Modeintellektuelle
09.04.2006
Von Thomas Rothschild
Dass in der Bekleidungsindustrie und in der Möbelbranche Moden mit aller Macht propagiert und durchgesetzt werden, gehört ebenso zu unserer umsatzorientierten Normalität wie die Personalisierung des gesellschaftlichen Lebens, die zunehmende Ersetzung seriöser Berichte und Analysen durch läppischen Tratsch über mediokre Gestalten, an denen nichts von Interesse ist außer eine sich selbst reproduzierende angebliche Prominenz. Was früher die Domäne der Bild-Zeitung und billiger Illustrierter war, mit denen die Vorzimmer von Arztpraxen den bevorstehenden Schrecken mildern sollten, füllt mittlerweile ganze Spalten von Publikationen, die dafür einst nur berechtigten Spott übrig gehabt hätten. Dieser tägliche Schwachsinn fällt kaum mehr auf.
Deprimierend freilich ist, dass dieses Muster längst auch jenen Bereich geprägt hat, der ihm von seiner Aufgabe her entgegengesetzt sein müsste. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bestimmten Intellektuelle, die mit Recht als solche bezeichnet wurden, die öffentlichen Debatten in Zeitschriften und auf Podien, an Hochschulen und in politischen Zirkeln. Heute sind sie durch Intellektuellendarsteller ersetzt, durch maßlos überschätzte Stars der Geschwätzigkeit. Sie gleichen den Pappfiguren aus den Tratschkolumnen aufs Haar und kreieren ihrerseits intellektuelle Moden, die den Moden im Partyleben entsprechen.
Ihre anhaltende Publizität verdanken sie in erster Linie der Uninformiertheit der Medienmacher, die nur wiederzugeben imstande sind, was ihnen ihre ebenso uninformierten Kollegen vorgekaut haben. Das Reinforcement durch Sekundärinformation hat auch auf dem Gebiet der geistigen Auseinandersetzung den originellen, selbständigen Gedanken ersetzt.
Wer kann heute noch sagen, worin die weltbewegende Bedeutung von Susan Sontag bestand, die, in erster Linie fotogen, die amerikanische Intelligenz repräsentieren sollte und auf keiner internationalen Tagung fehlen durfte? Was hat Paul Virilio an Erkenntnissen von bleibendem Wert in die Welt gesetzt? Seine Plattitüden konnten zur Mode werden, weil Berufsschwätzer terminologisches Brimborium und pseudotheoretisches Imponiergehabe mit Wissenserweiterung verwechseln. Dasselbe gilt für Vilém Flusser, dessen Name vorübergehend jede Wochenendbeilage großer Zeitungen zierte. Alles heiße Luft für die Saison, vergänglich und belanglos wie die weißen Socken oder der Sommerhit von Spaniens Badestränden. Hat sich irgendeine von den Geistesgrößen der vergangenen Jahre in die Geschichte eingeschrieben wie einige Jahrzehnte zuvor Sartre oder Adorno oder Bertrand Russel? Sind die Sloterdijks und die Bolz’ wirklich die legitimen Nachfolger von Popper oder Gadamer? Über Noam Chomskys linguistische Theorie konnte man noch Jahrzehnte lang streiten. Die Theorien der heutigen Modeintellektuellen sind schon fast vergessen, ehe sie artikuliert wurden. Und sie bleiben – das mag ja beruhigen – absolut folgenlos.
Die Namen kommen und gehen. Die intellektuellen Moden und die Modeintellektuellen werden immer rascher ausgewechselt. Das funktioniert, weil sich stets genug Mitläufer finden, die fürchten, sich zu blamieren, wenn sie den Kaiser nackt nennen. Auf der Strecke bleibt, was sich dem Modischen nicht fügen will. Dafür ist in einer Welt des Kommerz und des Entertainment kein Platz mehr. Das verfällt dem schlimmsten Verdikt, das heute einen Menschen und eine Sache treffen kann: veraltet zu sein. Wie die Schuhe vom Vorjahr oder die Frisur vom vergangenen Sommer.
Thomas Rothschild
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