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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 09:35

Matthias Kehle: Drahtamseln

10.05.2007

Leise Entzündungen

Es sind Näherungsbewegungen, Erkundungsgänge soweit man den Worten traut, zu denen uns Matthias Kehle in seinem neuen Gedichtband
Drahtamseln einlädt. Ein schweigendes DU scheint immer anwesend – und sei es der Leser...

 

In anderen Momenten konkretisiert sich dieses DU dann wieder zu einem geliebten Partner, einem Mitgänger durch ein sehr persönliches Panoptikum. Matthias Kehle betreibt das ureigenste Geschäft der Lyrik - er tastet die Welt mit gezielten Worten ab. Eine Tätigkeit, der man immer wieder abliest, dass sie sich zu versichern trachtet, ob Inwelt und Umwelt noch miteinander in Kontakt stehen. Diese Weltumfassungsgeste pausiert aber auch oft, und dann ist es wieder, als beobachte man das lyrische Ich beim Sortieren des geistigen Inventars und beim Bezweifeln der kritischen Wachheit. Gelingt mir dieser andere, ureigentliche Blick auf die Welt noch? Ist mir die Wirklichkeit noch der Feuerstein, dem man das Erstaunliche, den Funken, entschlagen kann?

Diaabend

Such mir was
noch ist

wundgeriebene Stoffe
im keller
vorhänge bettbezüge

man muß bleiben
wo man sieht

Matthias Kehle hat mit Drahtamseln (so hießen übrigens die Telefonistinnen früher, als sie die Gesprächspartner noch per Hand zusammenstecken mussten) seinen mittlerweile dritten Band bei Rimbaud herausgebracht. TITEL hat ihn letztes Jahr schon mit einigen Gedichten präsentieren dürfen (www.titel-forum.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=4730).

Die 64 Seiten des vorliegenden Bandes sind in vier Sektionen unterteilt: Testgelände fürs letzte Jahrhundert, Sprayer mit Tarnkappe, Vereinzelte Stimmen und Drahtamseln.
Obschon alle Teile durch einen spezifischen Ton zusammengehalten werden – immer leise Signatur und nie Brandzeichen – so fällt der zweite Teil doch etwas ab. Man mag, ob der Nähe zu den anderen Teilen, zuerst gar nicht sagen, was hier den Unterschied ausmacht, doch dann ist es ganz einfach: Liest man diese Gedichte öfters, so werden sie quasi zu nichts zerrieben. Bei den anderen jedoch stellt sich das Gefühl von "Wundheit" immer wieder ein. Sollte man es an ihrer Welthaltigkeit festmachen? Wohl kaum, dann wären die Gedichte aus Sprayer mit Tarnkappe nämlich die griffigsten. Es liegt wohl eher an einer inneren Evidenz, an lyrischer „Gefühlsechtheit“ und einem notwendigen So-geschrieben-sein-Müssen, als ob hier Kunst und Welt, wie von einer Drahtamsel „zusammengesteckt“, einen kleinen Plausch hielten...

Christoph Pollmann


Matthias Kehle: Drahtamseln

Gedichte
Erschienen bei: Rimbaud
64 Seiten
Preis: 15,- ¤
ISBN 978-3-89086-583-6

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