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Montag, 21. Mai 2012 | 11:17

Von der "Anderen" zur ganz "Anderen Bibliothek"

23.04.2006

Kollektive Führung
Von Wolfram Schütte

 

Als er ihr die Todesanzeige ausfertigte, waren sie so schnell zur Stelle & ihm zur Seite wie damals, als er seine Geburtsanzeige in die Welt setzte: ich meine Hans Magnus Enzensberger, seine "Andere Bibliothek" und die deutschen Feuilletons. Es waren jedoch meist schon nicht mehr dieselben Feuilletonisten, die 1985 mit entzücktem Augenaufschlag an der Wiege von Enzensbergers Lieblingsidee gestanden hatten, als HME knapp zwanzig Jahre später (Anfang 2004) plötzlich verkündete, ab sofort werde er sie, nämlich seine "Andere Bibliothek", zu Grabe tragen - und kurz darauf einer erstaunt lauschenden literarischen Welt annoncierte, sie werde aber, unterm Dach der FAZ, in Kürze wieder auferstehen. Auch die jüngeren Feuilletonisten glaubten Enzensberger aufs Wort, dass er ohne andere Gründe zu nennen als die eigene Laune, quasi mit einem Fingerschnippen sein einstiges Lieblingsprojekt in der Fülle seiner rund 250 Bücher-Blüten von der Bühne verschwinden lassen und es doch kurz darauf wieder als FAZ-Kaninchen aus dem Hut zaubern könne. Das hat der einzige Intellektuellen-Guru der Bundesrepublik, der physiognomisch einer Eidechse gleicht, obwohl sein Wappentier eigentlich das Chamäleon sein müsste, mit seinem bezaubernden Lächeln und seiner Autorität getan: Weihnachten, Karfreitag & Ostern des HME. Jedoch diesmal hatte sich Magnus Enzensberger verrechnet, als er - souverän wie immer schon - eine derzeit im deutschen Konzernwirtschaftsleben geläufige Praxis für sein literarisches Bibliotheks-Unternehmen zu adaptieren versuchte: Schließung des Traditionsbetriebs, Verlagerung des Know-hows & Fortsetzung an einem neuen, profitableren Ort. Der lag gewissermaßen nebenan: vom Sitz des Eichborn-Verlags in der Kaiserstraße, in dem "Die Andere Bibliothek" erscheint, bis zur FAZ-Niederlassung in der Hellerhofstraße sind es wenig mehr als 1 km Luftlinie in Frankfurt am Main. Aber während die FAZ, die mit dem alterslos scheinenden bayrischen Wunderkind endlich der große Coup gegen die "Süddeutsche Zeitung" gelungen schien, die mit ihrer "SZ-Bibliothek" sagenhaften Gewinn gemacht hatte, und die FAZ bereits die ersten Kreationen aus HMEs "ganz anderen" Bibliothek ankündigte, kündigte der Eichborn-Verlag an, er werde Enzensbergers formlose, öffentliche & grundlose Kündigung so wenig akzeptieren, wie sein handstreichartiger Transfer der "Anderen Bibliothek" unter die Fittiche des Enzensberger bewundernden FAZ-Herausgebers Schirrmacher. Dieser und sein ihm zugeneigter anderer kluger Kopf, die beide schon weitreichende Pläne mit der luxurierenden Ausstattung der GröFAZ-Bibliothek für die kaufkräftige FAZ-Klientel geschmiedet hatten, welche die Billigheimer der SZ mit ihren 4.90 ¤ pro Band wie schäbige ALDI-Koofmichs hätten aussehen lassen, sahen sich aber umgehend von der bürgerlichen Justiz gestoppt, die Eichborn angerufen hatte. Der Frankfurter Verlag, der rund 20 Jahre lang treu & brav "Die Andere Bibliothek" verlegt und in diesem verlegerischen und herstellerischen Glanzstück ganz nach Enzensbergers und Franz Grenos Gusto die Kronjuwelen seines ausufernden verlegerischen Gemischtwarenunternehmens sah, bekam gegen den launischen Freibeuter aus der Münchner Thalmayrstraße mit einer vollen richterlichen Breitseite recht. Nicht nur blieb "Die Andere Bibliothek" an ihrem angestammten Platz; deren flüchtigem Herausgeber wurde auch zugleich untersagt, mit dem gleichen Geschäftsmodell gleich nebenan zu reüssieren. Finis comoedia, incipit comoedia: statt der untersagten literarischen Luxus-Bibliothek hat sich die FAZ daraufhin ganz, in eine bislang vernachlässigte kulturelle Nische geworfen, die sie mit der Nobilitierung des Comics füllt. Das ist ein avantgardistischer Sturmlauf zu den Höhen der modernen Kultur, der zu ihrem aufgeräumten Image und zur Herrschaft der hochsituierten "Donaldisten" in ihrer Feuilletonredaktion besser passt - als die Goldschnitt-Schwere einer bildungsbürgerlichen Bibliothek für die besserverdienenden Stände, welche der erfolgreiche, millionenschwere Geschäftsmann HME und das Frankfurter Zeitungsunternehmen zu beider Nutzen & Frommen doch gerne etwas erleichtert hätten. Ja - und was ist nun mit der vom ihrem Ziehvater verlassenen "Andere Bibliothek"? Kein feuilletonistischer Hahn hat noch einmal danach gekräht - vielleicht deshalb, weil nach Enzensbergers Vabanquespiel mit Abschied von der "Anderen Bibliothek" kein Misthaufen übrig geblieben ist, sondern ein weiterhin verlegerisch durchaus noch sinnvoll & erfolgreich zu bestellendes weites Feld. Der Cesare-Borgia-Satz "Aut Cäsar, aut nihil", gilt offenbar nicht für die selbstläuferische Buchreihe, die sich von ihrem Magnus Cäsar emanzipiert hat, der mit seinem glanzvollen Namen für eine eigensinnige, exklusive, findige, auch exzentrische, jedoch ebenso kalkulierte Buchreihe einstand, deren Reiz, Charme und spekulativer Mehrwert auf eine Kundschaft zählte, die sich das Selbstwertgefühl, zu den happy few der Kenner & Liebhaber zu zählen, etwas kosten ließ - nach der Devise: "Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben". Rückblickend war Enzensbergers Riecher für das Projekt, schöne, lesbare, überraschende Bücher aus allen literarischen Genres zu edieren, vor allem darin richtungsweisend, dass er diese verlegerische Mischkalkulation mit jeweils zwar individuell von Franz Greno gestalteten, aber zugleich bibliotheksaffinen Büchern vorlegte. Weiterhin dadurch, dass er damit ebenso ihren "Reihencharakter" als bibliophile Objekte akzentuierte, wie auch den Sog zur fortlaufenden Ergänzung ihnen einbeschrieb, dem "Die Andere Bibliothek" durch ihr regelmäßiges monatliches Erscheinen von einem Band Rechnung trug und zugleich durch den ökonomisch geringen Vorteil eines Abonnements (oder durch teure Lederausgaben) sich einen harten Kern von Dauerkäufern sicherte, die mit der Edition durch dick & dünn gingen. Diesen kanonisierenden Reihencharakter, mit dem Schnäppchenversprechen, nur "das Beste" ausgewählt zu haben, haben die "Süddeutsche Zeitung" und die Frauenzeitschrift "Brigitte" von "Der anderen Bibliothek" adaptiert: Die SZ mit ihren mittlerweile sich schon überschneidenden Serials von Belletristik-, Krimi-, Kinderbücher-, DVD-Film- und CD-Pop-Editionen; und die Frauenzeitschrift mit der "Brigitte-Edition" ihrer einflussreichen Kolumnistin Elke Heidenreich. "Die Andere Bibliothek", gewissermaßen die Mutter aller solcher Stand-up-Bibliotheken, aber erscheint munter weiter: zwar nur noch von H. M. Enzensberger begründet und in der bewährten & geistvollen Ausstattung des Herstellers Franz Greno, aber - und das ist die amüsanteste Pointe, die sich aus dem fehlgeschlagenen neoliberalen Handstreich des selbstherrlichen HME ergeben hat - nun gewissermaßen auf "genossenschaftlicher Basis" und in "kollektiver" Selbstverwaltung ihrer bisherigen Autoren & Mitarbeiter. So haben H. C. Buch, Anita Albus und Asfa-Wossen Asserate, der in der "Anderen Bibliothek" den Deutschen wieder Manieren beigebracht, die aber deren Herausgeber verschmäht hatte, bereits ihre Lieblingsbücher anderer Autoren präsentiert. Findig sein und fündig werden kann man offenbar auch ohne den abgetretenen "Münchner Leoparden", dessen Wahlspruch in Lampedusas Roman (& Enzensbergers Geschäftskalkül) bekanntlich lautete: "Es muss sich alles ändern, damit alles beim alten bleibt". So ist am Ende in der "Anderen Bibliothek" zwar alles beim Alten geblieben, aber nur sie nicht mehr beim "Alten", sondern in die Obhut der "Anderen" übergegangen. Nur insofern hat sich "Alles" geändert. Wolfram Schütte

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