Einar Schleef: Tagebuch 1953 - 1963: Sangerhausen
28.03.2004
Späte Früchte
Als Einar Schleef im Juni 2001 dem Suhrkamp Verlag die Veröffentlichung seiner Tagebücher anbot, lehnte dieser nach kurzer Prüfung ab – was Schleef nicht wenig deprimierte. Fast drei Jahre nach seinem so frühen Tod im Juli 2001 ist jetzt dennoch der erste Band jener Tagebücher erschienen. Er umfasst die Jahre von 1953 bis 1963 – als Schleef von seinem Heimatort Sangerhausen nach Ostberlin zog.
Einar Schleef, das ist einer, an dem man sich reiben kann und der an sich reiben lässt. Ein Multitalent – Maler, Theatermensch, Schriftsteller und Chronist. Dazu einer der wenigen wirklichen Künstler, die im Osten wie im Westen dieses Landes zugleich zu Hause und nicht zu Hause waren. Und einer, der in den Achtzigern und Neunzigern die Theaterszene spaltete wie kaum ein anderer. Die einen sahen und sehen in ihm den Erneuerer des (nicht nur) deutschen Sprechtheaters und scheuten und scheuen sich nicht, ihn in eine Reihe mit Berthold Brecht und Heiner Müller zu stellen. Andere wiederum verdächtigten ihn als einen naiven Vertreter eines ästhetisierenden, präfaschistischen Theaters – etwa wenn er die Bühne von allem entleerte und seine Schauspieler in Armeemänteln auftreten ließ und auf die griechische Form von Sänger versus Chor zurückgriff, dabei scheinbar das Ensemble aus emanzipierten Individuen zurückstieß. Als er – gerade 57 Jahre alt – starb, schrieb dagegen Elfriede Jelinek: „Bitte lesen Sie seine Bücher! Das muss sein! (...) Es hat nur zwei Genies in Deutschland nach dem Krieg gegeben, im Westen Faßbinder, im Osten Schleef.“
Radikale künstlerische Konsequenz
Ohne Zweifel bilden seine Tagebücher, von denen bisher vier Ausgaben geplant sind, neben seinen Theaterarbeiten und seinem literarischen Werk um den fast 1000-Seiten mächtigen Roman Gertrud mit all seinen Abzweigungen, Nebenstrecken und Ausflügen die dritte Säule in Schleefs künstlerischem Schaffen. Und so sind auch diese geprägt von radikaler künstlerischer Konsequenz; sind Zeugnis eines erst unbestimmten und dann immer zielsicheren Agierens, das sich ganz der Kunst unterwirft, weil nur die Kunst die Mittel bereit hält, das Leben und was es ist, zu bewältigen. Schleefs Aufzeichnungen beginnen am 17. Juni 1953; da ist er neun Jahre alt. Auch in dem vergleichsweise kleinen Städtchen Sangerhausen zwischen Halle und Magdeburg haben sich die Menschen den Demonstrationen angeschlossen, die in Ostberlin ihren Anfang nahmen. Aufregung herrscht und gespanntes Warten, wie sich die Dinge entwickeln werden. Sie entwickeln sich nicht gut. Bald werden russische Panzer aufziehen und die Straßen abriegeln; besonders diejenigen, die zum Bergwerk führen, das nicht nur wirtschaftliches Zentrum der Stadt ist und deren Abraumhalde bis heute die umliegende Landschaft prägt.
Schleefs Beobachtungsdrang aber ist erwacht. Und er schaut sich zu und seiner Familie und erst recht seiner Mutter, deren Leben der Stoff für sein so wichtiges Romanprojekt Gertrud werden sollte. Er greift Alltagsszenen auf, schildert und begleitet seinen Weg im Malzirkel der DDR-Größe Wilhelm Schmied; später kommen erste Theaterarbeiten für das Gymnasium hinzu, das er besucht; und nicht zuletzt fehlen nicht all die Beobachtungen, Selbstzweifel und auch Sentimentalitäten, die einen werdenden jungen Mann nun einmal auszeichnen. Dazu kommt die Flucht des älteren Bruders in den Westen, die nicht erfolgte Nachreise der Familie eben dort hin; zwei schwere Erkrankungen, traumatische Erlebnisse unter Sterbenden im Krankenhaus, Reibereien in der Schule, anhaltende Briefwechsel mit Freunden und Freundinnen in aller jugendlichen Ernsthaftigkeit.
Ergiebiger Steinbruch
Doch Schleef wäre nicht Schleef, wenn er die in seinen künstlerischen Lebensjahren fortgeschriebenen Tagebücher einfach nur bewahrt hätte. Immer wieder hat er sie sich vorgenommen, hat sie genutzt wie einen Steinbruch, wenn es galt, sein engeres literarisches Werk um Kindheit, Jugend und entsprechende Verzweiflung wie Orientierung mit Material und Assoziationen zu untermauern, zu unterfüttern und auszubauen. Entsprechend hat er die Originaltagebuchaufzeichnungen nachträglich kommentiert, ergänzt und nicht selten hinterfragt. So sind die Eintragungen aus frühen Tagen überlagert, durchkreuzt und verwebt mit späteren Überlegungen und Verarbeitungen und ihrer Exklusivität enthoben, so wie sie zugleich immer wieder in die Zeit zurückführen, in der ein Schüler zum jungen Mann heranwächst, der den Lebensweg des Künstlers einschlägt. Damit sind seine Tagebuchnotizen eben immer auch Notizen über das Schreiben von Tagebüchern, über die Mysterien des Erinnerns und damit nicht zuletzt Reflexionen über das, was man bis heute so ungelenk Authentizität nennt und was den Grundstock für den Bestand an Erfahrungen bildet, aus denen sich ein Werk schöpft. Und nicht zuletzt kann dieser erste Band auch als eine minutiöse Beschreibung eines heranwachsenden DDR-Bürgers gelesen werden, der nicht wenig versuchte, um dennoch in dem sich entwickelnden Staat mit all seinem Repressionsgehalt eine Zukunft zu finden. Mit dem Auszug von zu Hause und der Aufnahme an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee endet der erste, nun vorliegende Band. Für das kommende Jahr ist die Edition des Tagebuchs von 1963 bis 1976 geplant – dem Jahr, als Schleef in den Westen reiste und (vorerst) nicht zurückkam.
Und wo wir schon oder noch dabei sind: Wer mehr über Einar Schleef wissen oder sein Wissen über ihn vertiefen will, dem sei der erste Versuch einer Biografie wärmstens empfohlen. Denn der Musikwissenschaftler und Theaterexperte Wolfgang Behrens hat äußerst kundig und unaufgeregt die Lebensdaten Schleefs zusammengetragen und sie behutsam mit seiner Werkentwicklung in Verbindung gesetzt. Entsprechend übt er sich nicht im hemdsärmeligen Interpretieren und noch weniger im fahrlässigen Spekulieren über die Person Schleefs, der selbst nicht wenig unternahm, um sich zuweilen als Querkopf bis Eigenbrötler zu inszenieren. Entstanden ist so ein Grundlagenwerk mit jener glücklichen Mischung aus solidem Faktengerüst und liebevoller Distanz.
Textauszug:
„Wann meine Aufzeichnungen beginnen, ist ungewiß, jedenfalls besaß ich noch eine Reihe von Aufzeichnungen aus den ersten Grundschuljahren, als ich 1960 mit der Oberschule begann. Da meine Eltern wiederholt meine Sachen untersuchten, mein Vater zerriß vieles davon, ist aus dieser Zeit wenig erhalten. Es kann auch sein, daß ich zunächst diesen Arbeiten kaum Beachtung schenkte, doch seit 1959 ordnete ich die Hefte, Zettel, Tagebücher, sodaß eine lückenlose Chronologie entstand, die jedoch nur zum Teil erhalten blieb."
Frank Keil-Behrens
Einar Schleef: Tagebuch 1953–1963: Sangerhausen. Herausgegeben von Winfried Menninghaus, Wolfgang Rath und Johannes Windrich. Suhrkamp Verlag 2004, 416 Seiten, 30 Euro. ISBN 3-518-41605-7 Wolfgang Behrens: Einar Schleef – Werk und Person. Theater der Zeit, Berlin 2004, 256 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 3-934344-30-5
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