Schluss mit der "Sportschau"
01.10.2006
Von Wolfram Schütte
Schon längere Zeit ist mir die „Sportschau“ ein Dorn im Auge. Jetzt habe ich ihn mir gezogen und sehe klarer: zwar keinen Fußball mehr, aber auch nicht die Show, der er bloß noch als running gag einer Werbeschau dient. Ich betrachte meine Entscheidung als einen Akt des Selbstschutzes und um es noch pathetischer, aber auch noch wahrheitsgemäßer zu sagen: als einen Widerstandsakt zur Rettung meiner Menschenwürde. Die Sportschau war einmal ein Vergnügen für alle Fußball-Fans: für die vielen, die wöchentlich „ihren“ Verein auf den Sportplätzen & in den Stadien begleiten und dann sehen wollen, was anderswo in der Bundesliga geschehen ist; und für die wohl noch größere Zahl, die (wie ich) den Fußball nur noch als Folge von virtuellen Konzentraten der neunzigminütigen Spiele erleben: als Highlights oder Blackouts der fußballerischen Begegnungen. Aber das ist Vergangenheit – tiefe, tiefe & verlorene Vergangenheit. Wenn man von heute aus auf die kurze Zeit zurückblickt, in der die Sportschau bei SAT 1 nicht nur in die Hände Jörg Wontorras, sondern auch ins werbliche Fegefeuer des „Kommerzfernsehens“ gefallen war, erscheint einem die damalige Einbettung in Werbeblöcke geradezu paradiesisch & „human“ im Vergleich zu der Hölle, in welche das öffentlich-rechtliche ARD-Fernsehen den Fußball jetzt versetzt hat. Als Zuschauer hatte man durch die klare Trennung von Werbeblöcken und Fußballberichten noch Auslauf; die ARD ist jetzt aber gewissermaßen zur Käfighaltung der Zuschauer übergegangen. In den letzten Monaten ist es mir nach und nach wie Schuppen von den Augen gefallen, dass ich gar nicht mehr in der Sportschau Fußball sehe, sondern primär Werbung. Werbung für Heimwerker, Versicherungen, Milchprodukte, Bier, Telecom, Autos, BILD am Sonntag und auch noch für die Samstagabendsendung der Volksmusik, Sabine Christiansen am Sonntag oder für wöchentliche Vorabendserien der ARD (damit deren Einschaltquoten für die dort platzierten Werbungen steigen). Auch die Verlängerung der Sendezeit dient nicht einer Erweiterung des journalistischen, sondern der Ausweitung des Werbeangebots. Angebot? Dass ich nicht lache, nein: aufheule! Denn es sind keine „Angebote“, sondern es ist ein optisch-akustisches Propaganda-Bombardement und ein Terrorregime, wie ihm Alex in Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ ausgesetzt wurde: dort mit Beethovens „Neunter“, um ihn moralisch-sittlich zu zähmen, und in der Sportschau, um ihre Zuschauer zu enthemmen. Die Anmache der Moderatoren Beckmann, Delling oder Nierhaus, dass „gleich“ oder „gleich danach“ wieder ein paar Minuten Sport die Show unterbrechen werden, entspricht haargenau dem verlockenden Versprechen eines „Schleppers“ im Rotlichtviertel, der dem geilen Kunden die Befriedigung seiner hormonellen Bedürfnisse annonciert, aber unterschlägt, dass der ins Etablissement Verlockte erst einmal kräftig zur Kasse mit Schampus und Whisky gebeten wird. Der Schampus, für den man in der Sportschau bezahlen muss, ist Werbung en masse. Sie wird so raffiniert eingefädelt, dazwischen geschoben und ins Journalistische integriert, dass man ihr nicht entkommen kann, wenn einem nicht die Objekte der Begierde, die Fußballsequenzen, entgehen sollen. Denn man wird an der langen Leine einer Ablaufsdramaturgie „vorgeführt“, die sich am Coitus Interruptus ihr Zeitmaß genommen hat: vorgeführt wie ein dressierter Köter, der erst seinen Fleischhäppchen bekommt, nach dem er giert, wenn er folgsam Männchen gemacht hat, sprich: das Bombardement der Werbung über sich hat ergehen lassen. Es ist die Dramaturgie der werblichen Propaganda (und nicht der Journalismus), welche die „Sportschau“ der ARD strukturiert und die einen als Zuschauer zum abhängigen Objekt und gebeutelten Ding degradiert und einem jede Würde und Souveränität als Subjekt raubt. Diese Adaption des tierischen Katze-& Maus-Spiels auf die menschliche Erlebniserwartung ist de facto reiner instrumenteller Medien-Faschismus. Und die darin strukturell schon vorhandene Verachtung dieser demiurgischen Dramaturgen für ihre „Konsumenten“ geht auf die schamloseste & unverschämteste Art & Weise noch hinter die Goebbelssche Propaganda zurück. Sie ist nämlich so primitiv, wie sie sich ihre Opfer (sprich: „Konsumenten“) vorstellt & behandelt, die sie nicht durch Subversion „verführen“ will, indem sie ihre „Botschaften“ in immer neuen, anderen, überraschenden Spots präsentiert, sondern die Konsumenten mit den immer gleichen abgenudelten, witzlos & bereits historisch gewordenen Bildern & Tönen behämmert und auf den Zuschauer loslässt – wie ein Vergewaltiger, der sich den Charme & die Intelligenz des Verführers erspart und auf die immer gleiche brutale Weise „zur Sache geht“.
Natürlich sind wohlmeinende „Realisten“ zurhand, die mir erklären wollen, die Werbung sei in der Sportschau nötig, weil die Übertragungsrechte so teuer seien. Richtig, antworte ich, deshalb hat die Werbung ja an Umfang zugenommen & die Regie in der Sportschau übernommen – bis in die Schnitt- & Montagetechnik der Moderationen hinein, die sich deren exzessiver Aufmerksamkeitsstrategie der permanenten Perspektivwechsel und der unsinnigsten und unmotiviertesten Bewegungen der Moderatoren angepasst haben. Aber wenn die Übertragungsrechte für die Sportschau so teuer geworden sein sollten, dass das Journalistische nur noch als deren Appetizer fungieren kann: warum, bitte schön, muss dergleichen Humbug dann im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und nicht gleich im rein kommerziellen präsentiert werden? Doch nicht etwa deshalb, wie ich vermute, weil die „Kommerziellen“ kommerziell agieren müssen und die öffentlich-rechtliche ARD, die sich ja auch hinter vorgehaltener Hand einen Jan Ullrich mit dessen offengehaltener Hand hielt, der Bundesliga für die Sportschau-Schnipsel einfach weitaus mehr bezahlen können? Denn sie können ja noch aus dem Gebührentopf etwas drauflegen.
Kurz & schnurz: Ich will mich nicht mehr länger behämmern lassen. Ich will mich nicht mehr dressieren lassen, ich will mich nicht mehr verarschen lassen. Schluss mit der ARD-Werbeschau samt Sporteinlagen.
Wolfram Schütte
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