Günter Netzer: Aus der Tiefe des Raumes
08.06.2004
Unter Niveau
Bei Delling würde er sich über das standardisierte Spiel aufregen und innovative Ideen oder wenigstens Kampf fordern. Als Literat geht er mit Ghostwriter und langweiligen Geschichten den denkbar einfachsten Weg.
Eine zunehmende Amerikanisierung des deutschen Buchmarktes und Buchhandels zu thematisieren ist ja nun weiß Gott keine neue Idee, nur gerät mit Hinblick auf diese Biographie von Deutschlands genialstem Fußballquerkopf (außer Super Mario Basler natürlich) die Vorstellung von einer deutschen Verlagslandschaft, die von eigenen Ideen lebt, schwer ins Wanken. Betritt man nämlich eine dieser amerikanischen Buchlädenketten mit ihren Quadratkilometern an Bücherwänden, an denen man wirklich fast alles bekommt, so fällt schnell auf, dass die Auslagen dekoriert sind mit Autobiographien bekannter und nur halbwegs bekannter Stars und Sternchen, die alle dem gleichen Muster folgen: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Meist sind es Fernsehstars, die dem deutschen Zuschauer eh nix sagen, noch öfter allerdings Baseball, Football und Basketball-Größen.
Was das alles mit Günther Netzer zu tun hat? Nun, der Schutzumschlag des Buches ist eindeutig diesen amerikanischen Vorbildern nachempfunden. Don’t judge a book by its cover, wie der Amerikaner zu sagen pflegt, doch was Netzer hier abliefert, ist eine Beleidigung des Intellekts deutscher Fußballanhänger. Es ist nämlich eine Sache, als Toni Schumacher ein Skandalbuch („Anpfiff“, 1986) zu veröffentlichen, das zur Suspendierung in Verein UND Nationalmannschaft führt. Da ist man, ähnlich wie bei Bohlen, aufgrund des Skandal-Faktors gewillt, das Kindergarten-Vokabular hinzunehmen. Bei Effe war das schon problematischer, doch dessen Fans nähern sich wahrscheinlich dem intellektuellen Niveau ihres Vorbilds an, insofern war das auch keine große Überraschung, was der ehemalige Hamburger Postbote zu berichten hatten und vor allem wie er seine trivialen Geschichten verpackte.
Doch mit einem Netzer verbindet man ja schon ein gehobenes intellektuelles Niveau, dem das Buch zu keinem Zeitpunkt gerecht wird. Da wird die Kindheit und Jugend mal schnell auf ein paar Seiten abgehakt: Uns gings ja ganz gut in der Nachkriegszeit, es wurde nicht über den Krieg geredet, Punkt. Klar, ist ja auch ein Fußballbuch. Doch wenn Netzer erst meint, er habe erst dreizehnjährig nicht mehr im Tor spielen müssen und kurz darauf erzählt, wie brillant er schon als 10-jähriger auf dem Feld agiert habe, so ist dahinter wohl eher keine labyrinthsiche Zeitstruktur á la Jorge Luis Borges zu vermuten, sondern wahrscheinlich einfach ein schlampiger Ghostwriter. Und wer jetzt sagt: Es geht ja um Fußball, nicht um Geschichte - Man mag ja von Udo Lindenbergs Autobiographie „El Panico“, die vor einigen Wochen erschien, halten, was man will, aber hier wird die Nachkriegskindheit trotz peinlicher sprachlicher Entgleisungen lebendig vorgeführt, ohne die musikalische Entwicklung des Protagonisten aus den Augen zu verlieren.
Nein, das ist nichts besonderes, was der Netzer hier abliefert. Bei Delling würde er sich über das standardisierte Spiel aufregen und innovative Ideen oder wenigstens Kampf fordern. Als Literat geht er mit Ghostwriter und langweiligen Geschichten den denkbar einfachsten Weg. Da hör ich mir doch lieber an, ob der Effe den Obdachlosen vor seiner Haustür selbst getreten hat oder ob es doch nur seine Frau war, die ihn „leicht mit dem Fuß“ berührte.
Sascha Seiler
Günter Netzer: Aus der Tiefe des Raumes. Mein Leben. Mit Helmut Schümann. Rowohlt 2004. Gebunden. 269 Seiten. 19,90 Euro. ISBN: 3-498-04683-7
|
Dichter und Diplomat
»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...
Gegen die Dominanz des Beliebten
Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...
Maigrüße
Ich liebe den 1. Mai. Tag der Arbeit! Der Tag an dem wir den Vorkämpfern der Arbeiterbewegung gedenken. Der Tag, an dem wir demütig unsere Häupter neigen vor | weiterlesen
»Die Macht der Kunst ist, dass sie der Schlüssel zur Wahrheit ist.«
»Wir sind hier ja kein Michael-Jackson-Publikum, sondern gebildete Programmkinobesucher«, tönt der Verleih-Vertreter nach der Premiere von Sing Your ...
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
»Scheißwald, Scheißnatur, ey!«
Leicht grenzwertig diesmal, möchte man meinen. Setzt das gewöhnliche Schema von Mord, Aufklärung, Festnahme etwa Schimmel an? Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) geht dem Hinweis auf ...
Maler der Farben und Formen
Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...
Toppreis für Ihr Zahngold
Mit Die Sorgen der Killer empfiehlt sich Guido Rohm einmal mehr als Avantegardist der deutschen Kriminalliteratur.
Von THOR KUNKEL
Verstaubt ohne Ende
Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...
|