Nein, auch in diesem Buch geht es Altmann nicht einfach darum, von A nach B zu gelangen und die bereisten Orte mehr oder weniger detailverliebt zu skizzieren. Er will vielmehr, so der Autor im Vorwort, dem Leser Gefühle zumuten, „die anstrengen und – wenn gemeistert – reich machen“.
Wohlfühlprosa geht anders. Von atemloser Neugier getrieben, lässt sich Altmann auf die Begegnung mit Menschen, Zuständen, Orten (in genau dieser Reihenfolge) ein. Die er erlebt, beobachtet und beschreibt; intensiv, gefühls- und sprachmächtig.
„Das Leben ist verdammt kurz, ich will es (und mich) ausbeuten, solange die Kräfte reichen“, bringt er seine Motivation auf den Punkt. Und sie reichen lange, die Kräfte: die drei Monate, die der Autor in Australien verbringt, würden bei anderen höchstens in einen Essay münden. Altmann dagegen reiht auf den 319 Seiten seiner Reise-Rahmenhandlung Geschichte an Geschichte. Und schont dabei, wie angekündigt, weder den Leser noch sich selbst.
So folgt man dem Reporter ins Casino und lernt Inne kennen, eine vernagelte Glücksspielerin reinen Herzens, die in dreißig Jahren Spielsucht ein Vermögen verzockt und sich doch immer wieder aufgerappelt hat. Oder Shane, Altmanns Schlafraum-Partner, der beim Abendessen über katastrophale Ehen und über die Angst der meisten Menschen vor dem Alleinsein nachdenkt. Oder den New-Ager Rik. Er, der bezopft und sanftmütig der Rettung des Planeten entgegenhascht, versorgt Altmann nicht nur mit Stoff für eine hinreißende Porträtskizze, sondern auch, ganz real, mit veritablen Drogen. Deren Konsum den Autor zu einer der intensivsten Schilderungen des Buchs treibt: den Versuch, mit drei Haschkeksen intus eine Geisterstadt per Mitfahrgelegenheit zu verlassen. (und die spätestens hier dem geneigten Leser fassunglose Bewunderung abnötigt: wie macht der Mann das? Präziseste Beschreibungen trotz eines bedröhnten Hirns?)
Bereichert euch!Er wolle immer wissen, wie Leute unter Extremsituationen reagieren, schreibt Altmann an einer Stelle. Im Falle seiner Extrembücher gibt es zwei Möglichkeiten: weglegen – oder sich wie ein Suchtkranker die Altmannschen Verbaldrogen einverleiben. Die erste Lösung wäre die einfachere, die zweite die bereicherndere.
Auf den ersten Blick wettert er gegen vieles: gegen all diejenigen, die ihre Träume unter Sedimentschichten öder Fadheit begraben haben, gegen „geistige Schonkost, die weltweit verabreicht wird“, gegen den „verbotshungrigen Biedermann, der mit Vorschriften das Leben seiner Mitmenschen verstellt“. Tatsächlich, das Wettern beherrscht er. Immer reflektiert, meist standfest, manchmal selbstironisch. Doch sind es vor allem die schlichten Sätze, auf den Trampelpfaden abseits Altmannscher Kraftmeierei, die bezaubern und demütig machen. „Was weiß einer von der Pein des anderen?“
Wie wahr.Altmanns Begabung, genau hinzuschauen und das Beobachtete sorgsam zu analysieren, ist an sich schon faszinierend – nicht umsonst wurde er mit mehreren Preisen, unter anderem dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, ausgezeichnet. Reichtum, Witz und die enorme Lebendigkeit seiner Sprache machen die Lektüre endgültig zur Entdeckungsreise. Die verlockt, augenblicklich mit allem Tun innezuhalten und sich auf den Weg zu machen – Reisen à la Altmann, als Mittel zum Erkenntnisgewinn. Ganz egal wohin, hat doch der Autor auf jedem Erdteil Staunenswertes entdeckt.
Annette Christine Hoch
Andreas Altmann: Im Land der Regenbogenschlange. Unterwegs in Australien
DuMont. 319 Seiten. 19,90 Euro.
www.andreas-altmann.com