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Montag, 21. Mai 2012 | 11:17

Kritik und Lob

07.05.2006

Von Thomas Rothschild

 

Wer die Profession des Kritikers ernst nimmt und nicht, wie das heute immer mehr der Fall ist, mit der des PR-Agenten verwechselt, macht sich nicht nur Freunde. Zu den Topoi, die der Literaturkritiker von Autoren regelmäßig zu hören bekommt, zählt der Vorwurf, er verstehe nichts von der Sache, es fehle ihm schlicht die Qualifikation zu seinem Job. Und gar nicht so selten ist dieser Vorwurf sogar berechtigt. Die Schlampigkeit, die geringe Sorgfalt, die Schludrigkeit der Argumentation und der Sprache, die fehlende Begründung von Wertungen, die viele Rezensionen auszeichnen, sind nicht nur für den betroffenen Autor ein Ärgernis. Aber kurioserweise wird der Vorwurf der mangelnden Qualifikation nur in Bezug auf negative Kritiken laut. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Autor seinem Rezensenten Unfähigkeit vorgehalten hätte, weil dieser ihn zu Unrecht oder auch nur mit den falschen Gründen gelobt hatte. Wieviel glaubwürdiger wäre doch der Tadel seitens rezensierter Autoren, wenn er sich gegen Lob ebenso richtete wie gegen Kritik. Wie die Dinge liegen, drängt sich der Verdacht auf, dass es nicht um mehr Qualifikation, nicht um die Qualität der Auseinandersetzung mit Literatur geht, sondern einzig und allein um die Einforderung von Streicheleinheiten und die Abwehr von Einwänden. Der Bote, der eine unangenehme Nachricht bringt, wird gescholten. Die Botschaft darf dann ignoriert werden.

So macht sich von vornherein suspekt, wer mit einem anderen in Fehde liegt. Da er „etwas gegen ihn hat“, da er vielleicht gar mit jenem eine Rechnung zu begleichen hat, gilt er als befangen und soll nicht gehört werden. Der Vorwurf des Ressentiments macht mundtot. Ob das Ressentiment begründet ist, steht nicht zur Debatte. Als ließen sich Gaunereien nicht benennen, wenn man zuvor schon wusste, dass der Gauner ein Gauner ist, und ihn deshalb verabscheut! Aber die Richtigkeit oder Falschheit einer Aussage muss nicht mehr überprüft werden, wenn demjenigen, der sie ausgesprochen hat, ein unehrenhaftes Motiv unterstellt werden kann. Wenn hingegen umgekehrt jemand einen Freund lobt, so ist von Befangenheit keine Rede. Dann hat er halt einen Freundesdienst erwiesen, sich loyal verhalten. Das mag im privaten Alltag noch angehen. Für die politische Kultur, für die Auseinandersetzung mit künstlerischen Produkten ist es tödlich. In Wahrheit ist schon der befangen, um nicht zu sagen: korrumpiert, der zu Sauereien, zu Dummheiten, zur Unfähigkeit derer schweigt, mit denen er persönlich befreundet ist, mit denen er politisch sympathisiert, die er aus taktischen Gründen deckt. Er ist es jedenfalls nicht weniger als der ressentimentverdächtige Gegner.

Genau besehen läuft alles darauf hinaus, Kritik abzuwehren, unmöglich zu machen. Dabei greifen die immer gleichen Mechanismen. Wenn jemand mit einem Werk, einer Äußerung, einer Aktion an die Öffentlichkeit getreten ist und auf entgegengesetzte Reaktionen trifft, so ist er mit voraussehbarer Gewissheit geneigt, bei seinen Kritikern finstere Motive zu erkennen, für deren Durchleuchtung ihm ein ganzes Arsenal psychologischer Erklärungen zur Verfügung steht, während aus jenen, die ihm zustimmen oder huldigen, für ihn die pure Einsicht in die Wahrheit spricht. Das spiegelt sich auf dem (Kultur-)Markt in der Schamlosigkeit, mit der beifällige Aussprüche zu Werbezwecken zitiert werden – und es gibt Rezensenten, die schon bei der Formulierung ihrer Rezensionen an solche zitierbare Sätze denken, deren Wiedergabe der Eitelkeit schmeichelt.

Nun mag man resignieren: so ist der Mensch halt. Er braucht Zuspruch und er benötigt Schutzmechanismen, um in einer immer aggressiver werdenden Umwelt überleben zu können. Vielleicht dürfen wir uns mehr Aufrichtigkeit, mehr Selbsterkenntnis, mehr Konfliktbereitschaft nicht erhoffen. Dann sollten wir uns aber auch nicht in die Tasche lügen, wenn emphatisch von Öffentlichkeit gesprochen wird. Die hat doch sehr enge Grenzen. Wo die Kritik anfangen sollte, werden schon die Türen zugeschlagen.

Thomas Rothschild

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