Verletzung eines Tabus
12.06.2006
Geizige Frauen?
Die österreichische Frauenministerin hat erkannt, was das wichtigste Desiderat einer modernen Frauenpolitik ist: Sie will in die österreichische Bundeshymne, deren Text weniger bekannt ist als jeder Song der Beatles, neben den „großen Söhnen“ auch die „großen Töchter“ einfügen, auf Kosten des Satzprädikats – aber wen kümmert schon die Grammatik. So ist die „Theorie“ der feministischen Linguistin Senta Trömel-Plötz endlich dort angekommen, wo sie immer schon hingehörte: bei den Konservativen, den Gewerkschaftsfeinden, den Betreibern des Sozial- und Bildungsabbaus. Sprachkosmetik statt gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit. Hymnenredaktion statt Schutz polnischer Putzfrauen vor Ausbeutung. Nebenbei: der Text der österreichischen Bundeshymne stammt von einer Frau.
Derlei auszusprechen gilt als ungehörig. Nichts – die katholische Kirche ausgenommen – ist heute so sehr tabuiert wie die Frauenbewegung. Hätte diese nur halb soviel Selbstkritik betrieben wie die Studentenbewegung, dann wäre manche Monstrosität zur Sprache gekommen. Wobei man dafür mit historischem Verstand Nachsicht verlangen kann – vorausgesetzt, man zeigt sie auch gegenüber den 68ern! Wie die Dinge aber stehen, schweigen die Frauen aus falsch verstandener Loyalität und Männer aus purem Opportunismus zu den krassesten Widersprüchen und Dummheiten von Frauen, die in Wahrheit den nach wie vor dringend nötigen Forderungen der Frauenbewegung nur schaden.
Hannelore Hoger hat der Zeitschrift Der Feinschmecker anvertraut, was sie nicht mag: geizige Männer. Hannelore Hoger ist eine überragende Schauspielerin. Man kennt sie zudem als politisch interessierte Frau, die ohne Zweifel dem linken Spektrum zuzurechnen ist. Was bringt diese intelligente Frau dazu, Männer als geizig zu charakterisieren, die ihre, Hannelore Hogers Restaurantrechnung nicht bezahlen wollen? Hat man jemals gehört, dass eine Frau als geizig gekennzeichnet wurde, weil sie nicht mit größter Selbstverständlichkeit die Rechnung übernahm, wenn sie mit einem Mann essen ging, der weniger verdient als sie? Das soll ja vorkommen.
Die Frauen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten viele – viel zu wenige, aber immerhin beachtliche – Rechte erkämpft. Sie haben in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür hergestellt, dass es keine Berechtigung dafür gibt, sie ökonomisch, politisch, menschlich schlechter zu behandeln als Männer. Sie wollen nicht benachteiligt werden, und darin kann sie nur jeder vernünftige Mann unterstützen.
Aber viele Frauen – nicht alle, aber immerhin erstaunlich viele – wollen trotzdem von den Vorteilen profitieren, die eine patriarchalische Ordnung für Frauen bereithielt. Sie sind nicht willens, den Preis der Emanzipation zu bezahlen. Sie mokieren sich über Männer, die nicht automatisch für sie bezahlen, selbst wenn sie ebenso viel wie jene oder mehr verdienen, die also die traditionelle Rolle des ökonomischen „Beschützers“, die nichts anderes impliziert als verkleidete Prostitution, nicht mehr spielen wollen. Sie nehmen gerne die patriarchalischen Vorurteile konservativer Richter in Anspruch, die ihnen bei einer Trennung unter Berufung auf den Mythos von der Priorität des Mütterlichen die Kinder zusprechen. Sie erwarten von männlicher Seite Höflichkeitsgesten, die sie nicht erwidern. Und es gilt nach wie vor als gesellschaftlich akzeptabel, dass eine Frau darüber reflektiert, ob sie ein Heiratskandidat erhalten, ob er ihr ein „standesgemäßes“ Leben garantieren kann, während ein Mann, der solche Überlegungen öffentlich anstellt, der Lächerlichkeit, wenn nicht der Verachtung anheim fällt. Die Rede von der „guten Partie“, die keineswegs ausgestorben ist, bezieht sich fast immer auf einen Mann. Wohl wahr: da die Berufschancen für Frauen nach wie vor schlechter sind als für Männer, gibt es für solche langlebigen Zustände auch objektive Gründe. Aber die Arbeitslosigkeit betrifft Männer nicht weniger als Frauen. Unter diesen Umständen relativiert sich die Frage, wer von wem ökonomisch abhängt.
Die empörten Reaktionen voraussehend und in Kauf nehmend, behaupte ich (und lasse mich gerne durch verallgemeinerbare Erfahrungen, nicht aber durch Dogmen widerlegen): die bürgerliche Frauenbewegung – und eine andere ist zur Zeit nicht auszumachen – hat darauf verzichtet, der kapitalistischen Gesellschaft eine humanere Alternative entgegenzusetzen. Stattdessen kopieren Frauen alles, was an Männern immer schon widerwärtig war. Wenn sie schon nicht das Recht auf gleiche Bezahlung für geleistete Arbeit durchsetzen konnten, so wollen sie, wie es scheint, wenigstens das gleiche Recht auf Gemeinheit beanspruchen wie Männer. Zugespitzt formuliert: Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, als stellte sich für manche Frauen die Tatsache, dass im Nationalsozialismus auch eine Blutige Brygida Karriere machen und mit den männlichen KZ-Aufsehern konkurrieren konnte, als emanzipatorische Errungenschaft dar.
Die Frauenbeauftragte etwa, die schweigt, wenn ihr männlicher Vorgesetzter und Förderer eine Kollegin desavouiert oder demütigt, weil sie mit dieser um eine Stelle konkurriert, ist leider kein Einzelfall. Der Verdacht drängt sich auf, dass es in vielen Fällen niemals um die Rechte von Frauen, geschweige denn von anderen benachteiligten Gruppen und Individuen, sondern stets nur um die eigenen Vorteile ging. Es wird viel geheuchelt in der Geschlechterfrage.
In einem im vergangenen Herbst erschienenen Buch über die Politische Kultur in Österreich 2000-2005 verurteilt die Politikwissenschaftlerin und Ökonomin Gabriele Michalitsch die Bestellung eines Mannes zum Frauenminister: „Biologische Männlichkeit stellt weder ein Programm noch ein Qualifikationsmerkmal dar, politisches Problembewusstsein aber ist nicht von persönlichem Erfahrungshorizont zu trennen. Sensibilität für Diskriminierung und Sexismus, feministische Sozialisation und Verbindungen zur Frauenbewegung, die dem Frauenminister allesamt fehlen, prägen Zugang zu Geschlechterpolitik, Willen zu Gleichstellung und politische Durchsetzungsbereitschaft. Des Ministers Leiblichkeit erwies sich denn als durchaus programmatisch.“
Diese Aussage ist, sieht man von dem sinnwidrigen, weil keinen Gegensatz markierenden „aber“ im ersten Satz ab, offenkundig richtig. Sie ist so offenkundig richtig, dass man sich fragen muss, warum andere, analoge Aussagen nicht ebenso offenkundig als richtig erscheinen, zum Beispiel, dass es einen programmatischen Unterschied macht, ob eine Frau oder ein Mann mit Ministergehalt oder eine Sozialhilfeempfängerin, ein Sozialhilfeempfänger Sozialministerin oder Sozialminister ist; ob ein Kind von Akademikern oder ein Absolvent des zweiten Bildungswegs Wissenschaftsminister ist; ob ein Unternehmer oder ein Gewerkschafter Wirtschafts- oder Arbeitsminister wird; ob eine Autofahrerin oder eine Radfahrerin Verkehrsministerin ist; ob ein Gläubiger oder ein Agnostiker Unterrichtsminister ist; ob eine Behinderte oder eine Unversehrte Gleichstellungsbeauftragte wird; ob ein Christ oder ein Jude eine Forschungsstelle zum Antisemitismus leitet. Ist es nicht bemerkenswert, dass keine andere gesellschaftliche Gruppierung eine Lobby hat, die jener der Frauen vergleichbar wäre und ihre offenkundig richtigen Forderungen für die Öffentlichkeit deponierte? Und wie kommt es, dass den Frauen, die einst vorgaben, mehr Gerechtigkeit erkämpfen zu wollen, all diese Erfahrungshorizonte und Leiblichkeiten nicht ins Visier geraten? Sind sie etwa gegenüber Sozialhilfeempfängern, Behinderten etc. ebenso blind und borniert wie der von der blau-schwarzen Regierung bestellte Frauenminister ihnen gegenüber? Das würde den Frauenminister nicht absolvieren. Aber es ließe wenig Hoffnung zu auf eine humanere Welt.
Thomas Rothschild
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