Dmitri Shostakovich: Lady Macbeth of Mtsensk
„Lady Macbeth von Mzensk“ hat, wie Dmitri Schostakowitschs vorausgegangene Oper „Die Nase“ nach der gleichnamigen Groteske von Gogol, einen russischen Text zur Grundlage. Es handelt sich um eine frühe Erzählung des mittlerweile in Deutschland fast vergessenen Nikolai Leskow, der zu seinen Lebzeiten, vor allem seit dem Roman „Die Klerisei“, zu den meistgelesenen Schriftstellern Russlands gehörte.
Die stalinistische Kritik beschuldigte die zweite und letzte Oper von Schostakowitsch des Formalismus und des Naturalismus. Wie das zusammengeht, bleibt ein Rätsel. Tatsache ist, dass uns Katerina Ismailowa, die russische Lady Macbeth aus Nikolaj Leskows Erzählung, in der Radikalität, mit der sie das Recht auf ein erfülltes Leben und auf Sexualität verfolgt, weitaus moderner erscheint als die zwölf Jahre jüngere Anna Karenina. Es ist, als hätte Leskow bereits Freud gelesen.
In den vergangenen Jahren hat sich „Lady Macbeth von Mzensk“ auf den Spielplänen der europäischen Opernhäuser jenen Platz erobert, der ihr zusteht. Sie muss neben den Opern von Alban Berg und Janacek genannt werden, wenn es um das Musiktheater in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht. Welchen Fortschritt sie alle musikalisch bedeuten, wird erkennbar, wenn man sie mit den nur kurz davor uraufgeführten späten Opern Puccinis vergleicht.
Die vorliegende Aufzeichnung aus Florenz in der Regie von Lev Dodin und dirigiert von James Conlon ist in ihrem Realismus konventionell, musikalisch aber vorbildlich. Am originellsten erscheint noch jene Szene, in der die Arbeiter, nachdem Katerina ihren Schwiegervater vergiftet und ihren Mann zusammen mit ihrem Geliebten ermordet hat, die bis dahin gezeigten Vorgänge pantomimisch stilisiert wiederholen. Die Titelrolle singt Jeanne-Michèle Charbonnet, für die übrigen Rollen wurden fast durchweg Russen geholt, von denen Vladimir Vaneev hervorgehoben sei, der außer Katerinas Schwiegervater noch zwei kleine Rollen singt.