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Montag, 21. Mai 2012 | 11:24

Petits riens (2)

28.08.2006

Von Wolfram Schütte

 

Zur deutschen Kommentierung & Parteinahme im Libanon/Israel-Konflikt:
Solange die Mehrzahl jener Minderheit, die öffentlich im permanenten Konflikt der arabisch-muslimischen Welt mit Israel für den Staat der Juden in Deutschland Partei ergreift, Juden sind oder sich ihrer jüdischen Herkunft erinnern, ist der Verdacht, die entschiedene Parteinahme der deutschen Mehrheit “für die Palästinenser“, die “Araber” oder “die Muslime” sei nicht frei von tiefsitzenden, unbewussten antisemitischen Ressentiments & Reflexen, nicht entkräftet. Auch als Nicht-Jude & als Deutscher gibt es hinlänglich Grund, für Israel in diesem Konflikt (& in anderen) Partei zu ergreifen - zumindest so lange, so lange von allen arabisch-muslimischen Feinden Israels dessen grundsätzliches Existenzrecht verneint wird. Nicht die Kritik an der israelischen Politik oder am militärischen Vorgehen des Staates steht im Verdacht eines wie auch immer gearteten Antisemitismus (man kann sogar der Meinung sein, sie sei kurz- wie langfristig buchstäblich “verheerend”); sehr wohl aber deren Verurteilung im Namen und in der Identifikation mit den “armen”, vor allem, wie man oft und immer öfter hört, “gedemütigten” Arabern oder Muslimen.

Deren deutsche Fürsprecher - im Genuss aller liberalen und libertären Freiheiten (nicht nur der freien, öffentlichen Meinungsäußerung) -, besäßen keinen Moment noch diese ihnen selbstverständlichen “Menschenrechte”, begäben sie sich, selbst als erkennbare & willkommene Sympathisanten, einmal nur oder gar auf Dauer in den Lebens-, Gesellschafts- & Machtbereich der von ihnen aus der Ferne ihrer eigenen Sicherheit als “machtlos” und “gedemütigt” sentimentalisierten politischen Favoriten.Eine Gesellschaft, Religion oder “Kultur”, in der die Heimtücke terroristischer Selbstmörderattentate gegen das zivile Leben als glorioses “Märtyrertum” öffentlich und privat “gefeiert” wird, sieht sich selbst als fundamentaler Todfeind aller zivilen, geistigen, ethischen, religiösen Werte an, welche die Aufklärung von Vernunft, Rationalität, Toleranz nach dem “Ausgang aus der eigenen Unmündigkeit” (Kant) in die Welt gebracht hat. Nur ihre Todfeinde wollen sich nicht als solche ansehen. Lieber laufen sie ihnen mit offenen Armen entgegen.

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Aus einem Interview mit Nader Mashayekhi, dem tapferen Chefdirigenten des Teheraner Symphonieorchesters, das derzeit für einige Konzerte in Deutschland gastieren darf und “trotz irrsinnig vieler Barrieren” existiert, obwohl nach den Worten Chomeinis “Musik im Islam Sünde” ist (“Die Welt, 21.8.06): “Das Orchester hat Schwierigkeiten, aufzutreten. Das hängst aber auch mit den vielen traditionellen islamischen Trauerfeiern zusammen, bei denen man wochenlang keine Konzerte geben kann. Natürlich sind sie fanatisch, indem sie sagen: es gibt nur ein einziges Gesetz: - das Gesetz Gottes. Auf der anderen Seite existiert aber keine eindeutige Interpretation. Dadurch entstehen dauernd neue Situationen und Umstände. Sollen Frauen singen oder nicht? (...) Die strengen Sittenwächter sind stets zugegen und betonen immer wieder: Frauen sollen nicht singen. Wenn man Mahlers >Lied von der Erde< aufführen will, muss man sich überlegen, ob man es mit einem Bariton anstelle eines Mezzosoprans macht. Auf der anderen Seite gibt es die Möglichkeit, Beethovens 9.Symphonie zu spielen,, obwohl darin sehr lange Soli von Frauen vorkommen. Solange mehrere Soli nebeneinander gespielt werden, geht das aber. Es ist ziemlich kompliziert, vieles hängt vom Wann, Wie und Wer ab.“

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Wie wenige, die sich zu Grass jetzt geäußert haben, waren großzügig; wie viele haben dadurch einen Charakter entblößt, dessen hasserfüllter Moralismus man sich (wie jetzt Grass) lieber nicht ausgeliefert sehen möchte. Manche haben sich “bis zur Kenntlichkeit” (Brecht) entblößt.
Erstaunlich auch, wie das eingestandene autobiographische Faktum als separiertes zum Urteil genügte und das skrupulös vom Autor erschriebene Buch, dem es entnommen & auf das dieses reduziert worden war, gar nicht erst in Betracht gezogen oder gar das erzählerische Umfeld auch nur bedacht wurde. Was für eine Verachtung der Literatur - bei Schriftstellern & Kritikern.
Hinzukommt, dass Grass als erwachsener Mensch, der sich schriftstellerisch artikuliert, ja nicht in seinem Oeuvre oder seinen politischen Äußerungen die Nazizeit und deren Folgen bis heute salvierend klein geredet hätte (wie so viele Mit- oder ehemalige Vornewegläufer) und man jetzt endlich wisse: warum. Hier hat kein Tartüffe erstmals einbekannt, dass er früher ein Libertin war. Aus seinem Nazismus als Junge & junger Mann bis über das Kriegsende hinaus hatte er ja nie einen Hehl gemacht, nie verschwiegen, dass auch er “dazu” gehörte - aber dafür keine Entschuldigung verlangt, sondern nur die Berechtigung, nun aber zu wissen, woher heutiges Geraune in solchem Ungeist kommt und wohin es führen kann. Eher könnte man nun bei ihm, nach seinem jetzigen Eingeständnis, einen “Konvertiten-Rigorismus” vermuten. (Eine eher lässliche Sünde des Overactings - besonders wenn man heute die Vielzahl junger publizistischer Scharfmacher des Neoliberalismus vor Augen hat, deren zweite öffentliche Karriere davon befeuert wird, dass sie ihre erste als militante KPD(ML)er nun lautstark & ranschmeißerisch “wiedergutmachen” wollen.)

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Auf die Bemerkung Joachim Fests: “Ich würde nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen von diesem Mann kaufen”, hat Peggy Parnass gewitzt geantwortet: “Muss er ja auch nicht, denn Grass ist kein Autohändler. Aber auch kein Hitler-Biograph”. Dabei hat Peggy Parnass ganz vergessen, dass Joachim Fest dem verurteilten Kriegsverbrecher Albert Speer bei dessen verlogenen “Memoiren” hilfreich die Hand zum geruhsamen und materiell sorgenlosen Lebensabend geführt hat und dass Fest bis jüngst an der Speerschen Legendenbildung, vom Holocaust nichts gewusst zu haben & “nur“ ein “Technokrat” gewesen zu sein, maßgeblich beteiligt war. Das hat der Nazihistoriker, der aus dem Gebrauchtwagen namens Speer einen runderneuerten Daimler-Benz gemacht hat, wohl auch schon wieder vergessen.

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Die 35jährige Kathrin Passig, die im Frühsommer in Klagenfurt als große Siegerin aus dem Bachmann-Wettbewerb hervorgegangen ist und nicht nur fast einhellig von der Jury & dem Publikum, sondern auch von der berichtenden Presse dafür in den Siebten Himmel des Erfolgs gehoben wurde, hatte danach alle Hände voll zu tun, die Genealogie & Generierung ihres preisgekrönten Textes “seriös“ zu machen. Die überraschende “Entdeckung” hatte nämlich zuerst erklärt, sie habe ihren Text gewissermaßen “passgenau” für den Anlass & das dort Erwartete geschrieben, nachdem sie im Jahr zuvor den Vorlese- & Bewertungs-Betrieb fachkundig beobachtet und analysiert habe. Außerdem habe sie mit Freunden das jeder Lesung vorgeschalteten TV-Porträt so gestaltet, dass von dort die Rezeption ihres Vortrags & die Resonanz ihres Textes gesteuert wurde.
Diese freimütigen Bekenntnisse einer gewieften Seele, die offenbar ebenso literarisch versiert wie “poststrukturell” gewitzt ist, sorgten bei jenen, die sich davon als ihre literarischen Lobredner düpiert sahen, für beträchtliche Unruhe. Denn Passigs ironisch durchdachter Coup offenbarte, dass alle, die sich bei dieser Veranstaltung auf ihr literarisches Urteil und dessen erkennungsdienstlich hervorragende Qualität etwas zu gute halten - Jury & Presse - “ausrechenbar” sind und mit dem Nasenring eines kühlen Kopfs, gekonnter literarischer Simulationsarbeit und überlegter Performance-Logistik als Tanzbären im Literaturzirkus vorgeführt werden können.
Stück um Stück hat dann aber die Newcomerin auf der literarischen Bühne ihre ebenso übermütigen wie überaus mutigen “Geständnisse” in mehreren Artikeln & zahlreichen Interviews, die den Literaturbetrieb im Schatten der WM eine zeitlang weiter beschäftigten, scheinbar zurückgenommen, de facto aber die Blamage ihrer Ausrufer und Lorbeerflechter ebenso fortgesetzt, wie auch ins Unklare verwischt, bis sich die kleine Aufregung nach & nach erschöpfte.
Das wirkliche Nachsehen der komischen Performance von Katrin Passig, die es nur auf das Preisgeld abgesehen hatte, hatten jene Autoren, Verlage und Lektoren, die in Klagenfurt mit bereits vorliegenden Roman- oder Erzählungsmanuskripten ihre kommenden Herbst-Bücher promoten und diese möglichst mit der Bauchbinde “Bachmann-Preis” versehen wollten. Die Siegerin, von der alle in den höchsten Tönen schwärmten, hatte aber kein Buchmanuskript in der Schublade, das ihr Agenten oder Lektoren aus den Händen gerissen hätten, sondern nichts vor- & nachzuweisen als einzig & allein ihr Mustermodell für den Bachmann-Preis. Sie müsste nun also erst einmal die literarische Autorin werden, als die sie schon nach ihrem erfolgreichen Klagenfurter Probelauf gefeiert worden war. Wohlmeinende legten das ihr nahe & erwarten von ihr nun “ein Werk”, das verlegerisch publizierbar wäre. Katrin Passig schien, indem sie sich gelehrig, anstellig und brav gab, diesem Verlangen nachgeben zu wollen. “Aber nicht sogleich“, denn sie habe noch dies & das mit Freunden und für ein Sachbuch eine zeitlang zu tun, meinte sie abwiegelnd. Nach “Klagenfurt” dürfte sie sich dann aber nicht mehr wagen.

Wolfram Schütte

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