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Montag, 21. Mai 2012 | 11:29

Petits riens (3)

26.11.2006

Von Wolfram Schütte

 

In einem Bericht der NZZ (25.8.06) über “Syrien als TV-Hollywood des Nahen Ostens” berichtet die Autorin Mona Sarkis über die Zensur in der boomenden Soap-Opera-Industrie in Damaskus: ”Tabuisiert wird auch Sexualität. Beispielsweise dürfen Ehepaare nicht in einem Raum mit geschlossener Tür gefilmt werden, weil die Darsteller nicht real verheiratet sind“. Das erinnert in der Tat an Hollywood, vermutlich ohne dass die Autorin dies weiß. Denn der von der Hollywooder Filmindustrie 1930 eingeführte und 1967 erst abgeschaffte „Production Code“ (auch nach dessen Erfinder „Hays Code“ genannt) war eine moralistische Zensur unter dem Deckmantel einer „Filmselbstkontrolle“, wie dergleichen im Nachkriegsdeutschland hieß.

Der Hays Code verfügte neben vielem anderem, dass ein innerhalb der Filmhandlung unverheiratetes Paar nicht in einem Schlafzimmer mit geschlossener Tür gezeigt werden durfte. Befürchtet wurde (übrigens: zurecht), dass mit der geschlossenen Tür, also in der geschützten Intimität des Zimmers, den Zuschauern die bevorstehende Unsittlichkeit eines illegitimen Beischlafs suggeriert würde. In der christlichen Moralzensur der Öffentlichkeit wurde das fiktionale Abbild als unerwünschte Aufforderung zum realen Nachvollzug betrachtet.

Die muslimische Moralzensur scheint sich (wenn Mona Sarkis exakt formuliert hat) offenbar mehr um das Seelenheil der Darsteller zu kümmern, als um das der Zuschauer. Weil sie nicht (realiter) verheiratet sind, dürfen die Darsteller zwar ein Ehepaar im Film spielen, aber dieses nicht in einer „verfänglichen“ Situation zeigen, die ein Zimmer mit geschlossener Tür bedeutete, wie es auch der Hays Code in Hollywood verbot.

Das Ergebnis beider Moralzensuren scheint das gleiche zu sein, ist es aber nicht. Wenn innerhalb der Filmhandlung die Darsteller ein verheiratetes Paar spielen, können im Hollywood unterm Hayscode jedoch die Türen auch einmal geschlossen sein oder werden: die Zuschauer-Assoziation mit ehelich legitimiertem Sex ist erlaubt. Da es aber wohl nicht vorkommen dürfte, dass in einer syrischen Soap-Opera die beiden Darsteller, die ein Ehepaar spielen, auch in Wirklichkeit eines sind, dürften sie sich dort in einem Film nie in einem geschlossenen Raum aufhalten. Wahrscheinlich würde nämlich auch in diesem Fall die muslimische Zensur sich nicht erweichen lassen. Da aber der Zensor immer nur an das Eine denkt, sollen die von ihm zensierten Voyeure nie an es erinnert werden, wenngleich sie es durch die offene Tür, die sich nicht schließt, erst recht assoziieren dürften.

*

Als jetzt Schostakowitschs 100. Geburtstag gefeiert wurde, waren sich die Musikkritiker immer noch nicht einig darüber, wo (vor allem in seinen Symphonien) der Komponist unter dem lebensbedrohenden Druck Stalins und der sozrealistischen Direktiven & Forderungen:
(a) aus eigener Überzeugung kompositorisch gehandelt habe, (b) aus Angst nachgegeben & bloß Soll-Erfüllung simuliert oder (c) durch laute, bzw. demonstrative „Sollübererfüllung“ geforderten Optimismus und Triumphalismus subversiv als unwahr bloßgestellt, wo nicht gar verhöhnt habe. „Eindeutig“ oder „mit Sicherheit“ wird man nie sagen können, wo bei Schostakowitsch in den prekären Werken also Affirmation subversiv wurde oder seine Subversion affirmativ von ihm verschleiert wurde, so dass weder der Zensor hellhörig, noch der Zuhörer irritiert wurde.
Was heißt (bedeutet) das aber für sein Oeuvre, vor allem für dessen Rezeption & ästhetische Qualität?

Sie werden wohl substantiell ungeklärt bleiben - anders als z.B. bei Beethoven, wo das ästhetische Gefälle zwischen der „Eroica“ (op. 55) und der „Schlachtensymphonie: Wellingtons Sieg“ (op. 91) heute eindeutig ist. Zu Beethovens Lebzeiten waren sich die Kenner noch nicht so einig und die „Schlachtensymphonie“ sein größter öffentlicher Triumph.

*

Auch bei „Arte“, habe ich jetzt plötzlich wahrgenommen, wird der Abspann eines Film gekappt und bei einer TV-Eigenproduktion unterbliebt auch ein Abspann mit den Namen der an der Sendung Beteiligten. Wer nicht zu Beginn dabei war & später dazu kam, wird nichts mehr erfahren.

Im Kino ist man & im früheren Fernsehen war man da noch besser dran, wenngleich auch heute im Kinosaal die Masse der Besucher vor dem Abspann die Flucht ergreift & nur noch die vom Film Befangenen ihn während des laufenden Abspanns nachglühen lassen, bevor auch sie aus der Traumreise in Kino-Dunkel wieder in die Helle des realen Lebens aufbrechen. Rückschauen ist so obsolet geworden wie der im Abspann materialisierte Moment, in dem die Künstler sich dem Publikum zum Applaus präsentieren und zumindest um Respekt für ihre Leistung nachsuchen, in deren Genuss man eben gekommen war.

Noch betrachtete & behandelte man wie heute noch im Kino, so damals auch im Fernsehen die Zuschauer als Gäste, die sich für diesen Film oder jenen TV-Beitrag entschieden hatten - und nicht, wie heute im Fernsehen, als unruhige Laufkundschaft, die sofort mit den Reizangeboten des folgenden oder künftigen Programms bei der Stange gehalten oder von Werbeschwätzereien zum Bleiben im eben besuchten Sender verführt werden sollen. Deshalb will man sie bereits, bevor sie bei dem einen, gewählten Beitrag noch anwesend sind, schon in den folgenden hineinziehen. Es ist, als hätte man beim Essen kauend den Munde noch voll von einem eben zu sich genommenen Gericht, da soll einem schon aufs nächste der Mund wässrig gemacht werden. Dabei ist dieses Drängen doch nur - zum Kotzen.

*

Wie überhaupt die Werbung in den audiovisuellen Medien nicht nur omnipräsent, sondern im Vergleich zu den Printmedien von geradezu terroristischer Penetranz geworden ist. Als Leser kann man Werbung überblättern & selektiv verdrängen, also z. B. souverän wie ein Kapitän durch die Klippen, so auch durch den “Spiegel” und seine Werbeflächen navigieren.

Souverän heißt hier, über die eigene Zeit, ihre Verweildauer oder Beschleunigung bei der Lektüre verfügen zu können.
Das ist bei den audiovisuellen Medien, die einen als Teilhaber ihrer Zeitabläufe im Griff haben, nicht mehr möglich. Man ist bei ihnen nicht souverän, es sei denn als zeitweiliger Wegseher oder -hörer, der aber darauf achten muss, sich wieder rechtzeitig einzuklinken, weil er in jedem Fall an der langen Leine des Zeitdiktats der Medien hängt. Wegzappen ist nur eine temporäre Ausflucht.
Souverän wäre nur, wer über den akustisch-televisionären Normalzustand von sich aus verfügt - und seine Verbindung kappt. Es wäre die Wiederaneignung seiner eigenen Zeit.
Eine Ausnahme? Sie könnte aber immer öfter die Regel werden. Nur Mut zur eigenen Courage!

Wolfram Schütte

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