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Montag, 21. Mai 2012 | 12:05

Berlin, ein Fall fürs BKA?

15.06.2003

Hauptstadt der Nation, Kapitale des Krimis - da muss doch das Bundeskriminalamt nach Berlin. So scheint es.

Von Pieke Biermann

 

Berlin war gerade mal virtuell als Bundeshauptstadt re-inthronisiert, da wurde es schon zur Hauptstadt von Allem & Jedem erklärt. Aber kaum unter medialem Trommelwirbel aufgepappt, war jedes Etikett schnell wieder weg. Als Fiktion enttarnt. Kein Wunder: Wo keine Spitzenwerte sind, lassen sie sich nicht lange suggerieren. Nicht bei nüchternen Preußens.

Bezüglich diverser Deliktarten sind Paderborn oder Hamburg einfach "gefährlichere Orte", von Frankfurt/Main ganz zu schweigen. Auch die gut 100 Tötungsverbrechen in der Dreieinhalbmillionen-Stadt pro Jahr und erst recht die knapp hundertprozentige Aufklärungsquote sind Fakten, die internationalen Metropolen-Bewohnern vor Neid Tränen in die Augen treiben. Und so fand nicht mal die einst vom "Spiegel" prophezeite "Bronxisierung von Neukölln" statt. Berlin hatte nie nur einen "Problem-Kiez" wie das Rollbergviertel, sondern immer schon einige. Weil Berlin nie ein Zentrum hatte, sondern seit Gründerzeiten aus etlichen Kleinstädten besteht, die alle ihren eigenen campanilismo pflegen und sich irgendwie ausschaukeln.

Das ahnt natürlich nicht, wer auf Hamburger oder Münchener Chefredakteurssesseln sitzt und allenfalls ein virtuelles Bild von der Stadt hat. Es gibt auch selbst in Berlin keine no-go areas, weil sich die Politik nirgendwo in Deutschland schon so weit aus "Problem-Kiezen" zurückgezogen hat wie die New Yorker aus der Bronx oder die Pariser aus La Défense. Hier zu Lande klingeln Alarmglocken schon, wenn die "Mücke" noch im Larvenstadium ist, auf dass bitte kein Elefant draus werde. Übrigens auch ein Ergebnis der derzeit gern frivol verspotteten Sozialstaatstradition.

Nachdem das mit der wirklichen Kriminalität - außer bei Bank- und Baugewerbe - nicht so bombastisch war, wurde Berlin zur "Krimi-Hauptstadt" erklärt. Kaum ein Buchverlag ohne "Berlin-Krimi-Reihe", kaum ein Kino ohne regelmäßige "lange Kriminächte". Der "Frauenkrimi" hat ausgedient als Thema für Uni-Seminare und Diplomarbeiten, was ja höchst erfreulich ist, nur folgte ihm leider der "Berlin-Krimi" auf dem Fuße.

Die Magnetwirkung durch den Zuzug deutscher Spitzenpolitik, auf die Investoren fehlspekuliert hatten, kam schließlich doch, wenn auch nur durch den Zuzug privater Fernsehsender. Praktischer Nebeneffekt: die grauslichen Baulücken und Büroturmruinen sind locations vom Feinsten. Da rankt sich schnell mal ein Plot drumrum. Und so zog eine ganze quirlige Zulieferer- und Abverkäuferindustrie nach. Technische Betriebe, PR-Büros, Casting-Agenturen, etcetera.

Der Produktion folgt die Rezension. Premierenfeiern bedeuten Promipartys inklusive Klatsch und boulevardesker Bildstrecken. All das wiederum ließ überregionale Zeitungen ihre Berlin-Büros aufblasen und Berlin-Seiten fertigen, die wenig mit Berlin und alles mit einer fiktiven "Neuen Berliner Gesellschaft" zu tun hatten. Weshalb sie ebenfalls bald wieder weg waren.

Vermutlich passiert dasselbe demnächst in Sachen "Krimi" - denn was heute als "Berlin-Krimi" betrötet wird, ist zumeist Etikettenschwindel. Es hat mit der realen Kriminalität und Kriminalistik der Stadt so viel zu tun wie die Hinrunde von Hertha BSC mit gutem Fußball.

Richtige Metropolen sind natürlich immer ein Gemisch aus Realität und Fiktion. Das ist gut so, das macht sie attraktiv für die einen und beängstigend für die anderen. Aus der Reibung von beiden entsteht Energie. Kalt lässt eine Metropole keinen. Trotzdem gibt es sehr wohl Unterschiede zwischen Wirklichkeit und Kunstprodukt. Mal darf sich die Wirklichkeit mehr erlauben als die Fiktion, mal ist es andersrum. Gute Kriminalliteratur hält sich weltweit an die Bauhaus-Variation: fiction follows life. Aber ob das auch eventuell umgekehrt zutrifft, wird nur entsetzt gefragt, wenn jugendliche Amokläufer zu viel am Computer gespielt haben oder der Mord an Olof Palme Parallelen zu einem Plot von Sjöwall/Wahlöö aufweist.

Beziehungsweise - inzwischen - wenn der Bundesinnenminister öffentlich findet, nach dem Bundesnachrichtendienst müsse auch das Bundeskriminalamt dringend nach Berlin. Rennen die alle womöglich der virtuellen, fiktionalen Kriminalität hinterher? Steckt dahinter gar ein masterplan namens "FBIisierung des BKA"?

Zweimal ganz klar: Nein. Erstens ist seit der Schilyschen Verkündung des Plans im Mückenformat dermaßen laut aufgeschrieen worden, dass daraus gar kein Elefant mehr werden kann. Das Betriebsklima im BKA ist im Eimer. Die Beamten fühlen sich verarscht - weniger weil sie partout nicht in die Hauptstadt wollen, sondern weil ihr Chef Kersten zwar schon im Juni 2003 seine diesbezügliche Vorlage an Schily geschickt haben soll, im eigenen Haus aber noch im Dezember 2003 eine Art Indianerehrenwort in Sachen "Standortgarantie" abgegeben hat. "Politik nach Gutsherrenart!", kontert Kerstens Personal, und das passt so gut zum Vorwurf der absolutistischen Amtsführung gegen Schily selbst, dass sich der gewiefte Politkrimi-Leser fragt, ob der Minister seinen Spitzenbeamten nicht einfach als Minenhund benutzt hat. Er schickt ihn vor, die Stimmung testen, feuert ihn, wenn sie schlecht ist, und verkauft das Ganze als "ergebnisoffene Prüfung". Schließlich ist Kersten bloß ein politischer Beamter, da geht das problemlos.

Die Idee, "alle operativen und ermittlungsunterstützenden Abteilungen" ohne Not in Umzugschaos zu verwickeln, heißt nüchtern betrachtet, kriminalistische Energie ausgerechnet dann lahm zu legen, wenn der "Kampf gegen Terrorismus" sowohl oberste Priorität hat, als auch eine riesige Herausforderung ist. Das Bundeskriminalamt ist nicht zuletzt international tätig, hat Verbindungsbeamte auf der ganzen Welt, ist die deutsche Interpol- und Europol-Filiale. Berlin liegt aber weder in der Mitte der Republik, noch hat es auch nur Direktflüge in alle internationalen Metropolen. Kurz, es gibt allzu viele ganz sachlich-reale gute Gründe gegen diesen Umzug.

Und was die FBIisierung angeht - es mag ja sein, dass gewisse Kreise ein gewisses Interesse daran haben. Die Idee einer nationalen Polizei, die de facto das - aus gutem Grund festgeschriebene - föderale Prinzip aushebelt, wird auch nicht erst gehätschelt, seit der Bundesinnenminister Kanther hieß und eine Reform des Bundesgrenzschutzes in diese Richtung forciert hat. Schily mag damit liebäugeln, das BKA zur bundesweiten vorbeugenden Verbrechensbekämpfung umzubauen, bisher ist die Ländersache. Und das wird auch noch lange so bleiben - mindestens bis die Entwicklung Europas neue Fakten schafft. Dafür sorgen nicht nur "landespolitische Eitelkeiten" - bisher ist noch jeder Versuch, die Bundesrepublik in einen Zentralstaat umzumodeln, im Sande verlaufen. Im rheinischen wie im märkischen. Zentralismus hat in diesem Land immer katastrophale Folgen gehabt - und noch leben Generationen, die ein etwas längeres historisches Bewusstsein haben als von hier bis zum letzten "Superstar" mit oder ohne Koksnase.

Ein FBI mit allem, was dazugehört, wird das BKA ohnehin nie. Oder kann sich irgendjemand irgendeinen Nachfolger vorstellen, der heimlich Ballettröckchen trägt wie J. Edgar Hoover selig, weil um Himmelswillen nicht herauskommen darf, wie schwul er ist? Undenkbar. Nicht mal außerhalb von Berlin.

Pieke Biermann

Pieke Biermann studierte Deutsche Literatur und Sprache, Anglistik und Politologie und ist seit 1976 in Berlin als Journalistin, Übersetzerin und Schriftstellerin tätig. Kriminalromane sind ihre Spezialität.

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