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Montag, 21. Mai 2012 | 12:12

Kathrin Rögglas ,,Die Unvermeidlichen"

23.02.2011

Gefangen im doppelten Sinne

Kathrin Röggla ist eine zeitgenössische Autorin, die es liebt, Gesellschaftskritik zu betreiben. Mit Die Unvermeidlichen knöpft sie sich nun das politische System vor. Von JENNIFER WARZECHA

 

Leicht scheinen sie es nicht zu haben. Sie reden gegen die Wand, starren sich mit strengem Blick gegenseitig an. Sie beherrschen die Sprache der Politik – kein Wunder, sie sind ja Übersetzer. Solche, die sich zum Beispiel im Rahmen der Weltklimakonferenz mit Argumenten streiten, die nicht die ihren sind. »Ich übersetze den russischen NGO-Vertreter. Jetzt darf ich mal was sagen«, wirft die russische Übersetzerin (ausdrucksstark: Sabine Fürst) in den Raum. Ihre Kollegin, die Chinesin (Isabelle Barth), lästert über Leute, die nicht simultan übersetzen können. Die Französin überkommt sogar Mitleid für den Redner, den sie übersetzen soll. Die Barrieren zwischen Sprechendem und Mitteilungsobjekt verschwimmen ganz allmählich …

 

Sprach- und Ratlosigkeit herrschen eine Stunde lang auf der Bühne. Oft fällt gar ein  hilfesuchender Blick ins Publikum. Ein Chor vom Band unterstreicht zusätzlich die Distanz von Körper und Stimme. Er repräsentiert den technischen Apparat, welcher die Übersetzer umgibt und von ihrer Lebenswelt abgrenzt. Worthülsen wie »Wohlfühlkonferenz« verraten die Inhaltslosigkeit derer, die übersetzt werden, wie die der Übersetzer.

 

Keine Kritik am Berufsstand

Wenn sie unter sich sind, führen sie Privatgespräche. Sechs Bildschirme zeigen dabei sechs Protagonisten in ihrer stillen Kammer, gefangen im doppelten Sinne: räumlich und in ihrer Rolle.  Um sich ihrer Subjektivität und Individualität bewusst zu werden, müssen sie reden, reden, reden.

 

Am Ende betreten Techniker den Raum und bauen eine Holzwand um die Bühne herum auf.  Die Wand symbolisiert die Undurchlässigkeit des Systems und die Unsichtbarkeit der eigentlichen Protagonisten, ihr Abgekoppeltsein von der Menschenwelt, ihr Gefangensein in der medialen Inszenierung.

 

»Durch die Indirektheit der Arbeitssituation lässt sich viel über das politische System erzählen«, sagt Kathrin Röggla in einem Kurzinterview nach der Aufführung. Um Kritik am Berufsstand der Simultanübersetzer geht es ihr aber nicht. Es handele sich bei den Protagonisten um »hochintelligente Menschen und Gesprächspartner«, die anhand ihres Sprachbewusstseins die Mängel des politischen Systems erkennen und offenlegen können.

 

 

Die Autorin:

Kathrin Röggla, geboren 1971 in Salzburg, ist Theater- und Prosaautorin. Sie erhielt bereits zahlreiche Preise wie den Italo-Svevo-Preis oder den Anton-Wildgans-Preis. Die Uraufführung ihres Stückes fand am Mannheimer Staatstheater statt, das Röggla als zeitgenössische Autorin in sein Programm mit aufnahm, weil sie als besonderen Ausdruck zeitgenössischer Dramatik mit »dokumentarischem Material arbeitet, das sie stark rhythmisiert«, sagt Sandra Strahonja, Pressesprecherin für Presse und Schauspiel. 

 

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