Handke-Zensur
05.05.2006
Von Wolfram Schütte
“Selbst wenn Handkes Stück kein Propagandawerk ist, verschafft es dem Autor öffentliche Aufmerksamkeit. Ich hatte keine Lust, ihm diese zu geben.” Mit dieser Begründung wegen Peter Handkes Rede auf Slobodan Milosevics Beerdigung hat der Intendant der Pariser “Comédie Francaise”, Marcel Bozzonet, die von ihm verfügte Absetzung von Peter Handkes Theaterstück “Das Spiel der Fragen oder Reise ins sonore Land” begründet, das Anfang 2007 (!) die Saison in der “Comédie“ eröffnen sollte.
In einem “Gemeinsamen Brief“, der eben in Frankreich veröffentlicht wurde, haben die Filmemacher Michael Haneke und Emir Kustorica, der Regisseur Luc Bondy, die österreichischen Schriftsteller Elfriede Jelinek, Robert Menasse, Josef Winkler und der Schweizer Paul Nizon (u.a.) gegen diese “Art der Zensur” protestiert. Sie sei das Ergebnis einer schon jahrelangen “systematischen Ächtung” des bei Paris lebenden österreichischen Schriftstellers wegen dessen bekannter Haltung zu Serbien.Es ist keine “Art” von Zensur, sondern deren schamloseste Form, wie sie bislang nur in politischen Diktaturen ausgeübt wurde, um missliebigen Autoren jegliche Möglichkeit “öffentlicher Aufmerksamkeit“ für ihr künstlerisches Werk zu nehmen und sie in toto mundtot zu machen. Besonders bemerkenswert daran ist, dass sie im Lande Voltaires ausgeübt wird, wo man sich auf dessen bekannteste Toleranz- Diktum: “ Ich verabscheue zwar Ihre Ansichten, aber ich würde mich dafür verbrennen lassen, dass sie sie äußern dürfen”, bislang soviel zugute hielt.
Diese voltairesche Toleranz ist im Falle Peter Handkes aber gar nicht gefordert, weil das Theaterstück “Das Spiel der Fragen” kein Propagandastück ist, wie der Comédie-Intendant selbst erkannte, sondern ein Stück dramatischer Poesie, das der Autor Peter Handke geschrieben hat, von dessen öffentliche Parteinahme “für Serbien” seit Beginn der Jugoslawienkriege der Neunziger Jahre jedermann wusste. Auch dass er den wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagten Milosewicz im Den Haager Gefängnis besucht, darüber geschrieben und sogar noch auf dessen Beerdigung gesprochen hat, ist ebenso bekannt wie kritisiert worden.
Auch mir, um es ganz klar zu sagen, waren & sind Handkes politische Optionen auf dem Balkan nicht nur suspekt, sondern auch zuwider; und es fiel & fällt schwer, seine literarische Produktion von Versuchen, Romanen, Erzählungen und Stücken in Ansehung, bzw. Absehung seiner politischen Äußerungen zu betrachten. Aber: es musste & muss sein, solange sie nicht (wie z.B. die drei serbischen Reisebücher) die Fortsetzung seiner politischen Optionen mit literarischen Mitteln sind. Andernfalls würde die Poesie, die von eigenen ästhetischen Gnaden poetisch ist, in Sippenhaftung für die sonstigen unpoetischen, unmoralischen, wahnwitzigen oder kriminellen Handlungen ihres Autors genommen und damit die Autonomie der Kunst liquidiert. Das hat jetzt expressis verbis der Intendant der “Comédie Francaise” getan. Auf eine andere “Art” als man Peter Handkes moralisch bornierte Serbienparteinahme verächtlich finden kann, ist die offene politische Zensur Marcel Bozzonets: verachtenswert - und ein Angriff auf die Freiheit der Kunst.
Handkes Kollegen und Kolleginnen, die gewiss seine solitären politischen Optionen nicht teilen, haben das besser verstanden, als jeder, der aus Antipathie gegen den starrsinnigen österreichischen Schriftsteller darin nur eine "Bestrafung" sähe, die er sich womöglich selbst zuzuschreiben habe.
Wolfram Schütte
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