Marcel Reif: Aus spitzem Winkel
28.05.2004
Von fallenden Toren und anderen Sensationen
Alles in allem bietet das Buch genau den Stoff, aus dem eine gute Fußballreportage sein sollte: abwechslungsreich, informativ und unterhaltsam, ohne aufgesetzte Belehrung und Kumpanei. Wer schon immer lesen wollte, was man sonst nur hört, wird hier gut bedient.
Inmitten der Weißbier-Waldis und Nörgel-Netzers behauptet sich der Fußballkommentator Marcel Reif als sprechender Verstand unter ständigen Versprechern. Das mag – man denke nur an Einäugige und Blinde – kein großes Kunststück sein; jemandem 90 Minuten lang über Fußball zuhören zu können, bleibt indes eine Leistung des Sprechers, die nicht zu unterschätzen ist. Nur: Kann man auch ein ganzes Buch von diesem Menschen lesen?
Die Voraussetzungen stimmen jedenfalls. Mit Christoph Biermann hat Reif einen ausgewiesen qualifizierten Ko-Autor an seiner Seite, und auch die Lebensgeschichte des Reporters ist von jener Art, die reichlich Stoff für spannendes Erzählen verspricht.
Über einen Abstecher nach Israel kommt der Sohn eines jüdischen Vaters und einer deutschen Mutter aus Polen nach Kaiserslautern, ins Herz der wabernden Fußballmythen also, was lebenslange Spuren hinterlässt. Eine Kickerkarriere beim FCK beginnt hoffnungsvoll und endet unspektakulär. Reif wird Journalist beim ZDF, zunächst freier Mitarbeiter, dann politischer Korrespondent des Senders in London, bevor ihn die Sportredaktion entdeckt und anlässlich eines Eishockeyspieles erstmals vor ein Mikrophon setzt.
All das und mehr wird anekdotisch präsentiert. Wir blicken hinter die Kulissen von ZDF und RTL, ahnen die Verwerfungen, die der Aufstieg des Privatfernsehens in die bis dato festgefügt flache Landschaft öffentlich-rechtlichen „Versendens“ drückt und werden mit Schnurren aus dem Privat- und Berufsleben des Autors bestens versorgt.
Natürlich ist Reif eitel. Ein Charakteristikum seines Berufsstandes, der gar nicht so weit von dem des Schauspielers entfernt ist. Doch die Eitelkeit des Erzählers ist von jener angenehmen Souveränität und Ehrlichkeit, die es ihm gestattet, Fehler einzugestehen und Schwächen nicht zu kaschieren.
Es mag für die wenigsten von Interesse sein, dass Reif gediegene italienische Mode bevorzugt und einen letztlich gescheiterten Abstecher in die Kleiderbranche hinter sich hat. Auch dass Günther Jauch stets einen Brustbeutel und andere merkwürdige Utensilien mit sich führt, kann nicht zu den Informationen gezählt werden, auf die wir schon immer gewartet haben.
Gottlob steht über allem der Fußball. Die legendäre Reportage von Reif und Jauch anlässlich des umgestürzten Tores vor dem Spiel Real Madrid – Borussia Dortmund darf dabei ebenso wenig fehlen wie Reifs Versuch einer Definition von „gutem Fußball“. Der mag ein wenig zu beliebig und bekannt daherkommen (die richtige „Balance“ macht’s, laut Reif), doch vielleicht ist genau das ein Naturgesetz, weil Fußball einfach nicht das Feld ist, auf dem man tief graben kann, ohne auf die Definitionsleichen der Vorgräber zu stoßen.
Alles in allem bietet das Buch genau den Stoff, aus dem eine gute Fußballreportage sein sollte: abwechslungsreich, informativ und unterhaltsam, ohne aufgesetzte Belehrung und Kumpanei. Wer schon immer lesen wollte, was man sonst nur hört, wird hier gut bedient.
Dieter Paul Rudolph
Marcel Reif (mit Christoph Biermann): Aus spitzem Winkel. Fußballreporter aus Leidenschaft.
Kiepenheuer & Witsch 2004.
Gebunden. 224 Seiten. 18,90 Euro.
ISBN: 3-462-03373-5