Hommage zum 80. Geburtstag von Fernando Botero Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens von Michael Ebmeyer Joy As A Toy: Dead As A Dodo Kennzeichen T - 28.04.2012 Nis-Momme Stockmanns Heimkehrstück "Der Freund krank" in Frankfurt uraufgeführt
Montag, 21. Mai 2012 | 11:13

Unter Universitätsaufsicht

20.03.2006

Wie die “Frankfurter Rundschau” auf “Weltniveau” kommen soll

Von Wolfram Schütte

 

Die “Frankfurter Rundschau” hat es schwer. Es geht ihr wie allen Tageszeitungen: schlecht. Die Anzeigenmärkte sind ihnen weggebrochen und werden nie wiederkehren. Die FR hat es aber noch schwerer getroffen als FAZ & SZ (“Die Welt“ wird seit Jahrzehnten subventioniert): auch die FR-Leser halten ihr nicht die Treue. Oder: die ihr die Treue halten, werden immer weniger. Zum einen, weil sie älter & ärmer werden und am Ende gar wegsterben; zum anderen, weil sie ihre “alte” FR immer häufiger gar nicht mehr wiedererkennen.

Denn das linksliberale Traditionsblatt hat im Laufe des letzten Jahrzehnts so viele Relaunchs - also grafische Umgestaltungen - durchgemacht, dass nicht wenigen Lesern darüber die Lust an der Veränderungseuphorie des Verlags gründlich vergangen ist.

Dabei zielten die verzweifelten Relaunchs ja gerade auf das Gegenteil: den alten Lesern das Blatt noch “lesbarer“, “überschaubarer“, “nützlicher” zu machen (und was dergleichen Versprechen mehr sind), und eine neue, andere, jüngere Leserschaft sollte damit angelockt werden. Natürlich waren alle diese Relaunchs “wissenschaftlich” abgesichert & als todsichere Erfolge empfohlen - durch Medieninstitute & Journalistik-Professoren, vulgo: durch jene (wie Verleger oder Verlagsleiter & manchmal auch phantasielose Chefredakteure meinen), die besser als tätige Journalisten wissen, “wo´s lang” & wo´s mit der Presse hingeht.

Diese hoch im Kurs stehenden beratenden Herrschaften lassen sich ihr “Wissen”, das ja kurz- & langfristig wirtschaftlichen Erfolg versprechen soll, teuer bezahlen. Dafür muss dann auch - damit sich die Investition “rechnet” - auf den einen oder anderen Redakteur, Korrespondenten oder Pauschalisten verzichtet werden. Im “Gesundschrumpfen” ihres journalistischen Personals hat die FR in den vergangenen Jahren schon beachtliche, wenn nicht gar einzigartige Vorleistungen auf die ihr versprochene Zukunft erbracht. Man könnte von einem geradezu bulimystischen Leidenschaft bei ihr sprechen.

Leider sieht es aber bisher ganz & gar so aus, als habe das “wissenschaftliche” Herumdoktern am noch lebenden Objekt FR es weder gesundheilen können, noch ihm frische Blutzufuhr an Lesern gebracht. Eher hat die journalistische Anämie im Blatt und die Schwindsucht bei ihren Lesern zugenommen, ohne dass die vielfachen Design-Aufschminkungen der “Traviata” von Frankfurt am Main wenigstens zu blendendem Aussehen verholfen hätten.

Solche verlorne Liebesmüh´ war aber offenbar nur das “Vorspiel für eine Zukunft”, die jetzt in Leipzig bereits begonnen hat, von wo - ex oriente lux - bisher auch schon die erwähnten fabelhaften Layout-, Designer- & Relaunch-Erfolge der FR gekommen waren. Dort leitet der Professor Michael Haller ein “Institut für Journalistik” an der Universität. Er hat in der FR sein gefundenes Fressen schon lange gefunden - & in Frankfurt Gläubige, die ihm sowohl durch als auch von dick zu dünn folgen.

Jetzt geht´s aber “ans Eingemachte“, nämlich an die Texte selbst. Die sollen nun auch relauncht werden. Der Leipziger Prof. Dr. Miraculo nimmt sich mit seinen Studenten vor, dem “Layout und der Textaufmachung der FR wissenschaftlich auf den Grund” zu gehen. “Wissenschaftlich”: eine Drohung, die bei der FR als Verheißung goutiert wird.

Mit einer bei oder von Prof. Haller “neu entwickelten Blickverlaufsmessung kann das Nutzungsverhalten der Leser detailliert erfasst werden”, verkündet er stolz. Gemeint ist damit, dass man als Zeitungsleser sich mit einem wandernden Blick auf den Seiten orientiert und im Blatt herumzappt. Ein alter Hut der Rezeptionspsychologie. “Ausgangspunkt für die Methode”, erklärte Haller eben im Internet (www.newsroom.de) seine angebliche Neuigkeit, “ist die neurophysiologische Erkenntnis, dass Entscheidungen innerhalb von ViEtDeVtRiCkMillisekunden im Vorbewußten getroffen werden” - also jene These über die angebliche Willensunfreiheit, mit der unsere Hirnforscher seit einiger Zeit hausieren gehen. “Die Zeitungslektüre werde eigentlich nur teilweise durch bewusste Entscheidungen gesteuert”, erklärte Haller, was eine bereits recht altbackene journalistische Erkenntnis ist, der z.B. die BILD ihre fortdauernde Existenz verdankt.

Jedoch die Hallersche “Blickverlaufsmessung” soll nun aber eine “Zeitungsseite Zeile für Zeile untersuchen und dabei blattmacherische Schwächen offenbaren“. Die Erfahrung zeige, erklärt der kriminalistische Zeilen-Schinder aus Leipzig, dass diese “Schwächen” nicht “immer auf grafische Probleme zurückzuführen” seien - wohingegen ich (als ehemaliger FR-Redakteur) sagen würde, wenn es sich um Zeilen handelt, dass es nie “grafische Probleme“ sein könnten, sondern sich immer nur um Textschwächen handeln könnte, zu deren erkennungsdienstlichen Behandlung & Behebung qualifiziertere Journalisten und sorgfältig und intelligent redigierende Redakteure völlig ausreichten. Diese könnten vielleicht sogar auch am Leipziger “Institut für Journalistik” ausgebildet werden, wenn die dortigen Studenten, zur höheren Ehre ihres ehrgeizigen Professors, nicht allesamt zur “Blickverlaufsmessung” rekrutiert würden.

“Oft sind es schlecht getextete Überschriften oder abstrakte Unterzeilen”, erklärte Haller als Ergebnis seiner neurophysiologischen Blickverlaufsmessungs-Analysen, als sei das eine bislang unerkannte weltbewegende Entdeckung - verborgen zwischen den Zeilen -, wo es sich doch nur um die mit bloßem Auge und klarem Verstand erkennbare Banalität handelt, dass da ein Schreiber oder Redakteur einfach nur “Mist gebaut hat“.

Solche “Ungereimtheiten” nehme “der Blick des Lesers blitzschnell wahr“, resümiert der Wissenschaftler - ebenso blitzschnell, wie ich als Leser Hallerscher Zeitungsforschungen wahrzunehmen meine, dass es sich bei seinen “wissenschaftlichen” Versprechungen nur um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Leipziger Instituts für Journalistik handelt, das dem zahlenden Kunden & einfältigen Versuchskaninchen FR läppische Ladenhüter als den neu zugeschnittenen, hochkarätigen “Stein des Weisen” verkauft.

Während er der FR “wissenschaftlich auf den Grund gehen will“, geht sie ihm unwissentlich auf den Leim: “ Wir messen das veränderte Nutzungsverhalten (der FR-Leser) und stellen der Redaktion die Daten zur Verfügung. (...) Am Ende dieses kontinuierlichen Optimierungsprozesses soll dann im Herbst eine erhöhte Nutzung der Zeitung durch die Leser stehen” (Haller) - sofern diese dann die FR noch als ein lebendiges journalistisches & linksliberales Organ wiedererkennen werden und nicht als die heruntergewirtschaftete Totgeburt aus der Hallerschen Journalistik-Retorte des an seiner künftigen Unentbehrlichkeit arbeitenden Professors wahrgenommen & der FR Adieu gesagt haben.

Was der Leipziger Chefideologe des “Instituts für Journalistik” als “kontinuierlichen Optimierungsprozess” in Gang gesetzt hat, ist nichts anderes als die minimalistische Durchquotierung der FR auf Zeilen-Basis. (Der Einschaltquotenzwang im TV ist ein grobkörniger Klacks dagegen). Also ein “wissenschaftlich”- universitäres Überwachungssystem aller Textbewegungen auf den Seiten der Zeitung - im Hinblick auf deren “Nutzung” durch FR-Leser, deren platonische Idee im Leipziger “Institut für Journalistik“ beheimatet ist.

In der “neu entwickelten” Hallerschen “Blickverlaufsmessung” verbindet sich strukturell hochkapitalistische Profitrationalität, die en détail über den “Abfluss” ihrer Waren informiert werden soll, mit der Utopie einer Stasikontrolle, die jede individuell-journalistische Abweichung von der an der Leipziger Universität verordneten Konformität “im Dienste des Lesers” erkennt, markiert, “korrigiert” & “optimiert“. Eine schöne Neue Zeitungs-Welt.

Wäre es da aber nicht einfacher, einen “Blickverlaufs”-Kommissar in der FR zu positionieren, der die markierten “Böcke” am Ort erlegt und deren Verursacher, bei wiederholter Zuwiderhandlung im Zeilenfall, zur Strafe “in die Produktion” schickte (& weil´s die ja kaum noch gibt) sogleich “frei” (i.e. auf die Straße) “setzte“?

Es ist eine besonders amüsante Pointe, dass Idee & Praxis der “neurophysiologischen” Instrumentalisierung zur “Nutzungsoptimierung” von FR-Texten ausgerechnet in der ehemaligen DDR in die Welt gesetzt wurde. Das kommt wohl nicht von ungefähr: Weil man in der dortigen Mangelwirtschaft darauf angewiesen war, deren Mängel durch vermeintlich “wissenschaftliche” Verfahren zu “optimieren”, um auf “Weltniveau” zu kommen.

Aber dass die SPD-eigene Holding, in deren Mehrheitsbesitz die FR derzeit noch ist, dem alten sozialistischen Gedanken “Wissen ist Macht” vertraut, wäre ihr bei dieser “Münchhauseniade” nicht vorzuwerfen. Eher schon, dass sie, im kopflosen Umgang mit dem Leipziger Allerlei des eitlen Prof. Haller, heute sowohl von diesem als auch von jener keine Ahnung hat. Man soll aber von Ignoranz nicht sprechen, wenn es sich, deutsch gesprochen, um eine Dummheit handelt.

Wolfram Schütte

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...

Vergangen, aber nicht vorbei

Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...

Gesamtnote: zehn. Bestanden!

Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...

Verstaubt ohne Ende

Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...

Der neue Schulmädchenreport

»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...