Fälliger Dank
14.08.2006
Auslandsösterreicher wider Willen
In zahlreichen Kommentaren wurde der Fußball-WM als Verdienst angerechnet, dass sie den Deutschen wieder Optimismus und Selbstvertrauen verliehen habe. Ich weiß nicht, ob es zutrifft, dass die Deutschen in den vergangenen Jahren besonders nörglerisch, verzagt und kleinmütig gewesen seien. Wenn sie nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts tatsächlich selbstkritischer und argwöhnischer gegenüber hohlem Pathos und falschen Tönen sind als andere Völker, dann kann einen das nur freuen.
Dennoch, kein Zweifel: es gibt eine Menge zu beanstanden an Deutschland und seinem Umgang mit Ausländern. Jeder Versuch, Kritik daran zu unterbinden, ist – es lässt sich nicht weniger theatralisch ausdrücken – eine Gefahr für die Demokratie. Aber man sollte fair sein. Und die tauglichen Maßstäbe bewahren. Biographische Erfahrungen können solche Maßstäbe zur Verfügung stellen.
Als während meines Studiums der Slavistik in Wien der als Lehrbeauftragter für den Sprachunterricht zuständige russische Emigrant Georg Dox mit fünf Studenten nach Moskau reiste, zog er mir solche vor, die schlechter Russisch sprachen und bei Prüfungen schlechter abgeschnitten hatten. Dasselbe galt für die Mehrheit jener fünf Studenten, die bald darauf staatliche Stipendien für ein Studienjahr in Moskau bekamen. Ich war der Einzige, der in jenem Jahr vom zuständigen österreichischen Bundesministerium abgelehnt wurde. Als ich mich um eine Lektorenstelle am (damals eben gegründeten) Österreichischen Kulturinstitut in Warschau bewarb, kam es lediglich zu einem kuriosen Gespräch in der Wohnung des Universitätsprofessors für Osteuropäische Geschichte Walter Leitsch, in Anwesenheit des Leiters des Kulturinstituts Fritz Cocron. Das war’s dann auch schon. Ich wurde diskret nach meinen politischen Ansichten befragt („das hat natürlich keinerlei Bedeutung für die Stellenbesetzung!“) und habe anschließend nichts mehr von den beiden Herren gehört.
Ich durfte in Wien niemals auch nur wissenschaftliche Hilfskraft werden. Mein Doktorvater Günther Wytrzens sparte nicht mit Lob für meine Fähigkeiten. Die Assistentenstelle aber bekam mein Jahrgangskollege. Er war der bessere Katholik. Er sitzt immer noch in dem Institut, in dem wir zusammen studiert haben. In den seither vergangenen vier Jahrzehnten hat er zwei Aufsätze und ein Schulbuch veröffentlicht.
Als ich dann, viele Jahre später, doch von den Gremien der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz auf den ersten Platz einer Berufungsliste gesetzt wurde, berief der Sozialdemokrat Caspar Einem in seiner Eigenschaft als Wissenschaftsminister eine zweitplazierte Frau, die, was die Angelegenheit umso demütigender erscheinen lässt, nicht einen einzigen eigenen Gedanken veröffentlicht hat, sondern ausschließlich in Archiven Aufgefundenes und von Zeitgenossen Erfragtes. In anderen Fällen hat Einem durchaus Männer berufen, obwohl Frauen auf der Liste standen. Das musste er schon deshalb, weil ein Automatismus der Bevorzugung von Frauen gegen europäisches Recht, das so genannte Diskriminierungsverbot, verstieße und es, wenn dieser Automatismus zum Prinzip gemacht würde, ja sinnlos wäre, überhaupt einen Mann auf eine Berufungsliste zu setzen, auf der auch eine Frau steht. Zudem hätte man mich nicht ein Jahr lang als billige Arbeitskraft ausbeuten können, die man im Glauben ließ, ihre Berufung stünde unmittelbar bevor. Was also unterscheidet mich von jenen Männern, die Einem gegen eine weibliche Konkurrenz berufen hat? Offenbar weder der Mundgeruch, noch meine Vorliebe für Szegediner Gulasch, sondern die Tatsache, dass ich Linker und Jude bin.
Wenn aber Caspar Einems Selbstdarstellung als Linker nur die Spur einer Berechtigung hat, dann kann meine politische Einstellung nicht der Grund für die abweichende Behandlung sein. Bleibt, dass ich Jude bin.In einem Aufsatz schrieb Evelyn Deutsch-Schreiner zutreffend: „Die lauten und wiederholt vorgetragenen Appelle an Versöhnung kamen justament von Angehörigen der Tätergesellschaft. Wer sich so nicht versöhnen wollte, musste den Vorwurf der Unversöhnbarkeit, ja des angeblich alttestamentarischen Rachegedankens in Kauf nehmen. […] Man verlangte von den Juden Versöhnung und meinte Nichts-mehr-davon-wissen-wollen.“ Und: „Weder wurden jüdische Emigranten in ihre staatsbürgerlichen Grundrecht wiedereingesetzt, noch wurden ausreichende finanzielle Entschädigungen angeboten.“ Die Rede ist von Österreich. Damit es so bleibt, hat Deutsch-Schreiner dafür gesorgt, dass ich weiterhin im Ausland leben mss, 700 Kilometer von dem Bisschen Familie entfernt, das nach den allseits willkommenen Aktionen der Nationalsozialisten in Österreich übrig geblieben ist, dass ich weniger als die Hälfte des Einkommens und der Rente erhalte und erhalten werde, die ich auf dem Lehrstuhl verdient hätte, den Deutsch-Schreiner sich zuschanzen ließ.Um den Befund zu objektivieren: Unter meinen jüdischen Schulkameradinnen und -kameraden und Studienkolleginnen und -kollegen, die eine akademische Karriere einschlagen konnten, ist nicht eine Einzige, nicht ein Einziger, die/der dafür nicht ins Ausland gehen und dort bis heute bleiben musste. Aus meiner Schule hat es lediglich die etwas jüngere Ruth Wodak geschafft. Dass ihr Vater ein sehr prominenter Sozialdemokrat war, konnte offenbar das doppelte Manko Jüdin + Frau ausnahmsweise kompensieren.Und nun finde ich mich in einer Ausstellung mit dem Titel „Das 10. Bundesland“ wieder, die im Gebäude des österreichischen Parlaments von Nationalratspräsident Andreas Khol und Bundespräsident Heinz Fischer mit blumigen Worten und anbiedernden Komplimenten an die Auslandsösterreicher („die zahlreichen MitbürgerInnen im Ausland sind eine Gesamtvisitenkarte Österreichs“) eröffnet wurde. Ich figuriere da unter der Überschrift "Österreichs Beitrag zur Kultur der Welt ist anerkannt". Man ist ja daran gewöhnt, dass so manche, so mancher sich in Österreich aus der Erforschung und Dokumentation der 1945 keineswegs beendeten Vertreibung der Juden ein lukratives Geschäft macht, während nichts unternommen wurde, die österreichischen Juden in ihre Heimat zurückzuholen. Aber dass jemand, den man sein Leben lang in Österreich nicht haben wollte, der stets als Bürger zweiter Klasse behandelt wurde, für „Österreichs Beitrag zur Kultur“ und als „Visitenkarte“ in Anspruch genommen wird, übertrifft an Sarkasmus die Erwartungen selbst des abgebrühtesten Österreichkenners. Dass auch nicht-jüdische Künstler und Wissenschaftler, die man daheim behandelt hat wie den letzten Dreck und denen nichts anderes übrig blieb, als das Land zu verlassen, für Österreich missbraucht werden, wenn sie in der Welt „anerkannt“ sind, macht die Sache nicht besser.
Solange also das Wort „Auslandsösterreicher“ für ein Synonym eines Botschafters gehalten wird, der seinen Dienst zu leisten hat und den man dafür mit Verachtung belohnt, lehne ich diese Bezeichnung ab. Ich bin ein Exilant, und keiner soll künftig behaupten, ich hätte mir diesen Status freiwillig gewählt. Man darf ihn für gerechtfertigt halten. Aber dann soll man das offen sagen, wie man nach 1938 kein Hehl daraus gemacht hat, dass man die Vertreibung der Juden eigentlich für eine gute Idee hält. Man sollte, statt sich hinter billigendem Schweigen (dem „Nichts-davon-wissen-wollen“) zu verbergen, die heimliche Befriedigung über die Ausschaltung einer unliebsamen Konkurrenz aussprechen. Und nicht meinen Patriotismus einfordern, wenn die österreichische Nationalmannschaft bei der Fußball-WM ins Halbfinale kommt. Oder habe ich da etwas verwechselt?
Ich lebe und arbeite nun also mehr als achtunddreißig Jahre mit einem österreichischen Pass in Deutschland. Ich muss gestehen, dass ich beflaggten Autokolonnen wenig abgewinnen kann und dass ich Probleme habe, nur ein „großes Fest“ und keine nationalistischen Anwandlungen zu erkennen, wenn dieses angebliche Fest nicht bruchlos in eine Italienische Nacht übergeht, in der alle die Freude ihrer italienischen Nachbarn teilen, sondern stattdessen von „maßloser Enttäuschung“ die Rede ist. Auch will mir die These von der völkerverbindenden Wirkung des Sports nicht in den Kopf, solange ein schwarzer Spieler in einer deutschen Mannschaft als „Bimbo“ diffamiert wird.
Aber in all den Jahren bin ich, anders als in meiner österreichischen Heimat, nur ein einziges Mal, seitens eines besoffenen Nachbarn, offenem Antisemitismus begegnet. In all den Jahren wurde ich in Deutschland weitaus besser behandelt als in dem Land, dessen Staatsbürgerschaft ich besitze. Niemals hatte ich hier den Eindruck, benachteiligt zu werden. Niemals hatte ich, wie in Österreich, das Gefühl, dass ich mich noch so sehr anstrengen könnte und doch keine Chancen hätte.
In Österreich konnte man in den Nachkriegsjahren und bis zum Aufstieg Jörg Haiders davon ausgehen, dass, wer deutsch-national ist, auch dem Antisemitismus zuneigt. Die Umkehrung gilt aber keinesfalls. Man kann in Österreich – unabhängig von der sozialen Herkunft und vom Bildungsstand – durchaus die „Piefkes“ und die Juden gleichermaßen verachten. Solchen Feindseligkeiten etwa, wie sie der Deutsche Claus Peymann einstecken musste, weil er „Chance“ angeblich als „Schangse“ ausspricht, war ich als österreichischer Jude in meiner Heimat, niemals aber in Deutschland ausgesetzt.
Mehr noch: In diesen achtunddreißig Jahren habe ich mich in Schrift und Rede zur deutschen Politik geäußert, und zwar keineswegs unkritisch. Niemals hat mich jemand ermahnt, dass ich mich als Ausländer gefälligst aus deutschen Angelegenheiten herauszuhalten habe. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es gibt nicht viele Länder, in denen die Beteiligung von Ausländern an der Politik so liberal gehandhabt wird wie in Deutschland. Die anfangs erwähnten Missstände im Umgang mit Ausländern, zumal mit Flüchtlingen und Asylsuchenden, sind dadurch nicht außer Kraft gesetzt. Und ich wünschte mir, dass, wer in Deutschland Steuern zahlt, auch jenseits von Kommunal- und Europawahlen ein Stimmrecht erhält. Aber dass ich in diesem Land nicht nur leben und arbeiten, sondern mich auch publizistisch und politisch einmischen und betätigen darf, ist mehr als eine Marginalie. Dafür will ich mich – als Auslandsösterreicher oder als Exilant, jedenfalls aber als Gast – einmal bedanken. Zur Kritik wird es noch genug Anlass geben.
Thomas Rothschild
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Gegen die Dominanz des Beliebten
Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Verstaubt ohne Ende
Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
|