Absetz- & Absatzbewegungen
15.06.2003
Vorder- oder Hintergründe zum Fall Walser/Suhrkamp/Rowohlt
Von Wolfram Schütte
Nun ist geschehen, worüber geraume Zeit schon öffentlich spekuliert worden war. Martin Walser wechselt nach fast fünfzigjähriger Zugehörigkeit vom Suhrkamp-Verlag zu Rowohlt. Nachdem kürzlich erst der Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg und danach der u.a. für Walser zuletzt zuständige Lektor Thorsten Ahrendt das Frankfurter Verlagshaus verlassen hatten und Berg zum Hamburger Verlag "Hoffman & Campe" als Verlagsleiter gegangen war, ist ihnen nun auch Martin Walser gefolgt. Er war schließlich der Auslöser für beider Abgänge. Im Rowohlt-Verlag wird noch in diesem Jahr ein neuer Roman und im folgenden Frühjahr ein Essayband von Walser erscheinen. Vielleicht auch demnächst Thorsten Ahrendt? Zugleich wurde bekannt, daß Thomas Sparr - seit 2000 Verlagsleiter bei Siedler - zu Suhrkamp & Insel als Leiter der "Abteilung Öffentlichkeit und Presse" zurückkehrt; denn er hatte bereits von 1990/ 99 als Lektor des Jüdischen Verlags bei Suhrkamp gearbeitet. Heide Grasnick, seit 33 Jahren in der Presseabteilung des Verlags, seit 1996 Presseleiterin, wird ihm Platz machen, aber beratend dabei bleiben. Zur neuen Suhrkamp-Crew kommen als Lektorinnen (!) sowohl Charlotte Brombach als auch Katja Scholz, die eine für die junge deutschsprachige Literatur, die andere für die bislang bei Unselds Suhrkamp-Verlag etwas außer Sichtweite geratene angloamerikanische Literatur. Ziemlich viel Bewegung herrscht also bei & um das kleine Frankfurter "Suhrkamp-Imperium", nachdem Teile der rezensierenden Öffentlichkeit lange und selten ohne Häme über die "Immobilität", den linksliberalen Traditionsüberhang & "die Witwenherrschaft" im einst geistig führenden deutschen Verlag räsoniert und die immer entschiedeneren Eingriffe der Mehrheitsgesellschafterin Ulla Unseld-Berkéwicz mit scheelem Blick beäugt hatten. Die Erbin des Godfathers der "Suhrkamp-Culture" hat sogar die noch von Unseld als Gralshüter seines geistespolitischen Erbes zu "Aufsichtsräten" berufenen Hausautoren - wie u.a. Alexander Kluge, Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas und Adolf Muschg - verärgert, weil diese sich bei Bergs Demission übergangen fühlten und daraufhin von ihrem Ehrenamt kollektiv zurücktraten.
Herrin im Hause
Nun ist Ulla Unseld-Berkéwicz also unübersehbar ganz allein Herrin im Hause. Man kann & muß ihr wohl viel Glück wünschen, einen Verlag, der paternalistisch ganz auf Siegfried Unseld zugeschnitten und nicht unerheblich von langen Freundschaftsbeziehungen des Verlegers zu nicht allen, aber doch manchen langjährigen Autoren getragen worden war, auf eine weniger intime, wahrscheinlich unvermeidbar "sachlichere", vielköpfigere Weise erfolgreich fortzuführen. Von allen Kollateralschäden, die ihr verlegerisches Engagement herbeiführte, ist nun der Weggang Martin Walsers möglicherweise der nachhaltigste. Er war jedoch absehbar, um nicht sogar zu sagen: unvermeidlich. Weder sie noch Walser konnten annehmen oder hoffen, einen künftigen modus vivendi zu finden, trotz allen wohl angestrengten beidseitigen (?) Versuchen dazu. Der persönliche, aber auch der moralische Graben war zu tief, der sie trennte. Nicht zuletzt, sondern zuerst hatte sie "Martin" seinen "Siegfried" genommen. Und daß "Martin" sich schon zuvor dem langjährigen Freund "Jürgen" (Habermas) entfremdet hatte, dem der Ressentimentalist vom Bodensee einen politisch verderblichen Einfluss auf ihren gemeinsamen Freund "Siegfried" zuschrieb, entzündete in der Gefühls- & Phantasiewelt des Selbstbetrachters von Nussdorf am Bodensee ein schwelendes Inferno des Liebesentzugs, das literarischer Gegenstand eines weiteren Walserschen "Seelenlebens" sein könnte, wenn er nicht schon emotional-existentiell Verwandtes unter diesem oder anderen Titeln metaphorisch beschrieben hätte - und man nicht zudem mutmaßen müßte, daß ihm, als zuinnerst Betroffenem, die epische Souveränität heute ganz & gar fehlt, einen solchen "Fluss ohne Ufer" im Spannungsfeld von drei Generationsgenossen, ihres Lebens und ihrer Entwicklungen noch schreiben zu können. Aber ein großer Romanstoff, der sich zu einem bundesrepublikanischen Panorama en gros et en détail entfalten ließe, liegt hier gewiß vor - und sucht seinen Autor.
Werbetrommler in eigener Sache
Den letzten Ausschlag zur jetzt eingetretenen Trennung gaben die verlagsinternen Vorgänge um Walsers literarisches Roman-Pamphlet "Tod eines Kritikers" (2002) und die von dem Buch provozierte öffentliche Debatte um seine antisemitischen Obertöne. Der zu diesem Zeitpunkt bereits schwerkranke Siegfried Unseld ist darüber unwissend gestorben. Der von ihm bestallte Verlagsleiter Günter Berg hatte sich als Steuermann über Bedenken, die innerhalb des Verlags virulent waren, der ohne seinen jahrzehntelangen Kapitän durch Walsers Buch in hohe See geraten war, jedoch resolut hinweggesetzt - ein moralisch höchst zweifelhaftes, "marktwirtschaftlich" aber konformes Verhalten, das sich allerdings auszahlte: Verlag wie Autor haben mit dem Skandal-Buch einen großen Gewinn gemacht, das Weihnachtsgeld war im Verlag gesichert. Der Autor hatte ohnenhin in den letzten Jahren durch die kakophonischen Begleitmusiken seiner persönlichen Auftritte und Bücher, spätestens seit der Selberlebensbeschreibung "Der springende Brunnen" und seiner folgenreichen "Friedenspreisrede" (1998) für sich und sein Bild von der durch die Medien "verfolgten Unschuld" die Werbetrommel kräftig gerührt und zur Rührung über den vermeintlichen, von allen einst guten Geistern verlassenen "underdog" stetig eingeladen. Das hat ihn stetig im Gespräch & Geschäft gehalten. Zwar hatte Unseld, dessen einst sehr enges Freundschaftsverhältnis zu dem um drei Jahre jüngeren Walser schon zur Zeit des "Springenden Brunnens" nicht mehr so frisch & fröhlich & intim war wie in den Jahrzehnten davor, schon seine arge Mühe, die geistespolitischen Spannungen, die zwischen dem rechts-liberal agierenden Walser mit dessen offenen & versteckten Angriffen auf Unselds Freunde Jürgen Habermas und Ignatz Bubis bestanden, notdürftig öffentlich auszubalancieren; und in welche tragische Kalamität auch der Verleger geraten wäre, wenn er sich zum erkennbaren Frontalangriff Walsers auf Marcel Reich-Ranicki (auch er ein Suhrkamp-Autor) hätte erklären & verhalten müssen, kann man sich vorstellen. Aber der Verlag hat nach Unselds Tod Walser weiterhin verlegt, wenn auch nur ein schmales Nebenwerkchen mit autobiographischen Aphorismen ("Meßmers Reisen", 2002). Aber das Miserabilium "Tod eines Kritikers" wurde nicht - wie üblich - als Suhrkamp-Taschenbuch im eigenen Hause weiter bewirtschaftet, sondern vollkommen unbeachtet von der zuvor doch so erregten Kritik klammheimlich an die List-Taschenbücher abgetreten. Das war eine sowohl für Walser wie für Berg unmissverständliche Distanzierung des Verlags, die wohl schon Ulla Unseld-Berkéwicz durchgesetzt hatte. Der jetzt gewiß spektakuläre Weggang Martin Walsers, der sich selbst (und wohl auch nicht ganz zu Unrecht) lange Zeit als engsten Freund und Lebens-Kumpan des etwa gleichaltrigen Siegfried Unseld fühlte, ist tief verwoben in die höchst subjektive Verlags- & Autorenpolitik dieses letzten großen deutschen verlegerischen pater familias. Ohne diesen zentralen "subjektiven Faktor" betrachtend & reflektierend in Rechnung zu stellen, kann man hier keine Bilanz ziehen.
Die Tragik des Patriarchen
Wer Siegfried Unseld und seinen Verlag auch nur ein wenig kannte, dem war ersichtlich, daß eine solche lebensgemeinschaftliche wechselseitige Vertrautheit, ja Intimität zwischen manchen Autoren und ihrem Verleger sich nicht nach Unselds Tod fortsetzen ließe - weder von Berg noch von Unselds Witwe. Darin lag ja der Grund für die von ihm nicht zu lösende Tragik des Suhrkamp-Patriarchen, noch zu seinen Lebzeiten einen Nachfolger zu finden, zu bestimmen und souverän unter seinen Augen tätig werden zu lassen. Noch nicht einmal den eigenen Sohn ließ er neben sich aufkommen, besser hieße es wohl: schon gar nicht den eigenen Sohn. Patriarchen, so groß ihre Lebensleistung sein mag, sind spätestens im Alter nicht in der Lage, von ihrer lebenslänglichen Selbstbezüglichkeit Abstand zu nehmen. Manche Theorien über diesen anthropologischen Typus gehen sogar so weit, zu behaupten, daß solche Patriarchen insgeheim & unbewusst ihr Lebenswerk mit ihrem Ableben zerstören, zumindest aber "zurücknehmen" wollen - wie Adrian Leverkühn in Thomas Manns "Dr. Faustus" die Neunte Symphonie Beethovens. Möglicherweise wird dergleichen jetzt spekulativ aufgetischt, nachdem bekannt wurde, daß es eine 1997 abgeschlossene Vereinbarung zwischen Siegfried Unseld und Martin Walser gibt - und nicht nur zwischen diesem, sondern auch anderen Autoren des Verlags und ihrem Verleger -, aufgrund deren diesen Autoren die Rechte an allen ihren Suhrkamp-Büchern wieder zufallen, sollte Unseld nicht mehr geschäftsführender Gesellschafter des Verlags sein. Walsers neuer Verleger Alexander Fest von Rowohlt dürfte, ganz milde ausgedrückt, an der Walserschen Backlist von Long- & Exbestsellern zumindest ein ebensolches ökonomisches Interesse haben, wie an den ihm in Aussicht gestellten neuen Büchern des 76jährigen Schriftstellers.
Lebenskapital eines Autors
Es ist eben dieses literarische Lebenskapital von 136 verschiedenartigen Ausgaben und Titeln, mit denen Walsers Oeuvre außer dem Autor auch seinem bisherigen Verlag eine stetig sprudelnde Einnahmequelle verschaffte, die Suhrkamp natürlich nun ebenso wenig missen, wie Rowohlt auf seine Geschäftsbereiche umgeleitet sehen möchte. Es geht da um einiges sicheres Geld, und manchen Angsthasen in der Suhrkamp-Belegschaft könnten Furcht & Zittern ergreifen, wenn sie diese Geldquelle für den Verlag jetzt versiegen sehen.. Walser, der nun vertrocknen lassen will, was der Verlag unter Unselds Ägide mit & für sein Werk liquide gemacht hatte, inszeniert seinen Verlagswechsel (wie immer in der Rolle des Opfers) als "Abschied vom Suhrkamp-Verlag" mit dem routiniert gefühligen Gratisalmosen eines "Toasts to the working people" der "liebwerten Damen" und "werten Herren", die seinem literarischen Lebenswerk zur Buchexistenz verholfen haben. Selbstverständlich schickt er den peinlichen Brief für jene, denen "ich dankbar bleibe" (während er sie doch zugleich in Existenzsorgen stürzt), als Offenen Brief über den heutigen "Spiegel" an die Öffentlichkeit, damit diese erfährt, daß es "die Verlagsleitung" sei, welche vor einer "Autorität in die Knie ging", die "von außen, unter Verletzung geltender Regeln, einen Skandal angezettelt" habe, vor dem "Siegfried Unseld nicht in die Knie gegangen wäre". Womit der Skandal von "Tod eines Kritikers" gemeint sein soll - und uns wieder einmal das alemannische Unschuldslamm vor Augen kommt, das unterm Schirrmacherischen Geschrei des "Kreuziget ihn!" an den Pranger gestellt wurde. Und der Überlebende scheut sich nicht, den toten "Siegfried" zu seinem ersten Gläubigen, ja zu seinem verhinderten Schutzheiligen aufzurufen. Es ist schon ein Kreuz mit diesem ewig Selbstgerechten. Aber hat der große Verleger, mit dessen postumer Hilfe Walser sich jetzt von seinem Verlag absetzen will, nicht damit insgeheim höchstselbst jedem Nachfolger oder Erben ein Kuckucksei ins Nest gelegt, aus dem vorerst nur Martin Walser geschlüpft ist? Werden gar bald noch andere flügge? Solche hinterlistige Absicht unterstellte aber dem schwäbischen Siegfried, denke ich, einen Hagen-von-Tronjehaften Zerstörungswillen, der umso weniger wahrscheinlich ist, als Unseld diese Absetzungsklausel gewiß nicht selbst seinen Altautoren empfohlen oder gar angetragen hat. Vermutlich ist das Unseld gleichwertige "Schlitzohr" Hans Magnus Enzensberger auf diese Idee der Autorenbefreiung aus der Leibeigenschaft des Suhrkamp-Verlages gekommen - und zwar mit immanenter Logik, die sich aus der Unseldschen Verlags- & Verlegerpolitik ergibt.
Alte Hasen & alter Herr
Denn wenn das Spezifische mancher alter Verbindungen zwischen Autoren und dem Verlag primär und intim durch die Freundschaft mit dem Verleger gestiftet worden war, dann galt diese individuelle Loyalität einzig der Person und nicht der Institution (wie übrigens eben gerade Walsers Offener Brief gegen des Autors Intention beweist). Warum sollte diese Verbindung mit Notwendigkeit fortbestehen, wenn ihre Basis nicht mehr gegeben war? Das ist einsichtig. Wenn man so will, hatte sich Unseld damit selbst in der Schlinge gefangen, die er mit seinen Autorenfreundschaften als festeste Bindung an dem mit ihm identischen Verlag ausgeworfen hatte. Es ist auch nicht verwunderlich, daß von den alten Hasen in Unselds Stall diese Idee in den Neunziger Jahren aufkam. Sie hatten ja alle mitbekommen, wie der alte Freund mehrfach damit gescheitert war, seine Nachfolge souverän zu bewältigen. Was würde, was könnte aus seinem Verlag werden, wenn er nicht mehr das Regiment führte, das ihnen - nicht zu vergessen! - eine privilegierte, "reichsunmittelbare" Stellung zum Herrn im Hause garantiert hatte? Vorsorge schien also notwendig, und Unseld konnte seinen altgedienten Autoren nichts entgegensetzen - außer der Schonfrist von fünf Jahren für seine Nachfolger. Und? Und noch etwas? Und der damit verbundenen Verpflichtung der Autoren, innerhalb dieser fünfjährigen Probezeit und Schonfrist ante Unseld mortem dem Suhrkamp-Verlag eine Option auf alle neuen, publikationsreifen Manuskripte einzuräumen. Dieses vertragliche Junktim des listenreichen Siegfried Unseld verpflichtete seine verlegerischen Nachfolger wie seine langjährigen Autoren gegenseitig dazu, sich aufs Neue & Eigene ins Benehmen zu setzen und zu entscheiden, ob man nun künftig weiterhin zusammenbleiben oder sich trennen wolle. Das wäre eine für beide Seiten faire & offene Regelung. Hat, könnte man sich nun fragen, Walser vielleicht damit schon getrumpft, als man im Verlag zögerte, seinen "Tod eines Kritikers" zu publizieren? Und hat der Suhrkamp-Verlag, der ja brav Walsers schmalbrüstiges autobiographisches Aphorismenbuch "Meßmers Reisen" 2003 publizierte, den ihm von Walser angebotenen, jetzt bei Rowohlt angekündigten Roman zurückgewiesen - sodaß die Kernschmelze des Junktims eingetreten und Walser bei Suhrkamp aus- und bei Rowohlt auf- & eintreten konnte ? Wahrscheinlich kommt das nahezu Unvermeidliche, besonders bei ursprünglichen Liebesverbindungen, wenn die Zeit der Gemeinsamkeiten aufgebraucht ist. Wie bei privaten (Güter-)Trennungen werden wohl auch hier dann zuletzt die Gerichte entscheiden und die Rechtsanwälte ihren Schnitt machen. Triste Aussichten.
Wolfram Schütte
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