Ulrich Teusch: Jenny Marx
10.02.2012
Die Ballkönigin und der Revolutionär
Ulrich Teusch betrachtet das Familienleben einer der umstrittensten politischen Familien Europas. Der Blick hinter die ideologisierten Kulissen und auf die kluge und oft bemitleidete Ehefrau von Karl Marx, Jenny von Westphalen, bietet einen sympathischen Ausflug in das Intellektuellenleben des 19. Jahrhunderts. VIOLA STOCKER hat es genossen, einmal nicht den theoretischen Überbau mit sich herumschleppen zu müssen, sondern sich mit Jenny Marx. Die rote Baronesse einfach nur um die Basis kümmern zu dürfen.
Wer eine Biographie über Jenny Marx schreiben möchte, kommt an ihrem Ehemann nicht vorbei. Das ist die Voraussetzung, unter der man sich an dieses Buch wagt. Manchmal ist es ein bisschen viel Karl Marx, was man hier vorgesetzt bekommt, doch Ulrich Teusch gelingt es, die Lebensstationen Jennys als untrennbar von denen Karls darzustellen. Tatsächlich ist die Lebensgeschichte der beiden von Anfang an miteinander verbunden. Karl Marx ging im Haushalt von Jennys Familie aus und ein, war für seinen späteren Schwiegervater ein geschätzter Gesprächspartner. Dieser war ein hoch gebildeter preußischer Staatsbeamter von jungem Adel, der auf die Bildung seiner Kinder, auch der Töchter, höchsten Wert legte. Er finanzierte Jenny Privatstunden und diskutierte mit seinen Töchtern wohl nicht nur über klassisches Bildungsgut, sondern auch soziale Fragen.
personae non gratae
Jenny von Westphalen galt vielen als »das schönste Mädchen von Trier«, eloquent, gebildet, charmant und humorvoll. Sie hat nicht nur Karl Marx den Kopf verdreht, doch ist er es, der ihr Herz erobert und den Zustand der Verliebtheit durch die lange zehnjährige Verlobungszeit aufrechterhalten kann. Nicht alle sehen diese Beziehung mit Begeisterung, vor allem Jennys Halbgeschwister aus des Vaters erster Ehe hätten einen standesgemäßen Ehegatten bevorzugt. Doch Jenny und Karl leben eine für damalige Verhältnisse sehr liberale Beziehung und lassen sich von den sozialen Zwängen der Zeit nicht einengen. Teusch belegt anhand der Briefkorrespondenz von Jenny Marx sehr genau, dass es auch Jennys eigener Wille war, die Ehe so zu leben, und dass sich die Eheleute sehr bewusst waren, welch hohes persönliches Risiko sie beide mit dieser Lebensweise eingingen.
Als Marx sich mit seinen sozialkritischen Artikeln in der Rheinischen Zeitung zunehmend unbeliebt macht, wird Paris zum Zufluchtsort der personae non gratae. Noch scheint Jenny unter Karls Ausbürgerung nicht zu leiden, das Paris des Vormärz ist ein schillernder Ort, gerade für die deutsche intellektuelle Emigrantenszene. Revolutionäre und Dichter gehen bei Familie Marx ein und aus und Jenny genießt das kulturelle Leben der Pariser Boheme. Obwohl sich aufgrund des Emigrantendaseins nun schon hier oder da finanzielle Knappheit breit macht, merkt man an Jennys Briefen gut, dass die eheliche Gemeinschaft noch stark und jung genug ist, um alle Sorgen zu schultern und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Wie viele Zeitgenossen, sehen Jenny und Karl das Pariser Exil als abwechslungsreiche Durchgangsstufe vor der Heimkehr nach Deutschland. Doch im sich ausbreitenden preußischen Obrigkeitsstaat sind Querdenker wie Karl Marx unliebsame Gäste. Das wird auch dem französischen Gastgeberland klar gemacht und Jenny und Karl werden des Landes verwiesen.
Tour de Force ins Londoner Elend
Es beginnt eine kleine europäische Odyssee, an deren Ende das Londoner Exil steht. Hier beginnt die Leidensgeschichte der Jenny Marx. Sowohl sie als auch Karl sind von instabiler Gesundheit, wohl auch aus Armutsgründen. Jenny und Karl verlieren vier ihrer sieben Kinder. Karl vergräbt sich in seine Arbeit und Jenny fühlt sich von ihm im Schuldenelend allein gelassen. Teusch weist klar darauf hin, dass die Familie Marx ohne Engels' mehrfache und großzügige Hilfe am Ende gewesen wäre. Doch auch so dringen die Schattenseiten verstärkt in Jennys Leben. Letztendlich dürfen nur die drei Töchter gesund heranwachsen. Alle Sorge gilt nun dem Wohl der Kinder. Es ist rührend, zu lesen, welch bemühte, fürsorgliche und zutiefst verzweifelte Eltern Karl und Jenny gewesen sein müssen. Längst ist hier in Teuschs Schilderung der Ideologe Karl Marx in den Hintergrund getreten. Nur beiläufig wird die Vollendung des Kapitals erwähnt, von den Aktivitäten der kommunistischen Partei bekommt man vor allem dann etwas mit, wenn Jenny Liebknechts Frau vom privaten Elend klagt, oder die Familie sich trotz der eigenen Mittellosigkeit nach Kräften um verarmte Genossen kümmert.
Teusch lässt nichts aus, auch nicht Karls Fehltritt mit Lenchen Demuth und deren uneheliches Kind. Aber er konzentriert sich darauf, die Welt aus Jennys Augen zu sehen, anhand ihrer Briefe und der Korrespondenz mit Karl und einigen wenigen Freunden. Das Bild, das so vom Ehepaar Marx entsteht, ist ein zutiefst menschliches. Diesen Eheleuten war nichts mehr fremd. Alles, was es an Leid, Sorge, Armut und Konflikten durchzustehen gab, hatten sie hinter sich gebracht. Dazu gehörte auch, dass beide manchmal aneinander zweifelten. Dennoch gehen Karl und Jenny nach Teuschs Deutung als geläutertes und gereiftes Paar aus dieser Zeit hervor. Eine regelmäßige Rente von Engels ermöglicht ihnen zuletzt ein normales Leben. Jenny und Karl stehen bis zum Schluss hinter ihrer politischen Gesinnung. Auch, als die Töchter Laura und Jenny selbst Sozialisten ehelichen und die Eltern vermuten können, dass nun den Kindern ein ähnliches Schicksal blühen wird.
Am Ende die Stille
Jenny Marx erkrankt an Krebs. Sie stirbt am 2. Dezember 1881 im Alter von 67 Jahren. Nur 15 Monate später folgt ihr Karl, der zuvor noch den Krebstod der großen Tochter im Jahr 1883 verkraften muss. Sein Enkel Henri folgt ihm eine Woche später. Laura, die zweite Tochter und ihr Ehemann Paul Lafargue, denen nach drei Verlusten keine Kinder mehr vergönnt waren, nehmen sich am 26. November 1911 das Leben, davor begeht Eleanor Marx am 31. März 1898 Selbstmord. Die Tragik, die Jenny Marx lebenslang begleitet hatte, beendet auch das Leben ihrer Lieben. Die letzten Briefe, aus denen Teusch zitiert, zeigen, wie sehr sich alle Familienmitglieder gemocht und gebraucht hatten, nicht zuletzt auch Karl und wie sehr Jenny der Mittelpunkt gewesen war, ohne den die Familie Marx auseinanderbrechen musste.
So ist Teuschs Biographie eine sehr unpolitische, dafür aber persönliche Schilderung des Lebens der Jenny Marx, in der sie oft selbst zu Wort kommen darf. Dies garantiert eine kurzweilige und bewegende Lektüre, die man nur ungern aus der Hand legt. Wer allerdings nach ideologischer Erleuchtung sucht, wird vom Buch enttäuscht sein. Die »rote Baronesse« war vor allem eine lebenskluge Mutter und Ehefrau.
Buchvorstellung
12. Februar 2012, 16 Uhr, Salzwedel
Ulrich Teusch stellt sein Buch am 198. Geburtstag von Jenny Marx in ihrer Geburtsstadt vor.
Stadt- und Kreisbibliothek, Vor dem Neuperver Tor 2, 29410 Salzwedel
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