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Montag, 21. Mai 2012 | 12:19

Willkommen zum Rückrundenstart!

15.06.2003

Von Anselm Brakhage, 21.01.2001

 

Eines gleich vorneweg, um allen Spekulationen den Boden zu entziehen (und künftige Pressekonferenzen zu erübrigen): ja, ich bin geständig, ihr verfallen zu sein, der Droge Fußball. Es mag noch schlimmere Suchtgrade geben, exzessivere Auswüchse, aber an der Diagnose ist nicht zu rütteln. Ein paar Symptome gefällig? Ein U18-Freundschaftsspiel zwischen Asebaidschan und Slowenien in mein improvisiertes Vorabendprogramm aufzunehmen, oder fantasieloses Hallengegurke zur Winterpause - ohne jeden sportlichen Wert, mit 20 % abgerufenem Leistungsvermögen der dritten Garnitur. Stinkefinger und verbale Gewaltausbrüche von meinem Stammplatz in Richtung Gegner - wählen wir Proto-Antityp Carsten Jancker als exemplarische Zielscheibe. Empfindlich gestörte bis restlos versaute Wochenendlaune nach einer Demütigung meines Teams. Zurückgelegte Anfahrtswege, die über all die Jahre aufsummiert mehrere Erdumrundungen ergeben. Von ekstatisch-orgiastischen Explosionen beim legendären Siegtreffer in der letzten Minute ganz zu schweigen...

Wie ist das vereinbar mit dem landläufigen Anspruch an einen selbständig denkenden, halbwegs vernunftbegabten Menschen angesichts der fortschreitenden hemmungslosen Kommerzialisierung des Fußballs? Was hat das noch mit Sport zu tun, wenn Spiele angepfiffen werden, in denen "Spielermaterial" mit einem Gesamtmarktwert von bald einer Milliarde aufläuft? Das fragen viele zu Recht. Paradoxerweise kommt die Frage bevorzugt von denen, die schon immer Fußballhasser waren und selber alles in ökonomischen Kategorien messen.

Ja, ihr habt recht: Entartung, wohin das Auge sieht: Statt Sport- Werbesendungen à la ran mit vereinzelten Inseln der Berichterstattung (nur eine Frage der Zeit, bis ein Zinedine Zidane einen eingeleiteten Spielzug zwecks Beck's-Werbeeinblendung wird unterbrechen müssen). Wohin das Ohr lauscht: Personifizierte Phrasenschweine an den Kommentatorplätzen und das ewige immergleiche Lamento schechter Verlierer um echte und vermeintliche Fehlentscheidungen. Was den gesunden Menschenverstand beleidigt: Monatsgehälter, wofür sich andere ihr gesamtes Arbeitsleben abrackern.
Oder bringen wir es doch einfach auf den Punkt: Wann wird das erste UEFA Cup Spiel donnerstags in den frühen Morgenstunden, sagen wir: 7.30 Uhr, angepfiffen? Ihr habt ja so Recht.

Keiner hat diesen Konflikt treffender beschrieben als Nick Hornby in seinem Buch Fever Pitch .
Dieses Gefühl, von der eigenen Mannschaft verraten worden zu sein, wenn man zum x-ten Mal hintereinander ohne Tor, ohne ein einziges Highlight, ohne den alles entscheidenden Funken darbend, frustriert den Heimweg antritt. Und dieser unausweichliche zwanghafte Drang, trotz alledem wieder und wieder hinzugehen, zu bangen, zu hoffen, zu fluchen und das Herz aufgehen zu lassen beim erlösenden öffnenden Pass. Denn einen Gegner haben sie trotz alledem nicht besiegt, die Macher, die Übersättigungsstrategen, die Kirchs, Blatters und Hoenesse, das "Managermaterial", in ihrer unersättlichen Gier und mit ihrer unbestreitbaren Macht: die Unvorhersehbarkeit des Spielausgangs ist geblieben. Die Entfaltung der Genialität Einzelner und vor allem die Stimmigkeit des Kollektivs ist (nahezu) unkäuflich geblieben. Das ist nicht vorherzusagen, lässt sich mit keinem Scheck, keinen noch so ausgeklügelten Trainingsmethoden und auch keinem Harmonieprogramm außerhalb des Platzes verordnen: die kollektive Psychologie einer Mannschaft, die - mehr als alles andere - letztlich den Ausschlag gibt über den Platz in der tabellarischen Hackordnung.

Und so haben sie auch nicht verhindern können, dass die Mannschaft, die im letzten Jahr die erbärmlichsten, trostlosesten, kümmerlichsten Heimspiele in Serie abgeliefert hat, in diesem Jahr den erfrischendsten und erfolgreichsten Fußball bietet: Schalke 04.

Diese Unvorhersehbarkeit ist es, die den Fußball am Leben hält, inklusive all seiner Auswüchse. Genau diese Machtlosigkeit ist es, die den Machern ihr Überleben garantiert, und mir meine Sucht. Sei's drum. Und so wird zwar nicht meine Mannschaft den Titel holen, aber eine andere, die sie nicht auf der Rechnung hatten. Und das wäre auch schon wie ein kleiner Sieg für mich.

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