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Montag, 21. Mai 2012 | 11:35

Roger Silverstone: Mediapolis

24.07.2008

Ein moralisches Angebot

In seinem Buch „Mediapolis“ versucht der 2006 verstorbene englische Medienwissenschaftler Roger Silverstone eine ökologische Philosophie der „zivilen Weltöffentlichkeit“ zu entwickeln, der es jedoch an einer politischen Dimension mangelt.
Von Jörg Auberg

 

Im Sommer 1968 skandierten Massen von Antikriegsdemonstranten in den Straßen Chicagos unter den prasselnden Schlagstöcken der Polizei und vor den Kameras der Fernsehteams „The whole world is watching! The whole world is watching!“, ohne zu ahnen, dass die Bilder der Ge-walt später zur Rechtfertigung der Repression und Paranoia genutzt wurden. Was den einen als moralischer Aufstand gegen die Kriegs- und Machtmaschinerie galt, war in den Augen der ande-ren ein spektakulärer Krawall verantwortungsloser Chaoten.
Agierte der ehemalige Literaturwissenschaftler Marshall McLuhan damals als Pionier der Me-dienökologie, der von der Werbeindustrie eingefangen wurde, setzt der im Jahre 2006 früh ver-storbene englische Medienwissenschaftler Roger Silverstone dieses Projekt mit kritischem Einwand gegen McLuhans politische Naivität fort. In einer pauschalisierten Perspektive weist er „den Medien“ (die er nicht differenziert) eine besondere Rolle bei der „Konstituierung der sozialen, politischen und moralischen Öffentlichkeit“ zu und sieht in der Mediapolis, der zivilen Welt-öffentlichkeit, Versprechen und Verhängnis zugleich: Sie vereinige den Traum einer globalen Zi-vilgesellschaft und den Albtraum eines globalen Bürgerkriegs.
In Anlehnung an Hannah Arendt will er die negativen Aspekte der globalen Medienkultur durch eine aktive, verantwortliche Teilnahme vor allem der „Konsumenten“ (der Leser, Zuschauer und Anwender) minimieren, wobei er ökonomische, politische und soziale Prozesse, Herrschaft- und Machtmechanismen innerhalb der medialen Organisationsformen ausblendet. Stattdessen setzt er zu Beginn seiner Argumentation den Medienzentrismus als seine Prämisse, die der Leser akzeptieren oder verwerfen kann, und operiert mit Behauptungen, die von vornherein als bloße Mei-nung klassifiziert sind („Meiner Ansicht nach...“) und daher nicht verifiziert werden müssen. So kann er gegen den vorgeblichen Pessimismus der Kritischen Theorie wettern (die im Übrigen nicht mit der „Dialektik der Aufklärung“ endet, wie er behauptet) und Verantwortlichkeit, Kritik und Wahrhaftigkeit als Instrumente gegen Komplizität, Inaktivität und Ohnmächtigkeit anpreisen, ohne Argumente dafür liefern zu müssen, wie die mediale Realität mit ihren Strukturen und Mechanismen verändert werden kann, wenn kein politischer oder sozialer „Agent“ auf der Bühne erscheint, um die Umweltschutzbewegung für die globale Medienlandschaft ins Leben zu rufen und ein „Kyoto-Protokoll für die Medien“ in die Tat umzusetzen, wie Silverstone es sonntagsre-denartig beschwört.

Unbestreitbar wichtig ist die Verknüpfung von Medien, globaler Zivilgesellschaft und demokrati-scher Kultur, doch können die Verhältnisse nicht zum Tanzen gebracht werden, indem man an die Verantwortlichkeit ver- und zerstreuter „Medienkonsumenten“ appelliert, ohne die ökonomi-sche und politische Machtkonzentration von global agierenden Medienkonzernen mit auf die Rechnung zu nehmen. Schon in den öffentlich-rechtlichen Institutionen ist es, wie der ehemalige NDR-Journalist Jürgen Bertram in seiner Abrechnung „Mattscheibe – Das Ende der Fernsehkul-tur“ (2006) zeigte, mit der Zivilcourage der Angestellten nicht weit her. Noch immer gilt der klas-sische Brecht-Satz: „Wie ihr es immer dreht und wie ihrs immer schiebt / Erst kommt das Fres-sen, dann kommt die Moral.“ Tatsächlich ist der Originaltitel des Buches treffender: „Medien und Moral“. Erst kommen die Medien und am Ende (wenn überhaupt) die Moral.

Jörg Auberg


Roger Silverstone: Mediapolis. Die Moral der Massenmedien. Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Suhrkamp. 296 Seiten. 28 Euro

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