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Montag, 21. Mai 2012 | 12:06

Straßenszenen

15.06.2003


Von Thomas Rothschild

Schon in seinem frühen Stück "Das Mündel will Vormund sein" hatte Peter Handke auf gesprochene Sprache verzichtet. Aber...

 

..."Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" von 1992 beruht auf einer genialen Überlegung: dass es die Bewegung von menschlichen Körpern in einem abgegrenzten Raum ist, was neben dem Dialog Theater ausmacht, und dass sie für sich allein bestehen kann, ja als theatralisches Ereignis überhaupt erst ins Bewusstsein gehoben wird, wenn der Dialog entfällt. Und so zeigt uns "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" nicht mehr und nicht weniger als Figuren, die nach von Handke in Regieanmerkungen genau festgelegten Anweisungen den Bühnenraum durchqueren, der einen öffentlichen Platz simuliert. Für den Film war es Antonioni, der bereits Jahrzehnte zuvor das bloße Gehen zu einem theatralischen Motiv gemacht hatte.

Paradoxerweise nähert sich das Theater just in dieser reduzierten Form dem Leben an. Denn was Handke mit seiner artifiziellen Konstruktion anschaulich macht, kann man, wenn man nur will, jeden Tag beobachten. Der Happeningkünstler Wolf Vostell verteilte einst in den sechziger Jahren Fahrkarten der Kölner Verkehrsbetriebe und empfahl den Benützern, alles, was sie unterwegs sahen und hörten, als Kunstwerk zu betrachten. Und so kann, wer sich etwa an einen Fensterplatz im Café gegenüber vom Tübinger Rathaus setzt, als faszinierende Theatervorstellung erleben, wie sich Menschen einzeln, zu zweit, in Grüppchen unten verhalten. Manche überqueren den Platz in der Diagonale, andere halten sich lieber an die Häuserfront (und hier könnte der Begriff "Platzangst", der genau das Gegenteil von Klaustrophobie meint, einmal "am Platze" sein), einige bewegen sich im Zickzack. Verfolgt man diese Gehrichtungen, ergibt sich ein Muster von gedachten Linien. Manche schreiten schnell voran, andere zögern oder halten, wenn Markttag ist, bei einzelnen Ständen an. Manche starren gerade vor sich hin, andere unterhalten sich heftig gestikulierend mit einem Begleiter oder einer Begleiterin. Da schiebt eine Mutter einen Kinderwagen, dort läuft ein ungeduldiges Kleinkind voraus. Und diese Menschen, obgleich sie nichts miteinander verbindet als der Raum, den sie gleichzeitig oder in Folge betreten, bilden eben wegen dieser räumlichen und zeitlichen Gemeinsamkeit eine Struktur, stellen für den Beobachter ungewollt die unterschiedlichsten Bezüge her. Wir können zwei junge Menschen, deren Wege sich eben kreuzten, ohne dass sie voneinander Notiz genommen hätten, als künftiges Liebespaar imaginieren, wir können uns vorstellen, dass jener alte Mann, der einem anderen auszuweichen scheint, von diesem einst in übler Weise verraten wurde. Ein grandioses Schau-Spiel, für den Eintrittspreis einer Tasse Kaffee, einer Coca Cola oder des besten Mohnkuchens weit und breit.

Nur einen Typus konnte Handke 1992 noch nicht in sein Stück aufnehmen. Es ist die Frau oder der Mann mit dem Handy am Ohr. Im wirklichen Leben nimmt dieser mit seinem angewinkelten Arm stets gleich aussehende Typus überhand. Früher, als das Handy noch nicht zum Alltag gehörte, stand sein typischer Benutzer - der gebräunte junge Mann mit Rolex am Handgelenk und Goldkettchen um den Hals - möglichst auffällig vor einem Laden am Gehsteig, allenfalls einige Meter auf und ab schreitend. Mittlerweile kann sich niemand mehr als bedeutend profilieren, indem er ein Handy vorweist, und so wird es in die alltäglichen Abläufe integriert, zum Beispiel in das Überqueren eines Platzes auf dem Weg zum Supermarkt. Und da kommt wieder Sprache ins Spiel. Aber, jedenfalls für den Beobachter, kein Dialog. Was man sieht, sind redende Menschen ohne Gegenüber. Den Blick ins Nirgendwo gerichtet, überqueren sie immer noch den Platz. Aber ihr Geist ist anderswo. Die Bühne hat keine Grenzen mehr. Das Handy verweist auf einen unbestimmten Raum, irgendwo weit draußen. Die Straßenszene hat sich verändert. Seit jener Stunde, da wir nichts von einem Handy wussten.

Thomas Rothschild

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