Post Festum
07.11.2006
Groteskes Ende einer Habermas-Treibjagd
Natürlich sollte von Jürgen Busche (mit dem Schlagstock “Cicero”) in der Person von Jürgen Habermas wieder “eine Sau durchs Dorf getrieben werden” - nachdem die journalistische Hetz-Jagd auf “alte Linke” zuletzt, unter tätiger Mithilfe des lebenden Autors, der FAZ so blendend mit Günter Grass gelungen war. Diesmal allerdings nur mit der “üblen Nachrede” eines Toten - nämlich Joachim Fests, der als ehemaliger FAZ-Herausgeber sich mit der Biografie seines Vaters unter dem Titel “Ich nicht” postum selbst ein Denkmal als untadeliger Anti-Nazi gesetzt hatte.
Gerade im zeitgleichen Gegenlicht zur Grassens autobiographischen Versuchen “Beim Häuten der Zwiebel” war Fest mit seiner Jugendbiographie als bewundernswert exakter & wahrhaftiger Selbsthistoriker allseits im deutschen Blätterwald enthusiastisch gelobt & gefeiert worden. Nur Robert Leicht in der “Zeit” hatte da eine Ausnahme gemacht. Manche von Fests ihm persönlich bekannte Rezensenten hatten ihre Elogen sogar lange vor dem Erscheinen seines Buches veröffentlicht - und zwar nur, um dem Todkranken einen letzten Triumph in der öffentlichen Anerkennung noch zu seinen Lebzeiten vorausrufen zu können.
Joachim Fest selbst aber fand noch hinreichend Bosheit, Zeit und Gelegenheit, dem genremäßig mit ihm konkurrierenden autobiographischen Erzähler und Altersgenossen Grass wegen dessen späten Einbekenntnisses, am Kriegsende zeitweilig als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, mit empörter Emphase vorzuhalten, der Nobelpreisträger sei nun moralisch vollständig diskreditiert - was er für den konservativen Fest ohnehin immer schon gewesen war.
Eine weitere Rechnung aber, die Fest mit dem ihm tief verhassten Philosophen Jürgen Habermas noch offen hatte, präsentierte er postum in seiner Autobiographie. Habermas war es ja, der den “Historikerstreit” ausgelöst hatte - nachdem der FAZ-Herausgeber Joachim Fest dem Historiker Ernst Nolte Gelegenheit zur Publikation seiner revisionistischen Thesen gegeben hatte.
Auch war der “unbestechliche” Historiker Joachim Fest zu seinen besten Lebzeiten allzu bereitwillig dem Kriegsverbrecher Albert Speer & dessen angeblicher Unschuld ebenso auf den Leim gegangen war, wie er diesem Freigelassenen durch tätige journalistische Mithilfe zu einem Millionenvermögen & öffentlichem Ansehen verholfen hatte - ein historisches Faktum, das in den Elogen auf Fests letztes Buch und in den Nachrufen auf den “unbestechlichen” Historiker mit dem Mantel des Verschweigens bedeckt wurde. Aber auch der sterbende Fest war an seinem Lebensende so souverän & “objektiv” keineswegs, wie er sich als Sohn seines eigensinnigen Vaters stilisiert hatte oder von seinen jubelnden Satrapen stilisiert wurde. Sonst hätte er seinem Ressentiment gegen Habermas nicht noch zuletzt freien Lauf gelassen - allerdings wie ein klassischer Denunziant, indem er ein Gerücht ohne Namensnennung, aber sofort identifizierbar in seinem “Ich nicht“ kolportierte, wonach Habermas ein ihn belastendes historisches Dokument buchstäblich “verschluckt” habe.
Jürgen Busche, zu Fests FAZ-Zeiten dort auch Redakteur und nach mancherlei kuriosen journalistischen Zwischenstationen nun dem konservativ-zeitgeistigen “Cicero” eng verbunden (wo er bereits den “Fall Grass” abgewickelt hatte), glaubte hinlänglich geschützt zu sein, um die hinterlassene Rache Joachim Fests am lebenden Objekt von dessen und Busches lange schwärendem Hass à jour &gefahrlos ausagieren zu können. War es doch Habermas, der auch dem bewundernden Heideggerianer Busche von jeher ein Dorn im Auge gewesen ist, seit Habermas sich mehrfach höchst kritisch mit dem vom Nazismus affizierten Existentialontologen aus Meßkirch beschäftigt hatte.
Aber das denunziatorische Schlachtfest, das Jürgen Busche, gewürzt mit allerlei ins Kraut geschossenen Spekulationen und hanebüchenen Mutmaßungen, in “Cicero” veranstaltete, um die moralische Reputation des weltbekannten Sozialphilosophen zu verwursten, geriet ihm zu einer journalistischen “Infamie”, wie die SZ und zur “Dämlichkeit”, wie FAZ befand. Dafür wurde der Joachim Fest nach- und den aktuellen “Ansagen” vom Alten-Bashing vorausgeeilte Busche als tumber Sack von allen Feuilleton-Kommentatoren geprügelt - die jedoch den Esel, dem Busche aufgesessen war, weidlich verschonten.
Erst als Jürgen Habermas jetzt juristisch die Tilgung der üblen Nachrede in Fests “Ich nicht” erwirkt hatte, fand sich einer - Christian Schlüter in der FR -, der den Blick in dieser Affäre auf deren Urheber richtete: auf Joachim Fest und dessen gerade an seinem Opus postumum allseits gerühmte “historische Objektivität” und “anti-ideologische Sachlichkeit“. Denn Busches Versuch mag eine dämliche journalistige Eselei gewesen sein, Fests üble Nachrede aber eine bewusst in Kauf genommene postmortale Infamie.
Dabei hatte sich Fest in diesem Falle durchaus zuerst als Historiker verhalten und bei dem unfreiwilligen Urheber des kursierenden Gerüchts vom Papier verschlingenden Habermas, dem Historiker Hans-Ulrich Wehler, sich nach dem Wahrheitsgehalt der Legende brieflich erkundigt. Jedoch obwohl Wehler ihm die dem ebenso fiesen wie grotesken Gerücht widersprechenden Fakten mitgeteilt hatte, ist Fest nicht der Wahrheit dieses einzigen Zeugen gefolgt, sondern hat sich von dem seinem Ressentiment zupass kommenden rufmörderischen Gerücht weiterhin bestechen lassen.
Wer aber sogar im Wissen, dass seine folgenlose Nachfrage ruchbar und sein wahrheitsabweisendes Verhalten bekannt werden würde, dennoch gegen das Ethos des Historikers verstößt, dürfte sich nicht wundern, wenn an seiner Solidität als Historiker nachhaltig zu zweifeln ist - erst recht, wenn er sich im Interesse des eigensten Familiären & ad se ipsum äußert.
Insofern hat der “kleine”, privatistisch inszenierte Wurmfortsatz des großen “Historikerstreits“ zwischen dem toten Joachim Fest, dem fehlgeleiteten “Cicerone” Jürgen Busche und dem überlegenen Jürgen Habermas eine unvorhergesehenes Ende in Absurdistan gefunden: Beim Halali liegen zwei Jäger, ein toter & ein lebender, durch Eigeninitiative selbst geschändet, vor unseren erstaunten (& ein wenig vor Lachen tränenden) Augen - und ihr proskriptives Opfer blickt selbstbewusst in die Runde. Die Meute ihrer nun pikierter Treiber aber steht still und schweiget - jetzt aber ebenso nachhaltig stumm geworden, wie sie zuvor lauthals ins Horn geblasen hatte: für den “souveränen” Joachim Fest. Ein deutsches Stillleben mit Charakterbildern der intellektuellen Szene.
Wolfram Schütte
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