Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott
16.01.2010
Die Freiheit entblößt ihre Brüste
Einem Schriftsteller müsse etwas einfallen, erklärte Wolfgang Schorlau vor einiger Zeit in einem Interview, noch wichtiger sei aber, dass ihm etwas auffalle. „Mir selbst fällt meistens das auf, über das ich mich aufrege.“ Von BRIGITTE HELBLING
Und so verläuft Schorlaus Weg zum Buch. Am Anfang steht ein Sachverhalt, über den der Autor sich „mit heißem Herzen“ empört. Dann kommt der Kopf ins Spiel, „der kalte Verstand“, der die Fakten sichtet, Figuren und Handlung entwickelt, Materialien in die Spannungsbögen der Fiktion überführt. Es geht um Spannung – „erstens, zweitens und drittens“ – immerhin schreibt Schorlau Kriminalromane. Er ist dem Leser verpflichtet. Aber auch sich selbst: „Bedenken Sie meine privilegierte Situation. Ich kann mich ein Jahr lang mit einem frei gewählten Thema befassen. Würden Sie diese wertvolle Lebenszeit an ein „kaltes Eisen“ oder ein nur ausgedachtes Verbrechen verschwenden?“
Gewidmet: den aufrechten Polizisten
Schorlaus Privatermittler Georg Dengler, ein ehemaliger BKA-Kommissar in Stuttgart, tritt dieser Tage mit seinem fünften Fall vor die Fangemeinde, allem Anschein nach mit höchstem Erfolg. Der Roman klettert gerade die Bestsellerlisten hoch. Er spielt in der Jetztzeit und beginnt mit einer schneidend scharfen Bestandsaufnahme zur Finanzkrise und ihren Folgen. Dann mutet er dem Leser einen Zeitsprung zu: Das München-Komplott arbeitet einen Fall auf, der 30 Jahre zurückliegt.
Es geht um das Bombenattentat auf das Münchner Oktoberfest 1980. Die Tat wurde offiziell einem Einzelnen angelastet, trotz Zeugenaussagen, die mehrere Verdächtige am Ort der Explosion ausgemacht hatten. Es gab 13 Tote, viele Schwerverletzte, die Aufklärung hatte höchste Priorität. Wurden die Ergebnisse manipuliert? Wer war dafür verantwortlich? Und wer sollte damit gedeckt werden?
Das München-Komplott ist „allen aufrechten Polizisten“ gewidmet – und solche waren es, die den Autor laut seinem Nachwort auf den Fall aufmerksam gemacht haben: Namenlose Ermittler, die sich mit der Verfälschung ihrer Ergebnisse nicht abfinden konnten. Die Szene wiederholt sich im Wesentlichen im Roman. In der Realität haben erste Aufarbeitungen inzwischen stattgefunden und sind veröffentlicht in drei Sachbüchern von 2008; auf ihre Recherchen zur Beteiligung von Politik, rechter Szene und internationalen Geheimdiensten am Attentat stützt sich der Roman. Schorlau empfiehlt am Ende ausdrücklich die weiterführende Lektüre. Die Fragen, die ihn beschäftigen, gehen hier, wie schon in früheren Büchern, über die Erfindung hinaus. Wie konnte es zu einer solch unheiligen Verquickung kommen, und wie dazu, dass bis heute keiner der Verantwortlichen dafür gradestehen musste?
Nicht ohne seine Freunde
In der Fiktion ist Schorlaus Wunderwaffe der Ermittler Georg Dengler, der befreite Untertan (des BKA), der unerschrockene Kämpfer für Recht und Wahrheit. Zwar sind in Das München-Komplott noch andere Figuren an der Aufklärung dran, allen voran eine heißblütige Staatssekretärin (Nebenbemerkung: Bei Schorlau lohnt oft guter Sex die Guten) und eine ehrgeizige Polizistin. Ex-BKA-Kommissar Dengler bleibt aber doch das Herz der Erzählung. Er ist der David, der es mit jedem Goliath aufnimmt, der kluge Kopf, der sich nicht korrumpieren lässt und notfalls auch unorthodoxe Wege einschlägt.
Und es schadet auch nicht, dass in dem nicht mehr jungen Mann ein Kinderdetektiv weiterlebt, der abends gerne mit seinen Freunden in der Kneipe sitzt und diese wann immer möglich in seine Recherchen einbezieht. Seit Kinky Friedman, das fiktive Alter Ego des schreibenden Country-Sängers aus den USA, hat man keinen literarischen Ermittler mehr erlebt, der mit solcher Nonchalance Freundschaft und Arbeit verbindet. Der Freundeskreis besteht hauptsächlich aus Männern mittleren Alters, ihr Fokus liegt jedoch klar auf den Ladys, auf einer Lady vor allem: Denglers Geliebte Olga, die in Das München-Komplott allerdings gerade auf Verwandtenbesuch ist. So müssen hier die alten Gefährten reichen, Mario der Koch, Horoskop-Schreiber Martin, und Journalist Leopold. Mit ihnen wird Dengler gegen Ende ein Showdown inszenieren, das filmreif einen überfälligen Finsterling zur Strecke bringt.
Verfilmt wurden Schorlaus Romane bisher nicht. Zu komplex oder zu politisch? Man würde gerne erleben, wie ein wagemutiges Filmteam sich dieser Herausforderung annimmt.
Schorlaus Weg zu Mao
Von Schorlau ist bekannt, dass er mit 50 seinen Managerposten in der Computerindustrie an den Nagel hing, um Bücher zu schreiben. Mehr dazu verrät seine Website nicht, das Stichwort „Biographisches“ verweist vor allem auf Berichte zu Schorlaus Zeit als Lehrling in Freiburg um 1968. Von Demonstrationen gegen Fahrpreiserhöhungen der Straßenbahn und gemeinsamen politischen Aktionen von Lehrlingen und Studenten ist da die Rede, besonders hervorgehoben werden die „Lehrlingsschulungen“, die Professoren und Volkswirtschaftstudenten am Feierabend abhielten. Es fällt nicht schwer, in Schorlau Erinnerung an den Eindruck, den diese Schulungen auf ihn machten, das wiederzuerkennen, was er über 30 Jahre später seinen Lesern antun will: „Mir schien es“, schreibt er in einem Text mit dem Titel „Mein Weg zu Mao“, „als würden die linken Studenten ein Fenster zu einem Reich aufstoßen, das mir sonst für immer verschlossen geblieben wäre.“
Dabei weiß Schorlau, dass politische Bildung nur die halbe Miete ist. Sein ganz privater „Weg zu Mao“ ging auch über die schöne Claudia, die einst BH-frei mit durchsichtiger Bluse in seiner WG auftauchte. Wo diese Frau war, wollte der Lehrling fortan sein. Schon Delacroix hat die „Freiheit“, die das Volk anführt, in seinem Bild zur Julirevolution 1830 als barbusige Schönheit gemalt. Verstand und Leidenschaft, angeheizt von Primärreizen am richtigen Ort, sind das Geheimnis einer gelungenen Massenbewegung. Das gilt auch für gut konstruierte Romane, und in diesem Sinne zeigt sich Schorlau in seinem Handwerk als Meister.
|
Von der Verrohung des Bürgertums
Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...
Gegen die Dominanz des Beliebten
Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
Vergangen, aber nicht vorbei
Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...
Gesamtnote: zehn. Bestanden!
Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...
Verstaubt ohne Ende
Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...
Der neue Schulmädchenreport
»Das wird ein Riesen-Mega-Hammer-Hit!« - Ein Hit waren schon Enid Blytons Serienauftakt über The Twins at St. Clares, ein Riesenhit die ...
|