Schließlich aber sind Kollegen, Lektoren und Kulturarbeiter, die irgendwie den Schnellzug verpasst haben, mit dem augenblicklich Kehlmann zur Vermessung seiner literarischen Welt in Deutschland unterwegs ist, klammheimlich & unter sich dazu übergegangen, den Roman “gar nicht so gut zu finden, wie alle meinen”. Sie halten sich darauf etwas zugute, sich entweder “gelangweilt” oder sogar die “Lektüre” vorzeitig abgebrochen zu haben, weil sie “die Masche” des Autors schnell durchschaut hätten und darüber “not amused” gewesen seien; oder aber die beiden Roman-Helden angeblich so gut kennten, dass sie sie in Kehlmanns literarischer Optik nur verzerrt sähen.

Natürlich ist der Erfolg des Buchs ein Selbstläufer: Begeisterte Schreib-Kritiker, eine schreiende TV-Heidenreich, Spiegel-Bestsellerlisten und exzessives Verlagsmarketing könnten nicht greifen - zumindest nicht so weit -, wenn das Buch selbst sich nicht von Leser zu Käufer und dieser zu Lesern weiter empfehlen würde.

Was als seine “Schwierigkeiten” von der Kritik gehandelt wurde - also die naturwissenschaftlichen Fixierungen seiner beiden Helden -, sind keine; denn die überwiegende Mehrzahl seiner Leser ist nach der Lektüre “so klug als wie zuvor”, um es mit einem “Faust”-Zitat zu sagen. Und zurecht. Um solches Fach-Wissen geht es hier so wenig, wie in Romanen Joseph Conrads um die Kenntnis des Seemannslateins.

Es geht in der “Vermessung der Welt” um Vergnügen, Lektüre-Vergnügen, reinstes Sprach- & Denk-Vergnügen in einem weitgehend komischen und satirischen Erzähl-Universum. Um zwei kurz gefasste, szenisch verdichtete, atemlos im dialektischen Schlagabtausch entstehende Kontrastbiografien in auf- und absteigender Linie, dargestellt an zwei, drei komischen Figuren - mehr (oder weniger) noch: um Schattenrisse von Figuren, deren Komik in der “Idiotie” ihrer dynamischen Obsessionen und Verbohrtheiten steckt, die sie - koste es, was es wolle - zu verwirklichen versuchen: im solipsistischen Kopf der eine, im rabiaten Welt-Katalogisieren der andere. Deutsche Welteroberer der harmloseren Art (noch); ein Jahrhundert später würden andere des gleichen deutschen Typus´ folgen, “fanatischere” Idioten und Weltverbesserer auf deutsche Art, die “ihr Volk” zu Fanatisieren verstehen. Wer Kehlmanns Buch genau liest, kann nicht übersehen, dass deren Schatten hier schon gelegentlich auf manche barbarischen, widersprüchlichen Verhaltensweisen dieser vergleichsweise “unschuldigen” komisch-heroische Helden des 19.Jahrhunderts fallen - auch auf den “Sklavenfeind” & Hundefreund Alexander v. Humboldt. Kehlmann weiß, wovon er spricht.

Beiden deutschen Don Quichottes sind, wie in der komischen Literatur seit Cervantes´ Zeiten öfters, zwei bodenständigere, zweifelnd-verzweifelnde Sancho Pansas beigesellt: Gauß´ tumber Sohn Eugen bleibt allerdings nur ein blasser Watschenmann für den cholerischen Vater; dafür ist Humboldts französischer Mitreisender Bonpland umso lebenskräftiger, witziger, frecher und rundum sympathischer ausgefallen. Ich jedenfalls liebe ihn.

Man täte Kehlmanns Roman-Kunst keinen Tort an, wenn man etwas flapsig (aber ohne erotische Zielsetzung) von einem “flotten Dreier” sprechen würde, den er uns da vorführt. Soviel von dem Stoff und den Personen historische Fakten sein mögen: der Autor - ja auch als der Puppenspieler, der er hier ist: zwar verborgen, aber in der ironischen Brechung der indirekten Rede ebenso anwesend, wie im Rhythmus seiner Sätze, mit deren Kommata und Einschüben er die sarkastische & satirische Komik souverän lenkt - ist als Romancier selbstbewusst genug, sich der Historie zu bedienen, ihr zu widersprechen, sie nach seinen Erfordernissen zu ignorieren oder zu verballhornen. Denn er folgt dem Traum, nichts als dem Traum, den ihm seine Phantasie und Komposition gebieten. Und seine Intelligenz.

Ohne sie - was für ein Vergnügen, sie hier in action zu sehen! - gäbe es dieses erzählerische & sprachliche Gedankenspiel über zwei Spielarten deutscher Mentalitäten gar nicht: so nicht, und so spielerisch nicht.

Daniel Kehlmann hat sich ja nicht “just vor fun” einen “Jux” mit Gauß & Humboldt machen wollen, wenn auch gewiss nicht ohne seinen sprungfedrigen Witz und seinen gut gelaunten erzählerischen Humor. Mit ihnen hält er sich die beiden in sich selbst verbohrten deutschen Genies, von deren Charakteren und Verhaltensweisen auch Blicke in dunkle Abgründe ihrer, bei allem Respekt und trotz ausgesprochener Bewunderung, auch einfältigen Existenzen getan werden, literarisch auf kritische Distanz, die von einem Historischen Roman heute, rückblickend, zu erwarten ist.

Es könnte sein, dass Kehlmanns satirische Optik, die sich in seiner durchgehaltenen semantischen Komik versinnlicht (wie, sage ich einmal tollkühn, in den klassischen Screwball-Comedies Hollywoods der Dreißiger Jahre), manchem Leser auf Dauer “manieriert” erscheinen mag, anderen jedoch: als ein sprudelnder Quell des literarischen Vergnügens. Kehlmann ist hier “Manierist”, weil er eine Stilebene sich erfunden hat, auf der Ernst & Jokus, Pathos und Ironie gleichermaßen brillant paradieren können. Es ist eine Parade der Intelligenz, des Witzes und des geistreichen Kontrastes, die sich zum erzählerischen Tanz in einem schlanken, von allen redundanten Verfettungen freien Roman glücklich zusammengefunden haben.

Noch bevor “Die Vermessung der Welt“ erschien, hat Daniel Kehlmann 2005 den (mir bislang völlig unbekannten) “Candide-Preis” in Hildesheim erhalten & eine hinreißend-kluge Rede dabei gehalten. Wenn es aber auch noch einen Diderot-Preis bei uns gäbe: Kehlmann wäre der erste Anwärter darauf. Denn sein jüngster Roman ist so geisteshell, amüsant und nachsinnig wie einst Diderots geniales Dialog-Fragment “Jakob und sein Herr”.

Ich weiß natürlich auch nicht, was über 400.000 deutsche Leser von der “Vermessung der Welt” erwartet & in ihr gefunden haben. Aber das Außerordentliche einer komischen deutschen Prosa, deren witzige Volten einen immer wieder zu lautem Lachen verführen können, werden sie wohl nicht ignoriert haben. Denn mit Dergleichen sind wir in der jüngeren deutschsprachigen Erzählliteratur nicht verwöhnt worden. Grund genug, mit Daniel Kehlmanns “Vermessung der Welt” als Leser einmal glücklich zu werden.

Wolfram Schütte

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