Joyce Carol Oates: Niagara
02.07.2007
Beeindruckende Familiensaga
Eine in epischer Breite angelegte Familiensaga hat die amerikanische Bestsellerautorin Joyce Carol Oates vorgelegt. Sie verknüpft das Schicksal einer Familie gekonnt mit dem Sog der weltberühmten Niagara-Fälle, die hier als Schauplatz und Zentralmetapher fungieren, und die sogar eine eigene Stimme haben.
Der Roman beginnt damit, dass der junge Ehemann Gilbert Erskine nach der Hochzeitsnacht verschwindet. So hatte er sich das nicht vorgestellt: Gleichermaßen schockiert vom sexuellen Appetit der Angetrauten wie von seinem Widerwillen angesichts ihrer Körperlichkeit und seiner verleugneten Homosexualität weiß er nur noch einen Ausweg: Er stürzt sich am frühen Morgen in die Niagara-Fälle. Damit sind wir schon am einzigen Handlungsort des gesamten Romans angelangt. Dabei dienen die weltberühmten Wasserfälle nicht nur als Schauplatz, sondern sind außerdem Zentralmetapher wie auch eigene Stimme, wenn sie wieder einmal flüstern: Komm! Es ist Zeit! Ergib Dich!
Sog der majestätischen Naturgewalten
Joyce Carol Oates erzeugt mit Hilfe der Wasserfälle einen Sog, den sie gewiss auf ihre Leser, aber noch viel nachhaltiger auf ihre Charaktere wirken lässt. So ist Gilbert Erskine beileibe nicht der Erste und auch nicht der Letzte, der in den kalten Fluten sein Leben verliert: zermalmt und zerschmettert von den majestätischen Naturgewalten. Denn immer wieder fühlen sich Menschen von den erhabenen Wassermassen geradezu hypnotisch angezogen – im realen Leben wie im Roman. Erskine hinterlässt die Witwe Ariah, die einerseits hoch traumatisiert ist, andererseits schnell getröstet wird von Dirk Burnaby, einem reichen Anwalt aus den besten Kreisen der Stadt. Schnell empfindet dieser Zuneigung und Begehren für die hübsche Frau – und aus beiden wird schließlich ein Paar. Sie setzen drei Kinder in die Welt, womit der Roman eigentlich enden könnte. Aber wir haben die Rechnung ohne die Wasserfälle gemacht, und die fordern schließlich weitere Opfer: Komm! Es ist Zeit! Ergib Dich!
Spannend wie ein Krimi
Was Joyce Carol Oates hier vorlegt, ist nichts Geringeres als eine gut funktionierende, in ihrer erzählerischen Mehrperspektivigkeit beeindruckende Familiensaga, die sich später aus der Sicht der Kinder Chandler, Royall und Juliet fortschreibt. Denn schon kurz nach Juliets Geburt tritt „die Frau in schwarz“ auf, die Dirk Burnaby den Kopf verdreht und ihn einen Fall annehmen lässt, der ihn schließlich ruiniert. Sie ist eine Botin kommenden Unheils. Giftmüllskandal und Korruption sind hier die Themen, die in den sechziger Jahren noch unter den Teppich gekehrt wurden, und mit denen sich in den siebziger Jahren die Kinder, als sie erwachsen sind, beschäftigen müssen. Dabei ist die Nähe zum Krimi oft unverkennbar, etwa wenn Dirk Burnaby nach einer spektakulären Verfolgungsfahrt zu Tode kommt – ein Auftragsmord von höherer Stelle, wie die Kinder später herausfinden.
Weite Spannbreite und falsche Details
Ein wenig trüben jedoch die weiten Spannbreiten des Romans hinsichtlich Stil, Themen und Charaktere, die nicht immer ganz verbunden wirken. Eine störende Bruchstelle ist beispielsweise die Szene, in der „die Frau in schwarz“ mit dem jungen Royall auf dem Friedhof schläft – sie kommt aus einer fernen Zeit und verschwindet gleich wieder, ohne noch einmal in Erscheinung zu treten. Auch falsche Details wirken unpassend: So etwa wenn Dirk, der keineswegs ein provinzieller Dummkopf ist, eine Flasche Champagner mit dem Korkenzieher öffnet, oder wenn Ariah, eine ausgebildete Pianistin und Klavierlehrerin, die berühmte Mondscheinsonate von Beethoven in D-Dur statt in Des-Dur spielt. Aber das Letzte mag man hinnehmen, denn es beeinträchtigt weder das Lesevergnügen noch werden der Spannung und der Lebendigkeit des Ausdrucks ein Abbruch getan.
Frank Kaufmann
Joyce Carol Oates: Niagara. Roman. S. Fischer 2007. 566 Seiten. 22,90 Euro.
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