Petits riens (4)
21.02.2007
Von Wolfram Schütte
Ich klage an!... - nein: ich amüsiere mich über die Ignoranz, Gedanken- & Witzlosigkeit aller, die sich als Rezensenten von Joachim Fests Autobiografie “Ich nicht” geäußert haben, besonders aber über jene, die auch noch an dem Nachspiel beteiligt waren, das Jürgen Busche in “Cicero” mit der angeblichen Zettelverschlingung Jürgen Habermas´ inszeniert hatte - ein Gerücht, das Busche Fests Autobiografie entnommen hatte, der damit beweisen wollte, dass der weltbekannte Sozialphilosoph damit das Zeugnis seine HJ-Vergangenheit annihilieren wollte. Jetzt, beim Nachlesen der steifleinernen Erinnerungen Fests (über deren zeithistorischen Wert oder deren literarische Qualität ich mich nicht äußern will), sehe ich - was jeder der rezensierenden Vorleser & Lobhudler auch hätte bemerken müssen) -, dass Fest nicht nur einmal vom Verschlingen eines belastenden Dokuments schreibt, sondern zweimal. Eine Duplizität, die jedem Denkenden sowohl hätte auffallen, als auch zum Nachdenken provozieren müssen. Umso mehr, als der Autor selbst es ist, der erwähnt, dass er als flüchtiger Kriegsgefangener, von den amerikanischen Besatzern wieder eingefangen, die “illegal beschafften Entlassungspapiere (...), deren Entdeckung die misslichsten Folgen nicht nur für uns, sondern auch für unsren hilfsbereiten französischen Beschaffer haben konnten”, in “zäher Schluckerei... mit Hilfe von Wasser” oral vernichtete, damit sie den Amerikanern nicht in die Hände fielen. Was für ein Glücksmoment muss es für den Habermas-Hasser Fest gewesen sein, als er gerüchteweise von dieser Parallele in beider Leben erfuhr. Wie wichtig es ihm war, die Habermassche Verschluckung in seinem “Ich nicht” unter- & anzubringen, geht allein daraus hervor, dass er deren angeblichen Verursacher, den Habermasfreund Hans-Ulrich Wehler, extra anschrieb und die Anekdote bestätigt haben wollte. Fests Wunsch & Wille, sich im Gegenlicht zu Habermas präsentieren zu können, war sogar derart stark, dass er Wehlers Widerrede und Dementi bewusst ignorierte und die falsche Legende publizierte. Zu verführerisch war für einen Charakter wie seinem der Wunsch, im direkten charakterologischen Vergleich mit dem ihm tief verhassten linksliberalen Sozialphilosophen, der ihn im “Historikerstreit” blamiert hatte, letztlich als der moralisch uneigennützige zu triumphieren: Der junge Fest hat heroisch seine “copains” geschützt, während Habermas ein Corpus delicti vernichtet habe, das ihn selbst als fanatischen HJ-Nazi denunziert hätte. Das war denn doch zu schön, um wahr zu sein oder sich die ästhetische Pointe von der lebenswirklichen Wahrheit verderben zu lassen.
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In der Tagesschau kürzlich gesehen: Als jetzt zum “Europatag” Franz Müntefering (“Vizekanzler”) eine Berliner Schule besuchte, gab er, sich jeweils hinunterbeugend (“dienernd“), einer Reihe von Schülern die Hand, die vor dem eingetretenen Gast seelenruhig auf ihren zum Rundkreis gebildeten Stühlen saßen, wenn nicht gar hingefläzt waren. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Ist nicht mehr dazu zu sagen? Eine Erinnerung: Als im Oktober 1958 der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland auf dem ersten Staatsbesuch nach dem Kriege in Großbritannien in Eton, Oxford oder Cambridge durch den Campus schritt, war zu sehen, dass die Studenten, damals im Cutaway, die Hände in den Hosentaschen behielten, als Heuss an ihnen vorbeischlenderte. Große Empörung bei der deutschen Presse über die “ungezogenen englischen Bengel” - bis ihr erklärt wurde, dass Lässigkeit und Understatement die britischen Umgangsformen prägte, wozu nicht nur gehörte, dass man im Gespräch miteinander die Hände in den Hosentaschen lassen konnte (ohne als respektlos zu erscheinen), sondern dass es auch nicht unüblich war, wenn im Parlament ein Regierungsmitglied seine Beine am Tisch des Hohen Hauses abstützte.
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Als jetzt die österreichische Köchin Sarah Wiener auf eine ihrer Koch-Reisen (mehrteilig auf “Arte”) im Elsass bei einer Bäckerin in einem kleinen Dorf nahe Colmar das Backen eines Gugelhupf lernen wollte, radebrechte sie sich, wie schon zuvor in der Provence, dem Périgord oder in der Bretagne, mit ihrem Klippfranzösisch durch das Gespräch - mit einer Köchin, die bestimmt auch Elsässerisch und Deutsch konnte, der Wienerin aber gewiss nicht die lokal mögliche Verständnis-Erleichterung verweigert hätte, wenn nicht die französischen Produzenten wohl darauf bestanden hätten, dass nur Französisch im Elsass gesprochen wird - als gäbe es dort unter den Zweisprachlern auch nur eine Minderheit, die sich wieder Deutschland anschließen möchte. Es ist offenbar verboten, dass ein Elsässer mit einem Deutsch Sprechenden - und wäre es auch eine Österreicherin - im französischen Fernsehen seine Zweisprachigkeit demonstriert.
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Der 75jährige Oberhirte des Bistums Limburg, Franz Kamphaus, der “letzte Charismatiker der deutschen Bischofskonferenz”, hat “sein Christsein radikal gelebt”, weil er sich zum Bischofsspruch den Satz “Evangelizare Pauperibus “(den Armen das Evangelium verkünden) gewählt hatte. Von Kamphaus, der öfters als “links” oder “liberal” bezeichnet wurde, sich aber lieber als “Radikaler” im kirchlichen Dienst apostrophiert sehen möchte, wurde jetzt berichtet, dass er, als er vor 25 Jahren zum Bischof von Limburg ernannt wurde, nicht “ins Bischofshaus gezogen ist, dorthin kam eine eritreische Flüchtlingsfamilie. Er bezog zwei Räume im Priesterseminar, begnügte sich mit dem Gehalt eines Pfarrers” (SZ, 2.2.07). Gewiss war das von Kamphaus “in der Nachfolge Christi” gehandelt; aber zugleich auch eine literarische Imitatio. Denn der Vorläufer von Limburgs “realem” Bischof war der fiktive Bischof Myriel, der Mitte des 19.Jahrhunderts in Digne (Provence) auch nicht in sein prächtiges und weitläufiges Bischofspalais gezogen war. Nachdem der eben zum Bischof ernannte Myriel das direkt neben seinem Palais gelegene Armenspital besichtigt hatte - "ein enges, niedriges Haus, einstöckig mit einem Gärtchen" - beschloß er sofort, das Spital in seinem Palais einzuquartieren und mit seiner Schwester und einer Haushälterin in das geräumte Spitalhaus einzuziehen. Ebenso verfügte er, von den 15 000 Francs seines Gehalts 14 000 für verschiedene soziale Tätigkeiten auszugeben und von den verbliebenen 1000 Francs in seinem Drei-Personen-Haushalt künftig zu leben. Myriel ist in Victor Hugos “Die Elenden” die Verkörperung eines “Heiligen” - und wenn man den von Kamphaus gelebten individuellen wie gesellschaftspolitischen “Radikalismus” mit den sozialrevolutionären, humanistischen und religiösen Intentionen von Hugos monumentalem Roman vergleicht, wird man mit Notwendigkeit annehmen müssen, dass der jetzt pensionierte Limburger Bischof zu den begeisterten Lesern der “Elenden” gehört und sein öffentliches Leben vom literarischen Vorbild mitbestimmen hat lassen.
Wolfram Schütte
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