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Montag, 21. Mai 2012 | 12:16

Wolfram Schütte: Es ist vollbracht

15.03.2004

Die „Passion Christi“ und ihre willigen Vollstrecker

Von Wolfram Schütte

Diese Passion ist ein Nichts von einem Film (D. Kothenschulte in FR v.17.3.04)

 

„Es ist vollbracht“: der Satz, mit dem Jesus seinen irdischen Leidensweg beendet haben soll, könnte auch der deutsche Constantin-Filmverleih für seine lukrative Geschäfts-Bilanz adaptiert haben – am Ende einer beispiellosen PR-Kampagne für Mel Gibsons „Passion Christi“, als deren willige Vollstrecker Filmkritiker und andere „embedded journalists“, der Papst, zahlreiche, evangelische, katholische und jüdische Theologen und Presseorgane aller Genres in den letzten Monaten fungiert haben. Vor allem der Filmkritiker Fritz Göttler von der SZ und der auf „unkorrekte Skandale“ bei der FAZ spezialisierte Lorenz Jäger haben sich seit rund einem halben Jahr die Finger für Gibsons Film wundgeschrieben, als hätten die beiden festangestellten Redakteure zusätzlich PR-Verträge bei bislang unbekannten Beraterfirmen und als bekämen sie für jeden Furz, den sie nach der Konsumption des Internets und den Websites der Produktions-& Verleihfirmen getreulich auf die Leser losließen, auch noch einen Extrabonus als Zeilengeld.
Von der ersten Meldung der Produktion über die publizistische Blutspur, die der Film in den USA bis zu seiner Premiere wie ein Fluß ohne Ufer hinterließ, der das Treibholz von Gewaltschrecken und Antisemitismus-Lockung mit sich führte, haben Göttler & Jäger (was für Namen!) alles aufgesammelt, aufgeleckt und uns vorgesetzt, was Gibsons Film anschwemmte – als wollten sie mit dem detaillierten, hyperrealistischen Exkrementismus des Films journalistisch wetteifern.
Dabei bestand die besondere Pointe darin, daß keiner der Schreiber (und schon gar nicht das Publikum) den Film selbst gesehen hatte, der da monatelang journalistisch begleitet wurde. Wie hat man doch genau diese Phantomberichterstattung als kapitalen Verstoß gegen die guten journalistischen Sitten noch vor eineinhalb Jahren dem FAZ-Herausgeber Schirrmacher vorgeworfen, der Martin Walsers Vorabdrucksmanuskript von „Tod eines Kritikers“ rezensiert hatte, bevor das Buch „auf dem Markt“ und „dem Publikum“ zugänglich war! Und daß in diesem wie im jetzigen Falle der Antisemitismus-Vorwurf virulent war und Walser wie Gibson an ihren Werken nachträglich vermeintliche „Entschärfungen“ vorgenommen haben, läßt die Debatte um „Tod eines Kritikers“ von heute aus, medien- & marketingpolitisch betrachtet, wie eine lokale Vorschulübung mit Erregungsmassenpotentialen erscheinen, der nun eine globalisierte & vernetzte Reifeprüfung folgte. Ein Multimillionendeal.

„Die Passion Christi“ & der Irak-Krieg


Jedenfalls ist bislang keine Promotion eines Hollywood-Films (selbst wenn dieser gar keiner ist, jedoch durch seine ihm vorauseilende Werbe-Kampagne als Gerücht erst zu einem wurde) perfekter als planvoll sich bis zur Schmerzgrenze steigernde Medien-Massage des Publikums rund um den Erdball in Szene gesetzt worden wie diese. So lawinenhaft hat sich die kostenlose Meldungs- & Kommentierungs-Reklame für den Film in den letzten Wochen entwickelt, daß Constantin gar nicht mehr das religiöse Surplus-Kalkül eines Starts in der Karwoche abwarten wollte, sondern schon zweieinhalb Wochen vorher mit 400 Kopien die deutschen Kinos besetzt.
Die weltweite & deutsche Promotion für Gibsons Film war logistisch ganz ähnlich strukturiert wie die Propaganda für den Irakkrieg der Bush-Regierung: immer neue & andere ausgewählte Experten konnten unter strengster Geheimhaltung, die natürlich immer einen Spalt breit durchbrochen wurde, das Skandal-Opus besichtigen bis hin zu seiner Heiligkeit, dem Papst (oder der Berliner CDU/CSU-Bundestagsfraktion) – und alles, was sie aufgrund ihres Geheimwissens äußerten oder angeblich (wie der PaPst) dazu gesagt hatten, samt den Für und Widers verzwickter theologischer Bedenkenträger wurde zu einem ununterbrochen köchelnden, platzende Blasen auswerfenden Meinungsbrei publizistisch verrührt, so daß das damit traktierte Publikum sich dem Geschwätz über die nahe bevorstehende und damit angekündigte Ankunft des Messias-Films gar nicht mehr entziehen konnte, ohne sich selbst für die verstockten Juden zu Jesus Zeiten zu halten, die in dem Zimmermannssohn aus Galiläa nur einen falschen Propheten sahen. Während aber die politischen Propagandisten des Irak-Kriegs die Massenvernichtungswaffen fälschlicher- & fälschenderweise prophezeien mußten, durften die zu Gläubigen eines Splatter-Horror- & Gewaltthrillers gepeitschten Konsumenten mit recht erwarten, daß – nach einer alten Berliner Kinoweisheit – für den Preis einer Kinokarte „an ihre niedrigsten Instinkte appelliert wird“. Kurz: bei Gibson gibt´s die „Massenvernichtungswaffen“, die im Irak nicht vorhanden waren: daher seine Massenattraktivität.
Auch was in der Realität unserer Tage noch weitgehend aus politischem Kalkül und einem winzigen Rest von ethischer Scham der geilen Öffentlichkeit des Medienmobs verweigert wird – die Abbilder real zerfetzter, von Bomben und Sprengstoff malträtierter menschlicher Leiber –, das darf bei Mel Gibson, der in seinen früheren Filmen dafür schon ein rasendes Faible hatte, das er nun religiös sakralisiert (ohne daß ihm die christlichen Kirchen diese Teufelsidee austrieben), endlich wieder ganz und gar genossen werden – ein sadistisch-masochistisches Volksvergnügen an der physischen Qual des Delinquenten, das seit den europäischen Zeiten der Inquisition, also deren brutzelnden Scheiterhaufens für Ketzer, oder der unendlich langsamen öffentlichen arm- & beinbrechenden, enthäutenden und vierteilenden Hin- & Zurichtung eines politischen Verbrechers im 17. und 18. Jahrhundert nicht mehr zu sehen und zu erleben war. Jetzt aber wieder im Kino.

Es gehört in der Tat zur moralischen Schande der christlichen Kirchen, die sinister „heidnischer“, d.h. weiter vom bilderlosen Monotheismus ihrer zwei vorderasiatischen Konkurrenzreligionen nicht entfernt sein könnten, als in diesem Augenblick, in dem sie der filmischen Blut- & Gewaltorgie ihren Segen geben – , um an Mel Gibsons barbarischem Kriegszug gegen den menschlichen Körper und die damit verbundenen ethischen Kollateralschäden hoffnungsvoll & angstlustig mitzuverdienen (wie die amerikanischen Großkonzerne, deren Geschäftsfeld auf dem Gefechtsfeld der amerikanischen Armee im Irak freigeschossen worden ist).

Die Konstantinische Schenkung


Die synergetischen Erfolge mit der „Passion Christi“, von denen uns die deutschen journalistischen Zaunkönige jubilierend immer neue Feldzugsberichte erstatten – über Herstellungskosten, eingesetzter Kopienzahl und der Umsatzentwicklung des Investitionsobjekts an den usamerikanischen Kinokassen –, werden aber von einem Interview mit dem Vorstand der Constantin, einem gewissen Thomas Peter Friedl , noch „getoppt“, das die „Süddeutsche Zeitung“ am 17.3. 04 unter dem treffenden Titel „Kirche, Kino, Marketing“ publiziert hat.
Daraus muß man zitieren, um die fickerige Erregung und den abfälligen Unmut des Verleihmanagers für die kleine Ewigkeit dieser Kolumne dem tageszeitlichen Vergessen zu entreißen: „Das Thema Kirche und Christus ist in einer Form wieder in die Diskussion gekommen, wie das in den letzten zwanzig Jahren durch nichts Vergleichbares passiert ist. Da wundert mich schon,“ wundert sich Herr Friedl sichtbar kopfschüttelnd, „wie schwer man sich teilweise tut, traditionelle Muster zu verlassen, mit was für einer Ignoranz das Thema von einigen behandelt wird. Ich bekomme“, widerspricht er sich aber sogleich, „Dutzende E-Mails von Pfarrern zu Sonderaktionen. Nur einige wollen sich gar nicht damit auseinandersetzen, die haben sich geäußert, ohne den Film gesehen zu haben“, also verdammt noch mal, ihr Schärflein in den Klingelbeutel am Kino-Eingang nicht geworfen haben, meint er damit. Dabei sind die „Highlights“ des Films doch schon derart oft & ausführlich beschrieben und zitiert worden, daß jeder bereits mitreden konnte, ohne den Film gesehen zu haben.

Vorauseilende Himmelfahrt


Bruchlos fährt der Verleihmanager aber fort: „Es gibt eine immense Nachfrage, Gemeinden, die einen gemeinsamen Kinobesuch organisieren, mit Diskussionen danach oder Gottesdienst“, der einerseits wohl dringend zur psychischen Nachbereitung nötig ist, andererseits ein Besuch im Hallenschwimmbad wohl noch nötiger wäre, um das Blut, das über die Kinobesucher gekommen ist, wieder abzuwaschen. Dann droht der Constantin-Vorstand für die Gewinnabschöpfung dieser christlichen Schenkung an: „Es wird eine zweite Schiene geben von Schulvorstellungen, die sich, aufgrund der Altersfreigabe ab 16, nur an die Oberstufe richten... Das wird nach Ostern losgehen, nach den Ferien. Da gibt es eigene Informationspakete, die wir an die Lehrer geschickt haben“. Es ist also alles getan worden, um bis Christi Himmelfahrt schon weit dem Herrn vorausgegangen zu sein, wenn auch nur auf irdischen Wegen zum ökonomischen Erfolg. Auf die „Gewaltfrage“ angesprochen, erklärt der deutsche Verleihchef als Einpeitscher: „Das Leiden ist im Laufe der jahrhundertlangen Darstellungen in der Kunst irgendwie verharmlost worden... Das kann man nicht andeuten mit ein, zwei Peitschenhieben“, sondern da muß schon der große Zampano Gibson kommen und den Leuten zeigen, was Sache ist, resp. die martials arts an Tricks und Terror erzeugen können.

Aber die SZ-Interviewer, der Gibson-Evangelist Fritz Göttler und die ihm anvertraute SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh, lassen sich mit ihren denkwürdigen Fragen auch nicht lumpen: „Es wäre aber denkbar“, meinen sie, wobei das „aber“ sich auf den Genuß der Gewaltszenen des Films bezieht, “daß Leute den Film mehrfach durchexerzieren“ – was eine denkwürdige Koinzidenz von Kino und Kasernenhofdrill anspricht. Da ist der constantinische Vorstand Friedl ganz aufgeregt, denn er erhofft sich einen Voyeurspriapismus auch hierzulande: „In Amerika ist das passiert... Leute, die am zweiten Wochenende das zweite, dritte Mal drin waren. Und sicher“, versucht er mit pastoral belegter Zunge die nach Jesu´ Leiden süchtigen Gotteskinder zu segnen, „war das keine Horror-Hardcore-Gemeinde“, die sich da vor der von Mel Gibson inszenierten Kruzifizierungs-Monstranz versammelt. Nie ist die hybride Kreuzung von Freudscher „Psychopathologie des Alltagslebens“ und bayrischer doppelter Verneinung geglückter zutage getreten, als in dieser Bestätigung einer Antwort, die gar nicht erfragt worden war und der doch widersprochen sein sollte, wodurch sie bestätigt wurde.

Kirchen in Kinderschuhen


Zuletzt muß der deutsche Verleiher im SZ-Interview darüber klagen, daß die Kirchen „in Deutschland, was das offensive Marketing angeht, noch in den Kinderschuhen stecken“. Amerika, wußte schon Goethe, „du hast es besser“, sogar da, wo der seufzende Geheimrat mit seinen Ahnungen noch gar nichts prognostizieren konnte: nämlich beim Marketing von Mel Gibsons „Passion Christi“ (die der „olympische“ Heide allerdings aufs Tiefste verabscheut hätte): „In Amerika“, schwärmt der deutsche Verleihvorstandschef, „sind die Kirchen ja straff organisiert“ – was zuletzt vor mehr als einem Halbjahrhundert doch noch eine deutsche Spezialität gewesen war. Die Kirchen in Amerika „haben alle ihre eigenen Marketingabteilungen, ihre Unterstützervereine. Die hatten ganze Kinokomplexe am Starttag gebucht. Die waren massiv für die Zahlen am ersten Wochenende verantwortlich ,“ – wobei ich zweimal kursiviert habe, um mein Erstaunen auszudrücken über eine selffulfilling prophecy, die mir aus totalitären Gesellschaften vertrauter ist, als „aus dem freiesten Land der Welt“.
Weil aber in Deutschland leider die Kirchen als straff organisierte Zirkulationsagenten des Verleihbetriebs ausfallen, konnte Constantin die Rechristianisierung des Landes durch Mel Gibsons „Passion Christi“ mit 400 Kopien nur mithilfe aller willfährigen journalistischen und publizistischen Helfer betreiben, was in einer säkularisierten Gesellschaft und Wirtschaft ja auch viel effektiver ist. Bedauerlicherweise mußte der deutsche Verleih aber darauf verzichten, die „Merchandising-Artikel“ zu übernehmen – eine lukrative Nebeneinnahmequelle, auf welche die katholische Kirche zu ihren monopolitischen Hochzeiten nicht verzichtet hatte und die im religiös unterfütterten Kapitalismus der USA nun munter weitersprudelt: „Die Merchandise-Artikel laufen wirklich gut in Amerika. Aber für Amerikaner“, bedauert der unbefriedigte Geschäftsmann Friedl die deutschen Zustände, „ist Merchandising eine ganz normale Sache. Ein kleiner Kreuznagel am Hals, das ist ein Glaubensbekenntnis“. Bei uns muß es heute schon ein bisschen mehr sein, ein Kopftuch z.B., um noch auf sein Glaubenbekenntnis hinzuweisen.

Und welche Rolle spielt denn innerhalb dieser Aufmerksamkeits- & Absatzstrategien die „klassische“ Filmkritik? Sie ist, ganz am Ende des Verwertungszusammenhangs, das Sahnehäubchen auf der Melange. Ob sie nun ihr dünnes Stimmchen erhebt, um den Film harsch zu verreißen, theologisch zu rechtfertigen oder cinéastisch zu durchmustern: – es spielt angesichts des von ihr im Vorfeld zur Selbstläuferei animierten Verleih- & Kinogeschäfts keine Rolle mehr. Allenfalls im Zirkulationsverkehr unter Intellektuellen besitzt sie einen Orientierung gebenden Gebrauchswert, der gesprächsweise dazu dienen könnte, diesen oder jenen Distinktionsgewinn beim Pro & Contra einzufahren. Was „die Kritik“ in dieser ohnmächtigen Situation einer prolongierten Komplizenschaft noch zu tun bliebe, mag man sich fragen. Bliebe ihr nur eines übrig, was sie aber um den Preis, demonstrativ nicht „dabei“ zu sein, ausnahmslos vermeidet: zu schweigen. Kritik als Generalpause in einem kakophonischen Lärm. Das würde ihr aber von Chefredakteuren und Lesern: verboten.

Wolfram Schütte

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