Verzwirbelt
21.08.2006
Die Inszenierung eines Skandals a la manière de Schirrmacher
Von Wolfram Schütte
Was einmal die Domäne von “Spiegel” oder “Stern” war, ist mit der fortlaufenden Karriere des (seit 1994) FAZ-Herausgebers Dr. Frank Schirrmachers journalistisch von den Hamburger Wochenmagazinen zu der meinungsführenden deutschen Tageszeitung in Frankfurt a. M. übergewechselt: die perfekte mediale Inszenierung eines Skandals und dessen logistische Handhabung & Beherrschung von A bis Z. Gegen diese meinungsbildende Moderne im heutigen Kultur-Journalismus sehen die vergangenen “Spiegel”- & “Stern”-Skandalisierungen der politischen Agenda wahrlich alt aus.
Während Wochenzeitungen zwar einen Skandal zünden können, dann aber für eine Woche schweigen müssen, kann die Tageszeitung dessen laufende Befeuerung täglich fortsetzen und somit einen Flächenbrand nicht nur verursachen, sondern auch unter eigener Kontrolle halten und steuern. Was dort als geheimes Kommandounternehmen beginnt, wird mit der Publikation zu einem Feldzug, der die davon düpierten medialen Konkurrenten entweder (widerwillig) zum Mitmachen zwingt, oder auch dazu, nun ihrerseits daraus ihren eigenen Aufmerksamkeitsprofit zu ziehen. So bildet sich im Handumdrehen eine publizistische “Erregungsmeute” (E. Canetti), in der notwendigerweise alle mitheulen oder -kläffen müssen, die dazu nicht schweigen wollen. Wer schweigt, redet sich zwar nicht den Mund fusslig oder sabberig, lässt aber auch widerspruchslos “den Dingen ihren Lauf”: ein unlösbares Dilemma.
Frank Schirrmacher, der seit geraumer Zeit immer öfter vergessen ließ, dass er Germanistik studiert hat und immer nachhaltiger den Eindruck erweckt, insgeheim an einem Spitzeninstitut der globalen Werbebranche seinen Doktortitel erworben zu haben (zumindest könnte er heute dort als Professor für Medienkunde, Netzwerkökonomie und Produktmarketing lehren), hat im Laufe des letzten Jahrzehnts immer besser gelernt, virtuos & (versteht sich auch) skrupellos auf der Klaviatur der publizistischen Skandalisierung zu spielen. Sie dient nicht allein der eigenen, persönlichen Profilierung, sondern auch sowohl dem damit unübersehbar “meinungsführenden” publizistischen Organ, als auch dem Marketing des skandalisierten Produkts oder der “umstrittenen” Person: ein dreifacher materieller Gewinn, der selbst den immateriellen Schaden eines davon Betroffenen lukrativ versüßt.
Schirrmachers solitäre Spezialität ist es, was früher als “Sensations- & Kampagnenjournalismus” dem niederen “Boulevard” von der seriösen Presse negativ zu Buche geschrieben wurde, auf die Höhe des Qualitätsjournalismus gehoben & dort ohne zu erröten temporär exekutiert zu haben - und: damit vornehmlich im Bereich von Literatur, Kultur & Gesellschaft zu wildern.
Einen Qualitätssprung hat er dann höchstselbst zum Millionenbestseller-Autor mit seinen alarmistischen Büchern vom “Methusalem-Komplex” (2004) und “Minimum”(2006) vollzogen, deren Themen (Vergreisung der Gesellschaft & Erosion der Familien) zuvor das FAZ-Feuilleton vielstimmig, lautstark & kontinuierlich beackert hatte, wohingegen er seine Sachbuch-Resümees durch Vorabdrucke im “Spiegel” & “Bild” über den FAZ-Rahmen hinaus bekannt machte. Aber bleiben wir bei seinen temporären literarischen Husarenritten.
Wenn ich mich recht erinnere, begannen sie damit, die “Mazerierung” der Gebeine von Schiller & Goethe in der Weimarer Fürstengruft als ein Kardinalverbrechen der DDR am deutschen Kulturerbe weltweit hinauszuposaunen: Es war aber nur eine aufgeblasene Nichtigkeit, die als fette Hauptmeldung samt Leitartikel die Seite 1 der FAZ zierte, jedoch allein durch diese publizistische Inszenierung viel Staub aufwirbelte.
Später hat Schirrmacher, als Laudator des Friedenspreisträgers Martin Walser, nach dessen folgenreicher Paulskirchenrede 1998 das erst recht “zündende” Gespräch Walser/Bubis initiiert, moderiert & publiziert und die darauf folgende Debatte in der FAZ über Wochen am Laufen gehalten (& später als Sammlung herausgegeben). Walser war dann selbst Hauptgegenstand von Schirrmachers dritter literarischer Skandalisierung, als der ebenso einfältige, schamlose und raffinierte Autor (und sein damaliger Verlag) der FAZ, wie üblich, seinen Roman “Tod eines Kritikers” zum Vorabdruck anbot - nur dass es sich diesmal um einen offensichtlichen, gehässigen & teilweise antisemitischen Schlüsselroman über & gegen den FAZ-Redakteur, Schirrmacher-Vorgänger (als Literaturchef) M. Reich-Ranicki handelte. Schirrmacher sah sich, konfrontiert mit dem (wie immer) exklusiv nur der FAZ bekannten Roman Walsers, zum sofortigen Handeln herausgefordert und prangerte mit einem dezidierten Paukenschlag Autor wie Buch als antisemitisch an, bevor noch ein gedrucktes Exemplar des (daraufhin noch einmal redigierten) Romans den Buchhandel erreicht hatte.
Eben dieses Vorauspreschen war ihm von den zuerst uninformierten Feuilleton-Kollegen damals als “Bevormundung der Leserschaft” angekreidet worden - ein Vorwurf, der nun beim jüngsten Coup des FAZ-Herausgebers nicht erhoben wurde, obwohl auch diesmal das in Frage stehende Buch noch gar nicht an den Buchhandel ausgeliefert worden war - aber rund 300 Stück an alle nur möglichen Rezensenten. Womit wir beim “Häuten der Zwiebel” Günter Grass´ angekommen sind.
Dieser jüngste Fall aus der Medienwerkstatt des Dr. Schirrmacher unterscheidet sich von den drei erwähnten fundamental. Diesmal hat die Schirmmacherische FAZ nicht einen schon vorhandenen Skandal durch geistesgegenwärtige Vertiefung erst recht angeheizt & prolongiert (wie im Falle Walser/Bubis). Sie hat diesmal auch nicht den “Skandal” ohne Wissen & gegen den Willen & die Erwartung des davon Betroffenen initiiert und inszeniert (wie bei “Tod eines Kritikers“).
Diesmal haben sich zwei Medienprofis zusammengetan, um beiderseits erhöhten Aufmerksamkeitsprofit aus ihrem Zusammenspiel zu erwirtschaften: eine Hand wäscht die andere in aller scheinheiliger Unschuld. Es sieht aber ganz so aus, als ob Günter Grass, der sich in die Hand des souveräneren, weil logistisch überlegenen FAZ-Herausgebers begeben hat, den Kürzeren ziehen wird: zumindest im öffentlichen Ansehen und vornehmlich auch bei jenen, die darüber zurecht empört sind, ihn als Handlanger im Verbund mit der machiavellistischen Inszenierung seines temporären Frankfurter Allgemeinen Kompagnons zu sehen.
Auch dieser Coup war von langer Hand vorbereitet - nämlich bevor der Rest der Literarischen Welt, also allen anderen Rezensenten, das “Leseexemplar“ unter die Augen kam, hatte die FAZ das Manuskript des Buchs schon begutachtet. Aber unter diesen Nachlesern “beim Häuten der Zwiebel“ des Grasschen autobiographischen Erinnerns, war keinem, wie man jetzt von mehreren hört, die detaillierte Neuigkeit von des Autors kurzzeitiger Dienstzeit in der Waffen-SS besonders auffällig geworden, und kein Flüstern & Tuscheln hatte sich unter den privilegierten Rezensenten darüber verbreitet. Nur einer, vor allen anderen, hatte die bewusste Passage ins Auge gefasst & sogleich imaginiert, was aus dieser kleinen autobiografischen Nachricht symbolisch und medienspezifisch sich für eine “große Offenbarung” skandalisierten ließe: Frank Schirrmacher.
Und der viel erfahrene FAZ-Herausgeber, der sich nun in der gleichen privilegierten Situation wie im Falle von Walsers “Der Tod eines Kritikers” befand, sicherte sich sofort nach seiner “Entdeckung” die publizistischen Exklusivität für die FAZ (ohne dass die schlafende Konkurrenz etwas davon wusste oder ahnte).
Dabei kam Schirrmacher die allseits bekannte Medienprofessionalität in Tateinheit mit der egomanischen Autoreneitelkeit des Nobelpreisträgers gerade recht und vor allem: so recht entgegen, weil Grass sich an diesem für ihn immer prekären publizistischen Ort der FAZ wohl einen “Großauftritt” versprach, der ihm an keinem anderen sicher war.
Um aber ganz sicher zu gehen, verlangten Grass & sein Verleger Steidl, dass das Buch gewissermaßen in einem Reader´s Digest von “ausführlichen Exklusivauszügen, Rötelzeichnungen von Grass sowie bislang unbekannten Fotodokumenten aus der Jugend des Schriftstellers” in einer 8 (!) seitigen “Sonderbeilage” eine Woche vor dem Verkauf in der FAZ vorgestellt würde und Grass sogar “an der Gestaltung der Beilage mitwirkt” - wie die FAZ den neuen Mann im gemeinsamen Boot ihren & in einer “Spiegel“-Anzeige dessen Lesern annoncierte. Oder hat etwa Schirrmacher - um seinerseits ganz sicher zu gehen, dass ihm keiner den Fisch von der Leine schnappt - Autor & Verleger diesen “Liebesdienst” eines unbezahlbaren Marketings angeboten (& womöglich sogar noch dafür bezahlt?)
“Bezahlt” hat der Schriftsteller jedenfalls daraufhin mit der vermeintlichen Schmeichelhaftigkeit eines zweiseitigen Interviews, das Frank Schirrmacher und sein verantwortlicher Literaturchef Hubert Spiegel mit Grass im Garten von dessen Wohnhaus im Schleswig-Holsteinischen Behlendorf im hitzigen Juli geführt haben. Es wurde aber erkennbar nur zu dem Zweck von den aus Frankfurt am Main Angereisten geführt, um den 79jährigen Autor und sein autobiographisches Buch - von dem Grass im Verlagsprospekt sagt: “Es steht jedermann offen, mir zu glauben oder nicht” und seine Jugendzeit noch so resümiert: “Hitlerjunge, Luftwaffenhelfer, Gefangenschaft” - auf die Nachricht von der temporärer Mitgliedschaft des 17jährigen Grass in der Waffen-SS zu reduzieren & diese faktische Neuigkeit & deren bisheriges Beschweigen in epischer Breite, samt fetter Headline auf Seite 1 & der Begleitmusik eines Schirrmacher-Leitartikels derart an die Große Glocke zu hängen, dass die FAZ-Botschaft aller Welt schrill in den Ohren klang und selbst Scheintote, immer betretenere Freunde und immer mehr triumphierende Feinde des politischen Autors zum Leben erweckte. Grass, “im Vorgefühl solch hohen Glücks”, sein “Geständnis” (FAZ) endlich “rausgelassen” zu haben, hatte seinen FAZ-Interviewern zusätzlich den Gefallen getan, gesprächsweise mehrfach prekäre Einblicke in die Robustheit einer Psyche zu gestatten, die nicht so recht zur skeptischen Skrupelhaftigkeit seiner literarischen Erinnerungsexplikationen passte und auch bei seinen Sympathisanten oft mehr als nur Kopfschütteln verursachten.
Damit war aber, ohne dass jemand das Buch noch lesen müsste, mit hinreichend viel aufgewirbelten Staub der vorgeführte Elefant in der Arena angekommen - und der Medienzirkus konnte um ihn zu rotieren beginnen. Zuletzt erlaubte der hysterisch sich ins Abstruseste steigernde Presserummel, dass der Grass-Freund Ulrich Wickert den Start seiner “Buchsendung” erfolgreich mit einem “Exklusiv-Interview” vorverlegen durftesolltemusste - und ebenso der Steidl-Verlag die Auslieferung einer ersten Auflage von 150.000 Exemplaren an den Buchhandel vorziehen konnte. Und siehe: jeder hatte seinen Gewinn & “alles war gut“ - bis auf jene, denen es darüber schlecht wurde.
Ich aber stelle mir in einer zynischen Laune vor, dass sich der journalistische FAZ-Großwildjäger eben jetzt seine jüngste Trophäe an die Wand seines Arbeitszimmers gehängt hat: ein Abbild des freiwillig mitgegangenen & listig eingewickelten Literaturnobelpreisträgers: - als enthäutete Zwiebel, eine Rötelvignette aus dem Hause Grass.
Wolfram Schütte
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Gegen die Dominanz des Beliebten
Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Verstaubt ohne Ende
Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
|