Es gibt einige Momente auf dem wunderbaren jüngsten Hamburger Live-Mitschnitt des Esbjörn Svensson Trios – kurz E.S.T. – da ist er ganz bei sich. Der Ballast des Trios ist von ihm abgefallen, die Dynamik, Energie und Präzision des Zusammenspiels pausiert für einen Moment.
Esbjörn Svensson, der große Energetiker des jungen europäischen Jazz, diese geballte Ladung nordischer Musikalität, sitzt in Hamburg an einem Klavier und spielt sich in Trance. Die Zeit scheint still zu stehen, blanke, verzweifelte Melancholie dringt aus seinem Piano. Es sind diese Momente, die ihn über das Gros der modernen Jazz-Pianisten erhoben und zu einem Leuchtstern jüngerer Klaviermusik gemacht haben.
Am 14. Juni ist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall gestorben. Das Schicksal des frühen Legendentodes – eine zynische Floskel – hat auch den Star der europäischen Jazz-Szene ereilt.
Konsequent hat Svensson seine Karriere vorangetrieben. Eine große Karriere. Seine ersten Trio-Veröffentlichungen – immer kongenial begleitet von Dan Berglund (Bass) und Magnus Öström (Schlagzeug) – bezeugen bereits seine stupende Fähigkeit Fremdes in Eigenes umzuwandeln. Die Songs des unerreichten Thelonious Monk geraten ihm auf „Plays Monk“ zu einer eigenartigen Melange aus Frische, Charme und Tradition, seine Eigenkompositionen atmen sowohl die frische nordische Luft der Melancholie als auch den Sturm entfesselter Kreativität. Doch auf diesen Alben – und auch auf den folgenden – bleibt das Trio besessen vom Willen zu größtmöglicher Präzision.
Die Reduktion, nicht die ausschweifende barocke Opulenz einiger Kollegen, wird Svenssons größtes Merkmal. Nachzuhören ist diese Tugend in Vollendung auf der 2004 erschienenen CD „Strange Place for Snow“, die perfekt die Balance hält zwischen Melancholie, Spielwitz und Progression.
Zwischen Bach und PopGeblendet von den legendären, energiegeladenen Live-Auftritten des Trios hat die Kritik ihnen lange – viel zu lange – den Ruf angedichtet, Rockmusik mit den Mitteln eines Piano-Trios zu spielen. Wer Svensson jemals live erlebt hat, weiß, dass dies nicht einmal die halbe Wahrheit sein kann. Selbst hinter den lautesten Passagen steckte Zerbrechlichkeit, hinter dem Muskelspiel des Jazz-Revolutionärs der Sohn einer klassischen Pianistin. Spät – wiederum viel zu spät, wie wir jetzt wissen – hat die Kritik begonnen, ihm das Etikett „zwischen Bach und Pop“ zu verpassen, und hat damit zumindest in Ansätzen das Eigenleben seiner Musik besser getroffen.
In der Tat scheint sich irgendwo inmitten eines vielschichtigen musikalischen Kosmos, der von Bach, der Romantik, Rachmaninow bis zu den Beatles, Radiohead und Rush reicht, ein neues, originäres Genie niedergelassen zu haben, das alle paar Jahre im Verbund mit seinen kongenialen Partnern der Welt eine Botschaft hinterließ: Das Leben kann ganz schön trist sein, aber in der Kunst liegt noch Hoffnung, hieß diese eigentümliche artifizielle Sehnsucht nach Sinn, die Svensson mit so illustren Persönlichkeiten wie Woody Allen oder Hugo von Hofmannsthal teilte. Für wenige Momente konnte seine Musik Trost spenden im Jammertal der irdischen Existenz, für Sekunden konnte Melancholie in pure Daseinsfreude umschlagen.
Bei all diesen Lobeshymnen und der in manchen Kreisen fast schon heldischen Verehrung hat sich Svensson jedoch immer einen Rest an Unkonventionalität behalten, der seine schärfsten Kritiker – und die gab es immer – nahezu zum Wahnsinn trieb. Große Pianisten dürfen eben nicht nach Lust und Laune mit Nils Landgren dem Funk frönen oder mit Victoria Tolstoi hübsche Pop-Jazz-Alben produzieren. Sie müssen, so das Credo jener Konservativen, immer innerhalb der vollen Bandbreite ihres technischen und intellektuellen Könnens agieren. So ein Jazzer – ein Spießer – wollte Svensson Gott sei Dank nie sein. Vielleicht war er gerade deswegen in seinen besten Momenten strahlender als all die üblichen Verdächtigen des avancierten Skalen-Wettrennens miteinander.
Ein wenig TrostEs bleibt uns Hörenden – Begeisterten – nur wenig Trost: Die abgeklärt- abgründigen Alterswerke, die man spätestens in zehn Jahren erwarten konnte, die elegisch-verspielten Soloaufnahmen, den Spaß an der neuerlichen Dekonstruktion des Selbst – all dies werden wir von Esbjörn Svensson nicht mehr hören. Seine leisen Töne sind verhallt. Den minimalistischen Perfektionisten Svensson können wir weiterhin auf seinen Studio-CDs erleben, den manischen Elegiker und gefühlvollen Melancholiker auf der wunderbaren Doppel-Live-CD „Live in Hamburg“, die leider zu seinem Vermächtnis geworden ist.
Svensson hinterlässt ein in sich geschlossenes Gesamtwerk, das noch lange nicht beendet war, aber wie kaum ein anderes nach früher Vollendung klingt. Wenn wir zu diesen Klängen die Augen schließen, dann wissen wir, dass uns – auch ohne metaphysische Hoffnung – zumindest diese Töne bleiben werden. Große Männer vermögen es eben, über den Tod hinaus Trost zu spenden.
Sebastian Karnatz
E.S.T. Live in Hamburg, 2 CDs, Act (edel) 2007.
E.S.T. Strange Place for Snow, Act (edel) 2004.