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Montag, 21. Mai 2012 | 12:36

 

Paula Fox: In fremden Kleidern

14.02.2004

 
Spuren eines anarchischen Lebens

Nüchtern, aber nicht verbittert hat Paula Fox in ihrer Autobiografie Bilanz ihrer Kindheit und Jugend gezogen und Interpreten einen Zugang zu ihrem Werk geliefert. Doch auch unabhängig von ihren Romanen ist „In fremden Kleidern“ ein literarisch wie zeitgeschichtlich bedeutendes Werk.



 

Balmville, ein kleiner Ort im Staat New York Ende der 20er Jahre. Hier lebte die heute 80jährige US-Schriftstellerin Paula Fox bei Reverend Elwood Amos Corning einige Jahre als Pflegekind. „Onkel Elwood“, wie ihn Paula nennt, sorgt nicht nur für das Mädchen; im Haus wohnt auch noch seine Mutter, die er seit fast 20 Jahren pflegt. Paula ahnt nicht, wie knapp das Geld ist; sie trägt viele gebrauchte Kleider, die Mitglieder der Gemeinde gesammelt und geflickt hatten. „In fremden Kleidern“ – der Titel der Autobiografie von Paula Fox ist fast ein Lebensprogramm. Noch oft wird sie fremde Kleider tragen, und meist bleiben ihr die Menschen, bei denen sie lebt und von denen sie Kleider bekommt, fremd.

Ein Anker im Meer des Zufalls
Paulas Eltern sind Bohemiens, der Vater schreibt – mal mehr, mal weniger erfolgreich – Filmscripts, Elsie, ihre Mutter, eine eiskalte Person, setzt alles daran, ihre Tochter von sich fern zu halten. Die beiden sind nicht arm, sie sind nur dauernd pleite, wie Paula feststellt. Trotzdem kann sie auch in guten Zeiten nicht darauf zählen, dass ihr Vater für ihren Unterhalt aufkommt. Nach ihrer Geburt hatte sie ihre Mutter in einem Waisenhaus abgeben und sich mit dem Vater davon gemacht. Die Großmutter sucht nach ihr und bringt sie bei einer Familie unter. Schließlich nimmt sie „Onkel Elwood“ auf, bei dem sie sich geborgen fühlt. Unter seiner Anleitung begeistert sie sich für die Welt der Bücher. Bereits als Kind ahnt Paula, wie gefährdet ihr Glück bei o­nkel Elwood ist – „wenn ich fiel, so wusste ich, mein Fall würde nie aufhören“.

Eine Kette von Begegnungen
Paula lebt wie eine Marionette, die immer wieder abrupt von einem unsichtbaren Faden bewegt wird – ihrem Vater. Mal schickt er sie zu seiner Mutter, dann auf ein Internat, dann wieder zurück zu o­nkel Elwood usw. Nie sagt er ihr, warum und für wie lange sie wegziehen muss. Die einzige Konstante in ihrem Leben ist die Unsicherheit: Paulas Vater ist hin- und her gerissen zwischen seiner Tochter, dem „Kameraden“, wie er sie nennt, und seiner Frau Elsie. Paula Fox schildert ihr Leben chronologisch und genau so, wie sie es selbst erlebte – als eine Geschichte, der jeder Zusammenhang fehlt. Und das, obwohl ihr Vater ihr zuletzt eine Ausbildung – Klavier, Gesang, Bildhauerei – ermöglicht.

Der Schlüssel zu ihren Romanen
Paula Fox, die heute zu den bedeutendsten Romanciers Amerikas gezählt wird, wurde erst in den letzten Jahren vom deutschsprachigen Publikum entdeckt. Ihre drei ins Deutsche übersetzten Romane, „Was am Ende bleibt“ (2000), „Kalifornische Jahre“ (2001) und „Lauras Schweigen“ (2002) wurden von der Kritik gefeiert, ihr Kinderbuch, „Paul ohne Jacob“ (2001) war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2002 nominiert. Paula Fox hat viel aus ihrem Leben in ihr Werk eingebracht. Annie aus „Kalifornische Jahre“, die Figur der Großmutter, Laura und ihre Tochter Clara aus „Lauras Schweigen“ sind eng mit Paulas Lebensgeschichte verknüpft.

Ein versöhnlicher Ausklang
Obwohl Elsie stets im Hintergrund blieb, war sie die eigentliche „Strippenzieherin“ in Paulas verworrenem Leben. Elsie war 19, als sie Paula bekam und verließ, Paula 21, als sie selbst Mutter wurde und ihre Tochter zur Adoption freigab. Paula Fox ist sich selbst lange fremd geblieben. Im Schlusskapitel erzählt sie von ihrer letzten Begegnung mit Elsie kurz vor deren Tod und der langen Geschichte, wie ihre Tochter Linda sie aufspürte und mit ihr in Kontakt kam. So hat der Abschnitt in Paula Fox´ Leben, der so sehr von Unwägbarkeiten und der kühlen Familienatmosphäre geprägt war, ein unerwartet gutes Ende. Nüchtern, aber nicht verbittert hat Paula Fox in ihrer Autobiografie Bilanz ihrer Kindheit und Jugend gezogen und Interpreten einen Zugang zu ihrem Werk geliefert. Doch auch unabhängig von ihren Romanen ist „In fremden Kleidern“ ein literarisch wie zeitgeschichtlich bedeutendes Werk.


Birgit Kuhn



Paula Fox: In fremden Kleidern. Geschichte einer Jugend. Aus dem Englischen von Susanne Röckel. C.H. Beck, 304 S., 19,90 ¤. ISBN: 3-406-50271-7

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