Jean-Luc Godard: Histoire(s) du cinéma/Geschichte(n) des Kinos
In allen Künsten gibt es unzählige Talente, aber nur wenige Genies. Für den Film ist es Jean-Luc Godard, unter den lebenden Regisseuren wohl das einzige. Seine viereinhalbstündige(n) „Histoire(s) du cinéma/Geschichte(n) des Kinos“ wurde(n) nicht gedreht, sondern aus found footage, aus Archivmaterial montiert. Dass der Film in erster Linie die Kunst der Montage ist, wurde noch nie so radikal bewiesen wie hier. Fragmente, bewegte und starre Bilder, geschriebene und gesprochene Sprachschnipsel, Musikbruchstücke, aneinander montiert und übereinander collagiert, lassen dem Zuschauer Raum für eigene Assoziationen. Das hat auch den Charakter eines Quiz: Wer die Herkunft der einzelnen Szenenausschnitte und der genannten Titel kennt und identifizieren kann, hat das größere Vergnügen. Es ist ein intellektuelles Vergnügen, denn die Kombinationen sind nichts weniger als willkürlich. Sie binden die Reflexionen über Wesen und Geschichte des Kinos ein in die Zeitgeschichte, in die Geschichte des Jahrhunderts, die der Film nach Godard benötigt hat, um sich durchzusetzen und wieder zu verschwinden. Wäre das Publikum durch massive Beeinflussung nicht konditioniert auf den narrativen Film, auf die nacherzählbare Story, die in den üblichen Kritiken die Auseinandersetzung mit jenen Mitteln ersetzt, die Film erst in seiner Eigenart konstituieren und von anderen Künsten unterscheiden – es müsste „Histoire(s) du cinéma/Geschichte(n) des Kinos“ als das filmische Pendant zu „Ulysses“, zu den Stücken Becketts und zu den Kompositionen Schönbergs begreifen. Dabei ist dieses Meisterwerk, wenn man sich darauf einlässt, durchaus kulinarisch, faszinierend in seiner üppigen Fülle, anregend, aber niemals bevormundend in den gedanklichen Ansätzen.
Kopf und Bauch
Wer das Kino liebt, wer nicht nur ein gelegentlicher Kinogänger ist, sondern ein Fan, erlebt hier in höchster Konzentration die kaum erklärbare Magie, die von einzelnen Filmbildern und -szenen ausgeht, von Schauspielern, ihren Gesichtern, von Arrangements, von Bewegungsabläufen, von Bildkompositionen, beim Tonfilm auch von Dialogen, Sprechweisen, Geräuschen, Musikeinsätzen. Selten wurde so überzeugend vorgeführt, dass man analysieren kann, was man liebt, und lieben kann, worüber man sich Rechenschaft gibt. Die blöde Rede vom Gegensatz zwischen Kopf und Bauch, die schon in ihrer Metaphorik lächerlich ist, wird hier ein für alle Mal widerlegt. In jeder Einstellung überträgt sich Godards leidenschaftliche Liebe zu seinem Gegenstand, aber niemals überlässt er sich der puren Schwärmerei. Er will wissen, wovon er redet.
Das Gefühl der Überforderung, das dieser Film bei vielen Betrachtern hervorrufen dürfte, verdankt sich weniger der Fülle der Bilder als einer Vorliebe für Paradoxe und metaphorische Rede, die Godard mit französischen Essayisten und Forschern teilt. Das Verrätselte ist Methode. Man kann es auch Poesie nennen. Wer rationaler Argumentation zuneigt, mag das gelegentlich prätentiös finden und zur Vermutung gelangen, dass nicht hinter jeder schillernden Formulierung tatsächlich eine tiefe Erkenntnis verborgen liegt. Was aber die Überforderung angeht, so ist sie in einer Welt der ständigen geistigen Unterforderung – und Godard benennt ihren Ort: das Fernsehen – allemal zu begrüßen.