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Montag, 21. Mai 2012 | 11:53

Jens Lapidus: Spür die Angst - Stockholm Crime

27.03.2010

Fucking Stockholm

Stockholm – Ort des Verbrechens, der Gewalt und der geplatzten Träume. Wer hätte das gedacht! In seinem Debütroman präsentiert Jens Lapidus ein vollkommen anderes Bild der Hauptstadt des schwedischen Wohlfahrtsstaates. Eine skandinavische Good-Fellas-Variante der Gegenwart. TANJA SIEG ist begeistert!

 

„Für Schweden besteht kein landesspezifischer Sicherheitshinweis.“ So lautet die derzeitige Reisewarnung des Auswärtigen Amtes (Stand März 2010). Doch nach der Lektüre von Jens Lapidus’ Stockholm Crime-Roman ist man sich nicht mehr so sicher, ob der nächste Familienurlaub wirklich gen Norden gehen sollte. Denn Lapidus vermittelt ein ganz anderes Bild des nordischen Venedigs, das so traumhaft schön in einer fantastischen Schärenlandschaft eingebettet liegt: Drogenkriminalität, Gewalt, Prostitution, Menschenhandel, Folter, Geldwäsche. Fucking Stockholm!

 

Nummer-Eins-Bestseller aus Schweden

Lapidus verfügt über einschlägige Erfahrungen auf dem Gebiet der Kriminalität, denn der 1974 geborene Autor ist studierter Jurist und arbeitet als Strafverteidiger in Stockholm. In seinem 2006 erschienenen Debütroman verarbeitet der Advokat nun sein juristisches Material. Und zwar so gut, dass sich laut Verlagsinformation das Buch in 24 Länder verkauft hat. Ein Bestseller aus Schweden also. Sofort schrillen die Alarmglocken: Ein neuer schwedischer Krimi? Ein neuer Wallander? Ein neuer Mordfall im Moor? Weit gefehlt! Calm down! Lapidus betritt erfreulicherweise neue Pfade und weder ein abgehalfterter Kriminalbeamter noch ein überambitioniertes Ermittlungsteam spielen dabei eine Rolle.

 

Der Jetset-Yuppie

Vielmehr arbeitet Lapidus mit drei sehr interessanten Hauptpersonen, die mehr oder weniger kriminell sind. Mehr scheinen die drei Gestalten nicht gemein zu haben. So lange, bis sich ihre Wege kreuzen, jedenfalls.

 

Johan Westlund, schwedischer kann man kaum heißen, stammt aus der Provinz. Mit 17 entflieht er der erdrückenden Idylle seines Elternhauses nach Stockholm und beginnt dort ein kräftezehrendes Doppelleben. Sein Leben ist Bluff und Fake. Denn während Johan als armer Student zur Untermiete wohnt, lässt er als JW, „der verwegenste Yuppie unter den Yuppies“, den Rest der Woche die Sau raus. Mit den boys Nippe, Putte, Jetset-Carl, alle von Beruf Kinder reicher Eltern, macht er Bräute klar. Kommt mit einer Nase voll Koks. Kokain. K. Schnee. Cola. erst so richtig in Schwung.

 

Um sich diesen ausschweifenden Lebensstil überhaupt leisten zu können, fährt Jonas schwarz Taxi. Das Auto mietet er gegen Abgabe von 40 Prozent der Einnahmen von Adulkarim, dem Araber. Bald bekommt JW das verlockende Angebot, ins Drogengeschäft einzusteigen. „Das Geld. Eine sichere Sache. Eine leichte Sache. Man lerne von Gekko: ‚I don’t throw darts, I bet on sure things.‘“

 

Der Jugo-Mafioso

Auch Mrado Slovovic, von Beruf serbischer Mafioso, macht in Drogen. Er kontrolliert für den „Häuptling“ Rado himself das Rauschgiftgeschäft der Stadt. Seine Vorgehensweise ist unberechenbar und äußerst brutal. „Mrado nahm Sergios Hand in seine – sie sah aus wie eine Babyhand in der Handfläche seines Vaters … Mrado brach seinen kleinen Finger … Mrado umfasste seinen Ringfinger. Brach ihn.“

 

Doch Mrado will nicht länger Rados Handlanger sein und plant, sich selbstständig zu machen, sobald sich eine gute Gelegenheit bietet. Nur schade, dass Mrados Plan auffliegt. Da ist Ärger vorprogrammiert.

 

Parallel dazu kämpft Mrado als liebevoller Wochenendpapa um das Sorgerecht für seine Tochter Lovisa. Doch wie sehr er sich auch anstrengt, in den Augen seiner Ex-Frau, „Annika, die Fotze, Sjöberg“, macht er alles falsch.

 

Der Latino-Loser

Der Chilene Jorge Salinas Barrio ist eigentlich ein armes Würstchen, der schon häufiger wegen verschiedener Drogendelikte im Knast saß. Aber dieses Mal wurde Jorge-boy reingelegt. Jemand hat ihn verraten, hochgehen lassen - und er weiß auch wer. El choro sinnt auf Rache und plant den Ausbruch, der schließlich gelingt. „Er dankte dem Staat für die Verpflegung und sagte tschüss.“

 

Jorge, der sich mit einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung zum König der Ausbrecher erhebt, ist von nun an auf der Flucht. Er kommt bei vermeintlichen Freunden unter, muss ständig seine Verstecke wechseln, getrieben von der Angst aufzufliegen. Doch immer hat er sein einziges und wahres Ziel vor Augen. Rache. „Das Leben schiss auf Jorge. Das Leben war zum Kotzen. Das Leben war tough. Doch Jorge war tougher – sie würden schon sehen.“

 

JW, Mrado, Jorges – drei schräge Typen, drei verquere Lebensläufe. Und ein verbindendes Element: Camilla, Johans Schwester, die seit vier Jahren spurlos verschwunden ist.

 

Gangsterkodex

Lapidus peitscht seine Anti-Helden mit extrem kurzen Sätzen durch die Handlung. Alles wirkt gehetzt. Das Lesetempo ist entsprechend hoch. Zusätzlich wird die Dynamik der Handlung von einer Sprache getragen, die jede brenzlige Situation und jede fein getunte Gemütsstimmung im milieugetreuen Slang widerspiegelt.

 

An dieser Stelle muss dringend eine Lanze für die Übersetzerin Antje Rieck-Blankenburg gebrochen werden, die mit frischen Wortfindungen und mit reinem Gossenjargon wie „Radovanarsch“, „Testosterondiät“, „Türsteherfarm“, „verpisster Schwanzlutscher“ … überrascht. Schöne Arbeit!

 

Der gläserne Bürger im schwedischen Wohlfahrtsstaat

In der Präsentation einer äußerst gewalttätigen Parallelwelt erinnert Lapidus’ Debüt an den 1996 in den Kinos gelaufenen dänischen Drogenthriller Puscher. Du hast keine Chance – nutze sie! von Nicolas Winding Refn, mit Mads Mikkelsen in seiner ersten größeren Rolle. Die breite, wohlsituierte Mittelschicht war durch diese Wirklichkeitsnähe regelrecht geschockt über das, was sich hinter der frisch geputzten Fassade einer modernen skandinavischen Hauptstadt abspielt.

 

Lapidus geht weiter. Er kritisiert den hochgelobten schwedischen Wohlfahrtsstaat, der mit kostenloser Krankenversicherung, freier Schulbildung, allgemeinem Kindergeld, aktiver Gleichstellungspolitik vorbildlich ausgestattet ist, offen – und hier kommt dann doch der gesellschaftskritische Einfluss der Krimipioniere Sjöwall/Wahlöö zum Tragen. Lapidus spielt auf die Stärken des Systems an, um diese gleich darauf wieder bloßzustellen. So erhält beispielsweise jeder in Schweden gemeldete Bürger eine Personennummer, mit der er die gesundheits- und bildungspolitischen Vorzüge des Staates in Anspruch nehmen kann. Gleichzeitig ist es ein Leichtes, von jedem Schweden das Einkommen oder weitere personenbezogene Daten zu erfahren, da diese Angaben öffentlich über das Internet zugänglich sind. Der gläserne Bürger entsteht.

 

Dieses Prinzip der Öffentlichkeit bietet sich förmlich an, unterwandert und ausgenutzt zu werden. Dass Schweden zum Drehkreuz der internationalen Drogenmafia geworden ist, deren Wege von Kolumbien über London nach Nordeuropa führen, wundert nicht wirklich. Und genau an diesem wunden Punkt sticht Lapidus rücksichtslos zu.

 

Abschließende Warnung

„Bei Grenzkontrollen auf der schwedischen Seite der Brücke müssen deutsche Autofahrer mit einer Festnahme und Anklage wegen Menschenschmuggels rechnen, wenn sich herausstellt, dass die mitgenommenen Personen über kein gültiges Reisedokument bzw. keinen gültigen Schengen-Aufenthaltstitel verfügen.“

 

So weit die abschließende Warnung des Auswärtigen Amtes. Aber nach Lapidus’ Roman ist man eh vorsichtiger geworden!

 

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