Bernd-M. Beyer: Der Mann, der den Fußball...
28.05.2004
Völkerverständigung und fairer Wettkampf
Die Geschichte Walther Bensemanns, des jüdischen Kaufmannssohns, des Gründers und, bis zu seiner Emigration 1933, langjährigen Chefredakteurs des „Kicker“, dessen Herz am Fußball hing, ist nicht nur für erklärte Fußballfreunde lesenwert, auch der sogenannte Laie wird sich – die historischen Hintergründe erleichtern dies – gut unterhalten und durch die Lektüre bereichert wissen.
Wenn es um Fußball geht, gibt es nur zwei Standpunkte. Die einen sind dem Spiel verfallen, die anderen lehnen es ab, wobei die Menge der Fußballanhänger die der Gegner bei weitem übersteigt.
Eher verteufelt als belächelt
Dieses Kräfteverhältnis hatte jedoch nicht immer Bestand. In Deutschland galt der Fußball lange Zeit als verpönt. In seinen Anfangsjahren, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, wurde das Spiel nur von kleinen, meist akademisch geprägten Kreisen gepflegt. Der Sport, der aus England kam, wurde eher verteufelt als belächelt, und die ihn ausübten, auf öffentlichen Plätzen, in Parkanlagen oder wo sich sonst noch Raum bot, wurden eher beschimpft als mit einem verständnislosen Kopfschütteln bedacht.
Diese Zustände blieben solange bestehen, bis die halb-elitäre Aura, welche das Spiel mit dem Lederball umgab, wegfiel, und die Massen der Arbeiter hinzuströmten, sich trafen, um zu kicken, Vereine gründeten, ihre Kräfte mit- und gegeneinander maßen.
In Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte erhält der Leser einen Einblick in die historische Entwicklung des Fußballs in Deutschland von den sogenannten Pionierjahren an bis ins Jahr neunzehnhundertdreiunddreißig, und er wird vertraut gemacht mit dem Leben Walther Bensemanns, der bestimmenden Figur dieser Jahre.
Bensemann gründet im Alter von vierzehn Jahren in Montreux, wo er am Internat studiert, seinen ersten Football Club. Später, zurück in Deutschland, ist er an der Gründung etlicher Vereine in Karlsruhe, Stuttgart, München, Strasbourg und anderswo beteiligt. Als erster organisiert er, nicht ohne auf erhebliche Widerstände vielfältiger Weise zu stoßen, internationale Wettkämpfe zwischen deutschen und britischen Mannschaften. Sein Ziel ist die Völkerverständigung mithilfe des Sports. Seine Leidenschaft ist der Fußball, dessen Ästhetik, Kraft und Würde.
Gentleman-Attitüde englischer Prägung
Beinahe schon amüsant ist es, zu lesen, wie Bensemann „seinen“ Sport als ultimativen Ausdruck einer Gentleman-Attitüde englischer Prägung versteht. Man hat Herren in feinem Zwirn, die Teetasse in der Hand, vor Augen, die sich wenig später auf dem Rasen, in kurzen Hosen und Lederstiefeln, in die Beine fahren. Und man gewinnt die Einsicht, dass es beim Fußball eben doch auf mehr ankommt, als nur darauf, das Runde ins Eckige zu schießen.
Der Autor, Bernd-M. Beyer, hat sich mächtig ins Zeug gelegt, um dem Leser ein vitales Bild von Zeit und Mann zu zeichnen. Was er schreibt, ist keine trockene Biographie, die sich in Daten und Zahlen ergeht. Beyer spielt mit dem Material, das er über die Jahre, in, wie sich annehmen lässt, mühevoller Archivarbeit zusammen getragen hat, er arrangiert es an den Lebensdaten seines Protagonisten entlang, und wo sich Lücken auftun, spinnt er den Faden einfach weiter, ohne dabei ins Unglaubwürdige abzudriften. Das dabei entstandene feine Geflecht aus Romanhandlung und biographischem Lebenszusammenhang lässt sich mit einer Leichtigkeit lesen, die in diesem Genre nicht oft zu haben ist. Und nicht nur die Leichtigkeit fasziniert, man hält auch, nicht zuletzt, ein ungemein spannendes, beinahe schon Anteilnahme erregendes Buch in den Händen.
Die Geschichte Walther Bensemanns, des jüdischen Kaufmannssohns, des Gründers und, bis zu seiner Emigration 1933, langjährigen Chefredakteurs des „Kicker“, dessen Herz am Fußball hing, ist nicht nur für erklärte Fußballfreunde lesenwert, auch der sogenannte Laie wird sich – die historischen Hintergründe erleichtern dies – gut unterhalten und durch die Lektüre bereichert wissen. Sport, Politik, Lebenshaltungen – all dies hängt, auf manchmal kuriose, manchmal unerbittliche Weise zusammen. Diese Zusammenhänge vorgeführt und anschaulich gemacht zu haben, wird nicht die kleinste Leistung dieses erstaunlichen und grandiosen Buches gewesen sein.
Von Lars Reyer
Bernd-M. Beyer: Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte. Das Leben des Walther Bensemann. Ein biografischer Roman. Verlag Die Werksatt 2003. Gebunden. 542 Seiten; 26,90 ¤. ISBN 3-89533-408-1
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