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Montag, 21. Mai 2012 | 11:13

Armut

13.03.2006

Und trinken Wein

Von Thomas Rothschild

 

Zu den deprimierendsten Begleiterscheinungen der dramatisch wachsenden Armut gehört, dass sich die Armen ihrer Armut schämen. Sie unternehmen alles Mögliche, um ihre Armut zu verheimlichen und zu verschleiern. Die Reichen hingegen, die ihren Reichtum durch Betrug oder Ausbeutung erworben haben, kennen keinerlei Schamgefühl. Es ist ihnen gelungen, in der Öffentlichkeit die Überzeugung durchzusetzen, dass die Armen faul oder untüchtig, jedenfalls an ihrem Zustand selbst schuld seien.

Dem scheint ein anderes Phänomen zu widersprechen: dass man nämlich Linke der Unglaubwürdigkeit zeiht, wenn sie wohlhabend sind, gar in Luxus leben. Der Topos ist uralt und wird immer wieder aus der Mottenkiste des ideologischen Kampfes gezogen.
Was dabei übersehen wird, ist, dass die Linke, anders als manche christlichen Fraktionen, niemals für Armut und Verzicht plädiert hat. Im Gegenteil: sie wollte stets die Armut bekämpfen, für eine ausgleichende Umverteilung zwischen den Armen und den auf ihre Kosten Reichen sorgen. Sie macht sich stark für die Interessen der Armen, nicht damit diese arm bleiben, sondern damit sie aus ihrer Armut herausfinden. Als paradigmatisch für diese Haltung kann bis heute Der Hessische Landbote von Georg Büchner gelten. Deshalb hat es nichts mit Heuchelei zu tun, wenn ein Linker in einer Weise lebt, die er für alle erkämpfen möchte.

Demgegenüber gilt Heinrich Heines Verdikt, dass sie Wasser predigen und Wein trinken, nach wie vor für jene, die eine ungerechte Verteilung der materiellen Güter rechtfertigen, die anderen Bescheidenheit empfehlen und selbst das Wohlleben genießen.

Glaubwürdigkeit ist in der Politik und überhaupt im menschlichen Zusammenleben eine überaus wichtige Bedingung. Sie ist hier wie dort zunehmend verloren gegangen. Die permanenten Versuche, die Glaubwürdigkeit von Linken zu beschädigen, lenken – mit Erfolg, wie sich zeigt – von den Ursachen des tatsächlichen Glaubwürdigkeitsdefizits ab: dass mit billigendem Schweigen hingenommen wird, wenn die Werte, die jemand zu vertreten vorgibt, und die Werte, nach denen er lebt, auseinander klaffen. Seht genauer hin bei jenen, die Wasser predigen, und ihr wisst, wer gemeint ist.

Demgegenüber:
Zum Beispiel Otto Tausig. Er ist ein angesehener Schauspieler und mehr als achtzig Jahre alt. Er könnte sich auf seinen Lorbeeren ausruhen und bequem von seinen Einkünften leben. Stattdessen engagiert er sich leidenschaftlich für Notleidende in der Dritten Welt, arbeitet und wirbt er für „seinen“ Entwicklungshilfe-Klub. Die Welt will er nicht mehr retten. Aber: „Wer mit 50 vergessen hat, warum er mit 20 ein Kommunist war, ist ein saturierter Spießer. Und es ist die Welt jener Spießer, in der wir heute leben. Auch ich!“

Zum Beispiel Roni Hammermann. Die Österreicherin lebt seit 1969 in Israel. Als Frau und Jüdin hätte sie genug Grund, die eigenen Wunden zu lecken. Doch sie hat im Jahre 2001 die Organisation Machsomwatch gegründet, in der fünfhundert Frauen gegen die Okkupation und die Verletzung von Menschenrechten kämpfen. Sie wachen darüber, wie die Palästinenser an den Checkpoints behandelt – und das heißt leider zumeist: gedemütigt und schikaniert – werden, um davon zu berichten und dagegen Einspruch anzumelden.

Zum Beispiel Ernest Kaltenegger. Bei den Grazer Gemeinderatswahlen erhielt die KPÖ, die er als Stadtrat vertritt, mehr als 20 Prozent der Stimmen, und selbst bei den steirischen Landtagswahlen 2005 konnte er seiner Partei in Graz noch rund 14 Prozent der Stimmen erringen. Haben die Steirer etwa ihre plötzliche Liebe zum Kommunismus entdeckt? Natürlich nicht. Ernest Kaltenegger, der selbst keine Wohnungsprobleme hat, ist dafür bekannt, dass er sich seit Jahren selbstlos für die Belange von Mietern einsetzt. Er verzichtet darüber hinaus, wie Otto Tausig, auf einen Teil seines Einkommens, um ihn bedürftigen Bürgern zur Verfügung zu stellen wie Tausig ihn für Projekte des Entwicklungshilfe-Clubs spendet. Ernest Kaltenegger wird gewählt, weil er eine Glaubwürdigkeit verkörpert, die selten geworden ist.

Es ist gut und sinnvoll, wenn benachteiligte Kollektive – etwa die Arbeiterbewegung in Europa oder die Bürgerrechtsbewegung in den USA – für ihre Rechte kämpfen. Moralisch höher zu bewerten ist freilich der Einsatz für Kollektive, denen man selbst nicht angehört, an deren Diskriminierung gar die eigene Bezugsgruppe (mit-)schuldig ist. Verachtenswert aber sind jene Heuchler, die vorgeben, für ein Kollektiv zu kämpfen und doch nur ihren eigenen Vorteil im Auge haben. Verabscheuenswert sind jene doppelzüngigen Heroen, die ihre Karriere auf fremdem Leid aufbauen und noch so tun, als wollten sie dieses lindern.

Thomas Rothschild

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