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Montag, 21. Mai 2012 | 11:25

Stichwort Netzwerk

09.10.2006

Waren wir nicht schon weiter?

 

Das neue Zauberwort heißt „Netzwerk“. Nach der „Erotik der Macht“ haben die Feministinnen das „Netzwerk“ für sich entdeckt. Auch Daniela De Ridder hat sich kürzlich in einem Leserbrief an die „ZEIT“ zu beidem bekannt und trotzig verlautbart, dass sie „fast nie ungeschminkt aus dem Haus“ geht, was offenbar als Ausweis erotischer Attraktivität gelten soll. Diese bildet, wie De Ridder glaubwürdig versichert, zum Feminismus keinen Widerspruch – woran eigentlich niemand, ein paar verbissene Feministinnen ausgenommen, gezweifelt hatte.

Die technische Metapher ist im Bereich der sozialen Kommunikation nicht neu. Ins Deutsche übersetzt heißt „Netzwerk“, zumal an den Universitäten, zu deren Mitarbeitern auch Daniela De Ridder gehört, schlicht „Protektionismus“. Als ich Student war, bildete der CV solch ein Netzwerk. Wer nicht dazu gehörte, hatte in meiner Heimat Österreich kaum eine Chance, in das akademische Netz einzudringen. Das protestantische Gegenstück in Deutschland bildeten die Villigster. Sie waren, wo es eine evangelische Mehrheit gab, nicht weniger effektiv als ihre reaktionären katholischen Pendants.

Die Rechte hat Idee und Praxis des Netzwerks nie aufgegeben. Ein solches Netzwerk – es nennt sich auch explizit so – bilden unter anderem Ulrike Ackermann, fünf Jahre lang wohl nicht zufällig maßgeblich dafür verantwortlich, was in der theoretischen Zeitschrift der deutschen Sozialdemokratie veröffentlicht werden durfte, Cora Stephan, einstmals Vorzeigefrau der Frankfurter Spontiszene, Henryk M. Broder, der einen Aufruf zur Ermordung des israelischen Publizisten Uri Avnery „einen lauen Furz“ nennt, „aus dem ein Fackelzug mit Zapfenstreich gemacht wurde“, Dirk Maxeiner, Michael Miersch, und Matthias Horx, einst ebenfalls Linkendarsteller und heute der Berufsprophet der Reaktion. Schamlos machen sie für einander Propaganda, schamlos preisen sie wechselseitig ihre Publikationen. Hannes Stein, der ebenfalls zu diesem Netzwerk gehört, beklagt, dass „jene kleine radikale Minderheit“ in der Öffentlichkeit kaum vorkomme. Das klingt wie ein schlechter Witz, da die Genannten doch regelmäßig in diversen Medien, vor allem in der überregionalen Zeitung „Die Welt“ und in der „Welt am Sonntag“ publizieren.

Wofür dieses Netzwerk steht, hat Hannes Stein in einem Artikel mit weinerlichem Trotz und bewundernswerter Offenheit ausgeführt: „Diese Leute denken, dass der Kapitalismus eher eine gute Sache ist. Sie finden, dass liberale Demokratie und Marktwirtschaft zusammengehören wie Yin und Yang. Sie halten Karl Popper in Ehren und haben Friedrich von Hayeks Klassiker ‚Der Weg zur Knechtschaft’ verschlungen, in dem begründet wird, warum jede Variante des Sozialismus, und sei sie noch so gut gemeint, ins gesellschaftspolitische Desaster führen muss. Die Vorstellung, dass Kündigungsschutz sozial, gut und edel sei, löst bei diesen Leuten Lachkrämpfe aus. Sie weigern sich hartnäckig, ihren Müll zu trennen. Unter den bunten Pace-Fahnen der Friedensbewegung hält man vergeblich nach ihnen Ausschau. Noch verrückter: Diese Außenseiter äußern offen ihre Sympathie für Amerika. George W. Bush gilt ihnen nicht als Kreuzung von Schimpanse und Adolf Hitler. Sie waren für den Krieg gegen Saddam Hussein; dabei interessierte sie wenig, ob es im Irak wirklich Massenvernichtungswaffen gab. Es ging ihnen eher um die Beseitigung einer besonders widerlichen Diktatur, in der Hoffnung, dass dadurch die Tore zu einer Demokratisierung des gesamten Nahen Ostens aufgestoßen werden könnten. Nicht Armut, sondern Tyrannei halten solche Ketzer für die Wurzel des islamischen Terrors. Heute fordern sie die Befreiung des Iran von den Mullahs – möglichst noch, bevor dieses Land die Atombombe fertig gebaut hat. Sie demonstrieren im Geiste mit den Taiwanesen für die Unabhängigkeit von Festlandchina. Ach ja, und um das Fass voll zu machen, ist diese Randgruppe auch noch ausgesprochen israelfreundlich. Sie registriert sehr genau, wenn einer der festangestellten Moscheeprediger der Palästinensischen Autonomiebehörde wieder einmal zur Beseitigung des ‚zionistischen Gebildes’, zum Völkermord an den israelischen Juden aufruft. Mit einem Wort, der liberale Underground hierzulande steht den Neokonservativen in Washington, D.C. ziemlich nahe. Paul Wolfowitz ist einer ihrer Helden. Mit der klugen Condoleezza Rice würden sie alle gern mal essen gehen.“

Nun ja, jedem Netzwerk seine Tischgesellschaft, sie sei ihm neidlos gegönnt. Bereitwillig stellt man sich vor, wie Ulrike Ackermann sich mit Condoleezza Rice über die Vorstellung, dass Kündigungsschutz sozial, gut und edel sei, zerkugelt. Hannes Stein, in seiner Bekennerwut, teilt der Öffentlichkeit auch mit, wer, da ihm Condoleezza Rice offenbar einen Korb erteilt hat, mit oder ohne Essen, wenn nicht seine Helden, doch immerhin seine Freunde sind, im weiteren Sinne also zum oben charakterisierten Netzwerk gezählt werden dürfen, nämlich: Richard Herzinger – der als Redakteur in der „ZEIT“, der „Weltwoche“ und der „Welt am Sonntag“ mehr als genug, vielleicht aber in der Öffentlichkeit „kaum“ vorkommt –, der Kommentarchef der „Welt am Sonntag“ Alan Posener und „der größte lebende deutsche Lyriker“ Wolf Biermann.

Zu den Forderungen der 68er gehörte ganz zentral die Demokratisierung der Hochschulen. Das hieß nicht zuletzt: Abschaffung des Protektionismus, also Beseitigung von Netzwerken. Denn mit „gegenseitiger Hilfe“ im Sinne des Ausgleichs von Ungerechtigkeit oder mit „Solidarität“ haben Netzwerke nichts zu tun. Sie dienen nicht Bedürftigen, sondern nur solchen, mit denen der gemeinsame Mief geteilt wird. Man fördert sich wechselseitig, weil man beim gleichen Verein sein Bier trinkt, das reicht. Beschissen wurden damals wie heute jene, die nicht einem Netzwerk angehören. Sie hatten und haben keine Chance.

Der gegenwärtige österreichische Bundespräsident verkündete, als er gegen eine Frau zur Wahl antrat: „Auf die Qualifikation kommt es an.“ Er hat offenbar keinen verallgemeinerbaren Grundsatz gemeint, sondern lediglich das Motiv, weshalb man ihn wählen solle. Die 68er hingegen hatten in der Tat eine Gesellschaft im Auge, in der es nicht auf die Religion, nicht auf das Parteibuch, nicht auf das Geschlecht und erst recht nicht auf die Bewunderung von Paul Wolfowitz, kurz: nicht auf die Zugehörigkeit zu einem Netzwerk ankommt, sondern auf die Qualifikation. Nur ein paar ganz Bornierte hielten Qualifikation für ein bürgerliches (und daher vernachlässigbares) Kriterium.

Heute plädiert man also wieder für Netzwerke – nach der Logik: dem Netzwerk der Anderen ein eigenes entgegensetzen, die Macht der anderen durch Gegenmacht ausgleichen. Die Abschaffung von Macht und Protektionismus steht nicht mehr zur Diskussion. Wir waren schon weiter. (Man erinnere sich: das Stichwort der Studentenbewegung war nicht „Gegenmacht“, sondern „Gegenöffentlichkeit“, also eine Konzeption, die jener von verschleierten Netzwerken diametral entgegengesetzt ist.)

Hier sei eine prinzipielle und zugleich persönliche Bemerkung angefügt: Obwohl ich existenziell vom österreichischen Antisemitismus betroffen war und bin, habe ich seit Jahrzehnten Juden und insbesondere die Politik Israels gegenüber den Palästinensern kritisiert. So täten die Juden bei ihren Stellungnahmen zum Islam gut daran, sich zu erinnern, dass ihre Vorfahren von den Christen verfolgt und 1492 aus Spanien vertrieben, von den Türken hingegen herzlich aufgenommen wurden. Und auch die russischen Orthodoxen, die mit antisemitischen Parolen eine Kunstausstellung stürmen, danach aber amüsiert zugucken dürfen, wie ihre Opfer von einem Gericht verurteilt werden, sind genau besehen nicht direkt Muslime. Wenn es heute seitens der islamischen Welt erbitterten Antijudaismus gibt, dann ist das nicht unwesentlich eine Folge der Tatsache, dass sich Israel seit seiner Gründung nicht auf die Seite der antikolonialistischen Bewegungen gestellt, sondern im Gegenteil den Kolonialismus und sogar das südafrikanische Apartheidregime unterstützt hat.

Mit dieser Position fühle ich mich berechtigt, auch von Feministinnen zu erwarten, dass sie Dummheiten feministischer Kolleginnen nicht reflexartig und vorbehaltlos verteidigen, sondern ebenso streng zurückweisen, wie progressive Juden jüdische Dummheit und jüdisches Unrecht verurteilen. Ich fühle mich umso mehr dazu berechtigt, als das Verhältnis der beiden diskriminierten Kollektive zueinander keineswegs symmetrisch ist. Wir wissen nicht nur von der Blutigen Brygida, sondern auch von Tausenden gut gelaunter Frauen, die dem Abtransport ihrer jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Vernichtungslager zusahen, um sogleich deren Wohnungen und Eigentum in Beschlag zu nehmen. Von einer prominenten jüdischen Beteiligung an den katholischen Hexenverbrennungen ist demgegenüber nichts bekannt. Es hat schon etwas Pikantes, wenn sich jüdische Männer per feministischer Definition in der Nachbarschaft von Nazivätern oder von bigotten katholischen Bürgern wiederfinden, von denen sie doch mancherlei – nicht zuletzt der Umgang mit Frauen – unterscheidet. Die Juden in meiner Umgebung jedenfalls hatten niemals ein Problem, Gleichberechtigung und erotische Attraktivität unter einen Hut zu bringen. Wie ich denn auch, schon in meiner weit zurückliegenden Kindheit, sehr viel mehr Geschirr waschende und Kinderwagen schiebende Väter kannte als gewalttätige und karrieresüchtige Machos und Spießer, die offenbar das Männerbild deutscher Feministinnen geprägt haben.

Es nützt nichts. Das Netzwerk nimmt auf solche Äußerlichkeiten keine Rücksicht. Es schaut nicht auf Haltungen und Überzeugungen, sondern aufs Geschlecht und vielleicht auf das geschminkte Gesicht. Ob sich dahinter ein Gehirn verbirgt, ist von sekundärer Bedeutung, wo nur die Zugehörigkeit zum Netzwerk zählt.

Thomas Rothschild

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