Petits riens (1)
07.08.2006
Von Wolfram Schütte
Kürzlich, als es wieder Zeugnisse in den Schulen gab und manche Schüler zu den Sitzenbleibern zählten, beschäftigte sich das TV-Politmagazin “Monitor” mit dem Thema. Es plädierte aus verschiedenen bedenkenswerten Gründen dafür, vom schulischen Sitzen bleiben Abstand zu nehmen. Nachdem psychologische und soziale Gesichtspunkte angeführt worden waren, zog man als letzte Trumpfkarte die Ökonomie. Es sei einfach volkswirtschaftlich zu teuer, Sitzenbleiber “rechnen sich nicht“, resp. eben doch, weil sie pro Schüler 5000 ¤ im Nachholjahr kosteten und wenn man das hochrechne, dann ... etc.
Es verblüfft mich immer wieder, wie unverblümt die Ökonomie bei allem & jedem ins Spiel & Kalkül gebracht wird und wie schnell alles & jedes angeblich seinen Fixpreis hat. Wer hat da wie gerechnet - und hat jemand auch mal nachgerechnet?
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“Die große Wut” war ein Artikel im Wirtschaftsteil der SZ überschreiben. In ihm wird beschrieben, wie ein “48 jähriger Familienvater mit dem Vorstadthäuschen”, der “drei Jahrzehnte lang bei AEG in Nürnberg die Knochen hingehalten” hat, “jetzt gehen muss”, weil der schwedische Mutterkonzern Elektrolux die dortige Produktion nach Osteuropa verlagert. Er ist einer von 1700, die “gehen müssen”. Aber man hat in sechs Streikwochen einen Sozialvertrag erstritten, der ihm “deutlich über 100.000 ¤“ einbringen wird. Obwohl er seine Zweifel hat, ob er noch eine Arbeit findet, seine Frau daran denkt, als “Tagesmutter” etwas dazuzuverdienen, hat der “Kaufmann und Betriebswirt schon mal gerechnet: Die Abfindung, der Zuverdienst der Ehefrau, Versicherungen, das bisschen Ersparte - mit bescheidenem Lebensstil könnte es gerade so bis zur Rente reichen. Über kurz oder lang muss ein neues Auto her. Es soll wieder ein Saab werden: 'Auch wenn das ein Schwede ist'“ (SZ). Also chauvinistisch ist der Mann mit der “großen Wut” zumindest nicht, wenn er auch im Gespräch gesagt hat, die schwedische Elektrolux “soll vom Handel boykottiert werden, untergehen sollen sie, jedenfalls ich kaufe nur noch Geräte von der Konkurrenz”. Warum aber ein Saab, der zu den teuersten Automarken zählt, zum “bescheidenen Lebensstil” gehört, ist mir nicht recht klar geworden. Ein bisschen kleiner, beschiedener geht wohl nicht? Oder: “Man gönnt sich ja sonst nichts“? Oder wollte einem der Journalist aus dem bekanntlicherweise neoliberalen Wirtschaftsteil der SZ vorführen, wie blau das Auge doch (nicht) ist, mit dem der Mann mit der “großen Wut” noch einmal davon gekommen ist?
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Als Wink mit dem Zaunpfahl, meinte die FR, sei Bundeskanzlerin Merkles “Mahnung” gedacht, wonach “herausgehobene Stellungen, die man über viele Jahre machen will, “(ein Deutsch wie von Kohl) “sich auf Dauer nach meiner persönlichen Einschätzung nicht mit einem Bundestagsmandat (vertragen)”. Das ziele “klar” auf den CDU- Bundestagsabgeordneten Reinhard Göhner ab, der jetzt “unter erhöhten Druck” geraten sei, nachdem sein Parteifreund Norbert Röttgen, der ab 2007 sein Bundestagsmandat um den Posten des Geschäftsführer des “Bundesverbands der Deutschen Industrie “ (BDI) bereichernd ergänzen wollte, nach langer öffentlicher Diskussion darauf verzichtete - und als einfacher (unbezahlter) Lobbyist weiter in deren Sinne tätig sein wird. Wäre der BDI nicht gewesen, der ihn zur Entscheidung gedrängt hat, er hätte nicht darauf verzichtet.
Aber was meint Frau Merkel damit, dass sich Neben-, resp. Hauptverdienste von Bundestagsabgeordneten in “herausgehobenen Stellungen auf Dauer nicht mit einem Bundestagsmandat vertragen”? Im Falle des jetzt “unter Druck” geratenen Reinhard Göhner, der seit 1996 (!) als Bundestagsabgeordneter auch noch “Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arbeitgeberverbände” (BDA) ausübt, haben sich nun schon 10 Jahre, also auf Dauer, die beiden Tätigkeiten aus Einträglichste und Problemloseste “vertragen“. Nie hat er, worüber jetzt die Saubermänner in “Boulevardmedien” (wie die FR schreibt) sich alterieren, Gewissens- oder schlimmer Loyalitätskonflikte aushalten müssen. Denn er ist ja von seinen Wählern als Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber gewählt worden. Es war deshalb nur zu verständlich, dass BDA-Chef Dieter Hundt, wie die FR weiter berichtet, “die Doppeltätigkeit seines Topmanagers unlängst sogar hilfreich” genannt hat. Hilfreich insofern, als Göhners offenkundige & -sichtliche Lobbyistentätigkeit wenigstens nicht über dunkle Kassen des BDA, sondern vor aller Augen abgerechnet werden kann?
Bleibt nur noch unsere Bundeskanzlerin mit ihrer “persönlichen Einschätzung”. Nun ja, die Frau ist noch zu unerfahren & noch nicht lange genug dabei. Warte nur, balde, schätzt es auch du - anders ein.
Wolfram Schütte
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