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Montag, 21. Mai 2012 | 12:31

 

Oliver Kahn: Nummer eins

28.05.2004

 
Berge versetzen

Etwas von Kahns ansteckender Willenskraft spürt man auch als Leser, und das ist schon eine ganze Menge für eine Sportlerbiografie.


 

Treffender hätte der Buchtitel kaum gewählt werden können, enthält er doch bereits die Essenz dessen, was das Lebenselixier des Oliver Kahn ausmacht: mit der Nummer 1 auf dem Rücken immer und überall die Nummer eins sein wollen; ob als Einzelspieler – dreimal ist er zum besten Torhüter der Welt gewählt worden - oder als Teil der Mannschaft – hier hat er bisher alles erreicht, was ein Fußballer erreichen kann, außer: Weltmeister zu werden.

Im Grunde drückt Kahn so immens viel über seine unvergleichliche Körpersprache aus, dass man als bloßer Zuschauer schon sehr viel über sein Wesen erfährt: als wesentliches Merkmal steht zweifellos über allem sein immenser, nicht zu zügelnder Ehrgeiz, der mitunter skurrile Formen annimmt, wenn er eigene Mitspieler am Kragen packt oder im gegnerischen (!) Strafraum den Ball mit der Hand ins Tor bugsieren will. Diese Szenen sind jedem, der auch nur gelegentlich am Fußballgeschehen teilhat, bestens bekannt.
Kahn selbst spricht in seinem Buch sehr abgeklärt über seine Ausraster, die er durchaus auch als solche benennt. Er ist sich im Klaren über den schmalen Grad, auf dem er sich mit seiner grenzenlosen Willensanstrengung bewegt, er weiß, dass die Besessenheit auch leicht in kontraproduktive Übermotivation kippen oder sich eben in unsinnigen Handlungen entladen kann.

Überhaupt ist dieses Buch in einem äußerst moderatem abgeklärtem Tonfall geschrieben, und das ist vielleicht das Überraschendste: dass ausgerechnet er, der immer nach den Extremen strebt, derart konsequent der Ausgewogenheit huldigt. Manch einer wird es langweilig finden, die Mehrzahl der Leser aber sicherlich wohltuend, dass in diesem Buch sowohl jegliche Provokationen gegen andere Protagonisten aus der Fußballerzunft fehlen als auch keinerlei Einblick in das Privatleben Kahns gewährt wird. Wohl aber in sein Innenleben - wir erfahren einiges über seine innere Lebenseinstellung, auch über seinen Umgang mit Ängsten - aber nicht über seine gelebte Wirklichkeit außerhalb des Fußballgeschehens.

Man verpasst nicht wirklich etwas im Leben, wenn man auf die Lektüre dieses Buches verzichtet. Aber es vermittelt doch in kompakter Form ein stimmiges, glaubwürdiges Bild eines Ausnahmesportlers, der sich seine Ausnahmestellung mit eiserner Disziplin und unbändigem Willen erworben, ja antrainiert hat; der immer davon angetrieben wurde und wird, der Beste sein zu wollen, und es (zumindest eine Zeitlang) tatsächlich geschafft hat, es zu werden. Kahn ist überzeugt von der Möglichkeit kraft des eigenen Willens Berge versetzen zu können, und er hat in seiner Laufbahn die Realisierbarkeit dessen oft eindrucksvoll unter Beweis gestellt. In Zeiten, da viele der hochbezahlten Kicker – wir in anderen Teilen der Gesellschaft auch – dem Sog der Annehmlichkeiten erliegen und oft eine eher lasche Berufseinstellung an den Tag legen, stellt eine Berufsauffassung wie die Kahns durchaus einen bemerkenswerten und respektablen Gegenentwurf dar.

Man muss seine Art, sich immer zum Äußersten zu puschen und seine Gesichtszüge dabei oft zur entstellten Fratze mutieren zu lassen, nicht mögen. Gerade auch seine Mitspieler werden sie nicht immer gemocht haben, aber sie werden oft genug davon profitiert haben - nicht nur indirekt durch Kahns unbestritten großem Anteil an Mannschaftserfolgen, sondern auch ganz unmittelbar, indem ihr Keeper sie mit dem Virus der Siegermentalität infiziert hat. Etwas von dieser ansteckenden Willenskraft spürt man auch als Leser, und das ist schon eine ganze Menge für eine Sportlerbiografie.

Anselm Brakhage


Oliver Kahn: Nummer eins
Droemer/Knaur 2004
Gebunden. 175 Seiten. 14,90 Euro.
ISBN 3-426-27346-2

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