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Wolfram Schütte: Fürsorgliche Belagerung?

08.03.2004

Einige Bemerkungen zur FR-Zukunft

 

Der beabsichtigte Einstieg der SPD-Medienholding DDVG beim "Druck- & Verlagshaus", in dem die "Frankfurter Rundschau" erscheint, hat bei der überregionalen Tageszeitungskonkurrenz, bei einigen FR-Redakteuren und auch bei FR-Lesern Besorgnis erregt. Wir erfahren das alles von der FR selbst, die darüber ausführlich berichtet - was angesichts der Verschwiegenheit, mit der andere Zeitungen bestehende Abhängigkeits-verhältnisse und Veränderungen in ihren ökonomischen Strukturen beschweigen, einigermaßen beachtenswert ist.

Man kann das als eine FR- "Flucht nach vorne" ansehen, weil es nicht zu verheimlichen war; man könnte aber auch darin einen klugen Schachzug von Verlag & Redaktion sehen, die politische Unabhängigkeit der FR (i.e. ihre Parteiferne), quasi im Schutz & im vollen Licht der Öffentlichkeit, zu sichern. Unter allseits mißtrauischer Beobachtung stehend, hat man sich damit demonstrativ selbst unter sie gestellt: Richtet uns nach unseren Taten und nicht im schummrigen Lichte eurer Unterstellungen. Auch das ist in der deutschen Presselandschaft ungewöhnlich.

Jedenfalls steht ab jetzt das Image der traditionell linksliberalen bürgerlichen Zeitung auf dem Spiel (wie ohne die DDVG zuvor deren Existenz). Denn die FR hat seit ihrer Gründung 1945 ökonomisch unabhängig eine Gesellschafts-Politik vertreten, die in strikter Opposition zum konservativen Lager von CDU/CSU stand und politisch eher mit den Zielen der Nachkriegs-SPD, zeitweilig verbunden mit der FDP und später mit den Grünen sympathisierte. Das ist kein Geheimnis, und es erklärte einmal den überregionalen Erfolg dieser anderen Frankfurter Zeitung. Nach dem Tod ihres Mitbegründers Karl Gerold (1973) war die FR und ihr "Druck-& Verlagshaus", in dem sie neben anderen Lohndruckaufträgen wie "Bild", "Zeit" oder "Handelsblatt" erschien, Eigentum der gemeinnützigen "Karl-Gerold-Stiftung". Karl Gerold und seinem damaligen Stellvertreter Karl Hermann Flach (der später Generalsekretär einer FDP wurde, die mit der heutigen noch nicht einmal mehr den Namen teilt) haben dem Blatt mit ihren "Grundsätzen", die jedem Anstellungsvertrag beigegeben wurden, das "sozial-liberale" Profil gegeben, dessen gesellschaftspolitische Zielsetzungen mittlerweile meilenweit von der neoliberalen Realität entfernt sind, deren Virulenz längst auch die Schrödersche SPD oder die Realos bei den Grünen angesteckt hat.

Die europaweite, in Deutschland besonders überregionale Qualitätszeitungen wie "SZ", "FAZ" und die "FR" tangierende Erwerbskrise auf dem Anzeigenmarkt hat zur Jahrtausendwende dazu geführt, daß alle diese Tageszeitungen, die keinen Verlagsimperien wie Springer oder von Holtzbrinck angehörten, nach Auswegen aus ihrer ökonomischen Misere suchten und währenddessen ihre Rücklagen und Kapitalien aufzehrten. Die FR traf die Krise besonders schwer, weil was als alternative ökonomische Stütze der Zeitung gedacht war (das von Fremdaufträgen lebende, hochmoderne "Druck- & Verlagshaus"), selbst zum Klotz am Bein der FR wurde. Es zu amputieren, würde die Möglichkeit einer alternativen Erwerbsquelle der Zeitung ein für alle mal zunichte machen; das FR-Filet-Grundstück in bester, zentraler Lage in Frankfurt am Main zu liquidieren, hätte angesichts des bekannten Liquiditätsdrucks des Verlags, nicht den erwünscht hohen Erlös erbracht. Man war also auch noch erpreßbar. Die radikale Reduktion der Mitarbeiter des Hauses samt der von den Verbliebenen in einem einzigartigen solidarischen Akt akzeptierten Gehaltskürzungen um 20%, bei Wegfall von Urlaubs- & Weihnachtsgeld, hatte keine grundsätzliche Wende zum Rettenden gebracht.

Gesucht wurde - wie bei der SZ, die ein Provinzzeitungskonsortium fand - also zunehmend verzweifelt ein oder mehrere Investoren, die angesichts dieser Dilemmata bereit wären, in das Unternehmen einzusteigen - und zugleich die von der Stiftung garantierte Tendenz der Zeitung zu akzeptieren. Ob da die Sicherheiten, welche nun nicht präferierte Investoren zu geben gewillt waren, unzulänglich waren, weil sie vielleicht nur an den Immobilien und der Druckerei interessiert waren; oder ob die nun gewählte DDVG den Vorzug bekam, weil sie ihren prozentual hohen Einstieg von 75 % sobald als möglich durch die Beteiligung anderer Investoren reduzieren will und diese Möglichkeit vertraglich festschreiben wird, bleibt erst einmal Geschäftsgeheimnis. Zumindest versichern beide Teilhaber, möglichst schnell und grundsätzlich die 75% Mehrheitsbeteiligung der DDVG so zu reduzieren, daß das finanzielle Engagement der SPD-Medienholding nur noch als ökonomisches Profitinteresses erkennbar bleibt.

Wird nun also die bislang ökonomisch unabhängige, "linksliberale2 FR künftig das überregionale SPD-Parteiorgan sein, weil man dergleichen ja nicht von den Provinzblättern "Westfälischen Rundschau", "Cuxhavener Nachrichten", der "Frankenpost" in Hof oder dem "Vogtland-Anzeiger" in Plauen erwarten konnte, wo die DDVG jeweils 100 % hält? Das ist nicht nur ein absurder, sondern auch ein böswilliger Gedanke.

Absurd, weil einer Partei, der die Mitglieder mit Grund davonlaufen, ein Parteiorgan sie weder bei der Stange hielte, noch sie zurückbrächte. Und wer diese Absicht merkte, wäre erst recht verstimmt. Kontraproduktiver geht's nicht.

Böswillig, weil die Redaktion der FR, bei aller grund- oder vorsätzlichen Sympathie für das rot-grüne Regierungsbündnis, deren reale Politik eher von links unbeschönigend kritisiert, als deren gesellschaftspolitische Gegen-Reformationen (wie die Mehrheit der Printmedien von rechts) begrüßt hätte. Das hat ihr gerade im Regierungslager keine Freunde geschaffen, bei ihren Lesern aber sehr wohl.

Eben deshalb, könnte nun ein Skeptiker sagen, dürfte "die SPD" ein innigstes Interesse daran haben, diese entschiedene, schmerzhafte linksliberale Stimme zu kastrieren. Das hieße aber zum einen, die Partei für dümmer und dreister zu halten, als sie es, trotz aller Orwellscher Newspeak, sein kann & will. Zum anderen bedeutete es jedoch, eine Redaktion zu unterschätzen, welche die heute immer unzeitgemäßer erscheinende schwierigere Differenz zwischen skrupulös und skrupellos bislang ein- und ausgehalten hat. Es gibt keinen Grund, an deren Standfestigkeit zu zweifeln - umso mehr, als sie täglich vor aller Augen sichtbar sein wird.

Bis zum Beweis des Gegenteils wollen wir vielleicht doch einmal annehmen, daß die SPD-Medienholding DDVG nun eingesprungen ist, um die Fortexistenz des einzigen linksliberalen publizistischen Traditionsunternehmens in Deutschland vorerst einmal zu sichern, und daß sie daran ein ebensolches gesellschaftspolitisches Interesse hat, wie es die Hessische CDU-Landesregierung bekundete, als sie der "Frankfurter Rundschau" vor einem Jahr eine Landesbürgschaft gewährte.

Oder will ernstlich jemand annehmen, die britische "3i" oder das "Orlando Management" (wie die SZ jetzt mit scheeler Nachrede unkt) hätte ein vitales publizistisches Interesse an der Existenz eines Blattes, dessen Wirtschaftsteil z.B. als einziger nicht voll & ganz in das Dauergedröhn des neoliberalen Hosianna einstimmt? Nun ja: wenn beiden jetzt als Mehrheitsbeteiligte leer ausgegangen sind, könnten sie ja vielleicht dafür sorgen, als Minderheitsgesellschafter die DDVG von der Bürde eines falschen Eindrucks politischer Einflußnahme zu befreien und gegenseitig die Unabhängigkeit der FR auf eine ganz neue Basis zu stellen.

Ich weiß, das ist eine Utopie - wie überhaupt die Zukunft der überreginalen Qualitätspresse ungesichert ist, weil das bisherige Finanzierungskonzept qua Anzeigen weitgehend & unwiederbringlich durch das Internet ausgezehrt wurde. Die FR hat eine Verschnaufpause. Sie ist nicht die überregionale deutsche Tageszeitung, die derzeit seufzen müßte: "Wer spricht von Siegen? Überstehen ist alles!"

Wolfram Schütte

P.S. Von 1967 bis 1999 war ich Redakteur der FR. Ich weiß also, wovon ich hier rede, und die Leser sollten wissen, daß ich einmal "dabei" war. Es war eine schöne Zeit. Nach allem, was ich während dieser Jahre von Feuilleton-Kollegen in konkurrierenden überregionalen Zeitungen und Zeitschriften hörte, gab es nirgendwo mehr individuelle Freiheit für einen Schreiber & Redakteur als in der FR. Deshalb bin ich auch 32 Jahre lang dort geblieben.

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