Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus
01.05.2010
Japanische Todesarten
Paulus Hochgatterer gilt als ganz feiner Name der ganz feinen Literatur. Er schreibt Kriminalromane. Ob das aber auch gute Kriminalromane sind? BERNHARD OBERREITHER hat einen Hochgatterer-Qualitätstest unternommen.
Der Psychiater Horn hat eigentlich genug um die Ohren – neben der Arbeit nämlich einen renitenten Sohn und eine Frau, bezüglich deren Treue er sich langsam nicht mehr so sicher ist. Also ist es kein Wunder, dass das Hilfegesuch der Polizei anfangs kaum zu ihm durchdringt: ob er Inspektor Kovacs helfen könne, von den Kindern, die in letzter Zeit ständig verschwinden, um bald danach grün und blau geschlagen wieder aufzutauchen, eine brauchbare Aussage zu bekommen.
Auch der Inspektor hat nämlich gerade andere Probleme: eine hoffnungslos unterbesetzte Abteilung, steigende Drogenkriminalität, einen mysteriösen Todessturz und den angekündigten Besuch seiner sechzehnjährigen Tochter, der ihn um den Schlaf bringt. Und nun Opfer, die kein Wort sagen wollen, wo die Tätersuche ohnehin schon ein wenig wie die Suche nach dem Baum im Wald war. Denn: „Wer schlug Kinder? Alle. Reihum und täglich. Vielleicht nicht genau so, wie man sie seinerzeit geschlagen hatte, mit Hosenriemen und Weidenrute, aber man tat es immer noch.“ Traumatisiert im engeren Sinne scheinen die Opfer zwar nicht, aber irgendetwas verschließt ihnen den Mund.
Denn da ist noch ein weiteres Kind, Opfer ganz anderer Art, das sich in eine Fantasiewelt flüchtet: eine Welt aus Tierfabeln, japanischen Todesarten und Racheplänen made in Hollywood, eine Fantasie mit handfesten Konsequenzen.
Polizei, Ärzte und Lehrer, sie alle müssen in Hochgatterers neuem Roman Das Matratzenhaus nicht einmal wirklich wegschauen, um das Wichtige zu übersehen. Es genügt die Eingeschränktheit jedes einzelnen Blickwinkels. Hochgatterer verhandelt die blinden Flecken in unserer Alltagswahrnehmung, und er tut das mit wohlerprobter Technik: Schon in seinen bisherigen Romanen beschränkte er die Sicht des Lesers auf die höchst eigene Welt jedes seiner Protagonisten, ob das ein lebenstüchtiger Strichjunge war, der mit einem Koffer voll Drogen nach Süden unterwegs ist, ein paranoider Lehrer, der sich mit Schlafsack und Scharfschützengewehr in einer Gebirgshöhle verkriecht, oder ein ausgerissener Sohn auf der Suche nach dem verschollenen Vater.
Wir sitzen in den Köpfen ...
Nun ist es eine ganze Reihe von Menschen, in deren Köpfen wir sitzen. Von da aus wird die fiktive österreichische Kleinstadt Furth (die auch schon Schauplatz des Vorgängerromans Die Süße des Lebens war) mitsamt ihrem Biotop an Charakteren facetten- und untiefenreich ausgebreitet. Außerdem bekommt man allerhand mit, von der sanften väterlichen Gewaltfantasie gegenüber dem pubertierenden Nachwuchs („Vätern adoleszenter Söhne sollte man ein gewisses Züchtigungsrecht einräumen, dachte Horn – ab und zu ein kleiner Hieb mit dem Weidenstöcklein, das wäre schon was.“) bis zum tagträumend halluzinierten Ostergeschehen („Sie stellt sich den krähenden Hahn vor, eine traurige Orgel und den Glockenflugverkehr über dem Petersplatz, wie sie alle landen, eine Glocke nach der anderen, und Reihen bilden und wie es eng wird und tönt, wenn sie aneinanderstoßen.“). Von der äußeren Wirklichkeit hingegen sieht der Leser immer nur einen Ausschnitt, den nämlich, der auch in diesen Kopf gelangt.
Und Hochgatterers Erzählstimme hält sich da raus: Niemand steht dem Leser mit Kommentaren zur Seite, niemand benennt die Verletzungen, deren Folgen gezeigt werden. Es könnte kalt wirken, wie ein missbrauchtes Kind hier gleichsam vom Erzähler alleine gelassen wird. Bald erkennt man aber: Hinter der scheinbaren Indifferenz steckt der Wille, seinen Figuren auf Augenhöhe gerecht zu werden, steckt Anteilnahme ohne Bevormundung. Anstelle von Betroffenheitspathos konfrontiert Hochgatterer, der im bürgerlichen Leben Kinderpsychiater ist, den Leser eindringlich mit den Schutzmechanismen eines missbrauchten Mädchens – und gesteht ihm darüber hinaus eine beachtliche Portion Heldenmut zu.
Enorm ...
Enorm spannend ist es, was sich da langsam vor dem Leser entfaltet; enormen Spaß macht es auch, Hochgatterers vielschichtige Figuren von innen wie von außen zu entdecken, manchmal wiederzuentdecken: So sieht man den im Vorgängerroman einsamen, psychotischen Geistlichen Bauer, der einst keinen Gottesdienst ohne iPod im Ohr und keinen Tag ohne Marathonlauf ertragen hat, nun durch die Augen einer Lebensgefährtin (was regelrecht herzerwärmend ist). Den Psychiater Horn begleitet man beim langsamen Altern, wenn ihm Kinder und Beziehung entgleiten und er unbewusst beginnt, laut vor sich hin zu reden (was mitunter urkomisch ist). Und den Polizisten Kovacs beobachtet man gar dabei, wie er seine eigene Tochter nicht mehr erkennt: „Es gab Momente, da stellte einem das Leben ein Bein, so unvermittelt, dass man die Arme nicht mehr nach vorn kriegte und der Länge nach hinknallte, voll auf die Fresse. Bis man dann hochkam, dauerte es eine Weile. ‚Papa?!‘, sagte das Mädchen noch einmal.“
Am Ende, vermutlich hat man das Buch ohne Atempause verschlungen und nimmt sich gerade vor, es der zahllosen großartigen Miniaturen wegen erneut, diesmal langsamer zu lesen, am Ende jedenfalls kann man all diese Perspektiven übereinanderlegen wie Folien. Gemeinsam ergeben sie, besonders in ihren Randbereichen, kein endgültiges, aber immerhin ein vollständigeres Bild von dem, was alle übersehen haben: „Du baust dir eine Geschichte, irgendeine, und versuchst dir vorzustellen, wie es gewesen sein muss.“
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