Der Heine-Preisträger Peter Handke
30.05.2006
Rundum falsche Verwandtschaften
Von Wolfram Schütte
Wenn es stimmt, was jetzt aus dem Kreis der Juroren für den Düsseldorfer Heine-Preis an salvierender Nachrede verbreitet wird, dann hat Sigrid Löffler, die Chefredakteurin von “Literaturen”, die anderen Jurorengehört mit dem Argument, es handele sich um einen Autor von weltliterarischem Rang, dazu gedrängt, den diesjährigen Heine-Preis an ihren Landsmann Peter Handke zu vergeben. “Handke und die Weltliteratur”: es mag schon sein, dass er mit seinen Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Journalen dazu gehört.
Jedoch nicht als Globalplayer der Literatur wurde seine Nominierung zum Heine-Preisträger ausgelobt, sondern - wohl von seiner entschiedensten Befürworterin formuliert - dass Handke “eigensinnig wie Heine... den poetischen Blick auf die Welt rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale” setze. Gemeint können, müssen & sollen damit einzig Peter Handkes mehrfache literarische Optionen für Serbien sein.
Diese Begründung für den Heine-Preis ist aber ebenso hanebüchen wie absurd; und Handkes serbophilen “Eigensinn” mit Heines literatur- und kulturpolitischem Mut wider das reaktionäre, von Metternich überwachte Deutschland und gegen den deutschen Chauvinismus seiner Tage in eine Nachfolge-Beziehung zu setzen, offenbart eine Unverschämtheit, welche eine Intelligenz, wie sie bei Sigrid Löffler vorhanden ist, nur durch die Macht eines ihr überlegenen Vorurteils außer Kraft setzen konnte.
Und zwar derart: Nachdem Handke, wegen seiner jugoslawischen Optionen (die er als Redner bei Milosevics Beerdigung allerdings aus der Vagheit seiner Serbophilie ins personalisierte Extrem getrieben hatte) eben in Frankreich ein Strick gedreht worden war, sei es nun an Deutschland, “Gerechtigkeit für Peter Handke” zu fordern: im Namen Heinrich Heines. Denkbar wäre eine solche Reaktion auf Seiten Löfflers; aber sie wäre dennoch undurchdacht; und im Namen Heines sogar: dummdreist.
Mit dem metropolitanischen Intellektuellen, Republikaner, Demokraten und Journalisten Heinrich Heine, dem alle nationalistische & ethnische Tümelei ein verachtenswerter Graus war, hat Handkes ethnische Option, seine romantische Identifikation mit dem serbischen Volk & schließlich seine offene Parteinahme für einen mediokren politischen Diktator nichts gemein. Es sind sogar absolute Gegensätze. Heine hat (oder hätte), in der politischen Kontroverse, nie wie Handke, den “poetischen Blick” als per se “überlegene”, gar “unschuldige” Wahrnehmung der politischen Realität gegen deren pragmatische, empirische, intellektuelle, recherchierte, journalistische Wahrnehmung ins Feld geführt. Es gehört aber gerade zur poetischen Korruptheit von Handkes drei Serbien-Reise-Büchern, dass sie Tiefenerkenntnis qua Poesie sich zuschreiben, um nicht zu sagen “erschwindeln”, indem sie die Realität nur selektiv wahrnehmen & intellektuell ausblenden. “Eigensinnig” war Heine nicht, sondern: weltoffen, witzig, intelligent, frech und mutig. Könnte man das auch von Handke sagen? “Eigensinnig” jedoch kann auch ein Idiot sein, er sogar am eigensinnigsten, will sagen: ohne spezifizierbaren, qualifizierbaren Inhalt ist das Wort als positives Charakteristikum eine intellektuellen oder moralischen Haltung unsinnig.
Ein “Eigensinn”, der sich aber auch noch “rücksichtslos” gegen was auch immer wendet, kann - wenn Worte noch einen Sinn haben - nur ignorant, verbohrt, inhuman und terroristisch sein. Mit & in diesem Sinne gelobt zu werden - erst recht im Namen Heinrich Heines - müsste jedem, der noch ein Sprachempfinden besitzt, als infame Beleidigung erkennbar sein. Insofern wäre die begründete Auslobung Peter Handkes unfreiwillig und paradoxerweise die schlüssigste Begründung dafür, dass er als Heinrich-Heine-Preisträger gerade nicht in Frage käme. Er ist es aber. Wird er es sein & bleiben?
Schon spekulieren unter der Vielzahl der Kritiker dieser Jury-Entscheidung manche, die Düsseldorfer Rathausfraktionen könnten die Ratifikation des Votums verweigern, um den losgetretenen Skandal zu verhindern - & noch einen draufzusetzen! Denn es waren ja in der Jury höchste Vertreter der Stadt Düsseldorf, Peter Handke & seine strittigen politischen Einlassungen waren bekannt und die Entscheidung ist, wie eher üblich als unüblich, nicht einstimmig, sondern mehrheitlich (12 : 5!) gefallen. Hätte es unter den Juroren welche gegeben, denen die Wahl grundsätzlich gegen den Strich gegangen war, hätten diese Dissidenten während der Wahl mit ihrem Austritt drohen oder ihn danach öffentlich begründet vollziehen müssen. Das ist nicht geschehen. Erst das Presseecho hat manche die Flucht nach hinten antreten lassen.Wer sich jetzt für die nachträgliche Annullierung der Juryentscheidung ausspricht, bestreitet die Unabhängigkeit der Jury und plädiert für eine politische Zensur. Uwe Wittstock, der sich dieses Dilemmas bewusst ist, hat (in der “Welt”) vorgeschlagen, die Jury sollte die Begründung ihrer Wahl aufs Neue & anders begründen. Das scheint nur auf den ersten Blick salomonisch, wäre aber denn doch eine weitere Verlegenheit - ohnehin wussten wohl nicht alle Juroren, wen sie in Peter Handke als Schriftsteller sich vorzustellen hatten.
P.S.Sigrid Löffler spricht nun von einer auf sie (oder Handke oder beide) losgelassene “Hetzmeute” (E. Canetti), andere Jurymitglieder bringen ihre Kandidaten ins Gespräch, der frühere Heine-Preisträger Günter Kunert erwägt seinen Preis zurückzugeben, Caroline Fetscher im “Tagespiegel” stellt fest, dass “Handkes Kasse ein wenig klamm sein soll” und mit dem Preis 50.000 ¤ “Steuergelder in Handkes Tasche fließen sollen” und Peter Handke wartet in der FAZ (v. 30.5.06) mit einem am 27. Mai frisch von ihm geschriebenen Gedicht auf: “Ah, die alte Frau dort, meine Leserin / die einzige, die mich noch grüßt? / Und wenn sie mich nicht grüßt ? / Was für ein Abenteuer! / Und sie grüßte. / Und ein zweiter grüßte, ein Unbekannter. / Und ein dritter dann”. Die Zeilen, merkt Handke bedeutungsvoll an, seien “H.H. gewidmet”. Warum nicht Sigrid Löffler?
Wolfram Schütte
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