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Montag, 21. Mai 2012 | 12:41

 

Michael Breen : Kim Jong Il

29.09.2004

 
Mann ohne Biographie

Ein Text über Nordkorea selbst, stets im Kontext der jüngeren und älteren gesamtkoreanischen Vergangenheit, kenntnisreich und gut lesbar erzählt, sowie alle grobpsychologischen Deutungen missachtend, mit denen man den Charakter Kims im Allgemeinen zu deuten pflegt.

 

Haben Sie, so ganz spontan, irgendeinen positiven Gedanken zu Nordkorea? Ein einziges Stichwort vielleicht? – „Massendemonstrationen“ ist mir nach längerem Nachdenken eingefallen. 10.000 Kinder, die sich traumwandlerisch zu einer Blume, eine Flagge, einem Schriftzeichen gruppieren. Sieht eindrucksvoll aus, ein Zeugnis gelungener Organisation. Aber genau hier liegt das Problem.
Nordkorea. Land abstrusesten Personenkults, der zynischerweise auf einer "Juche" (Selbstvertrauen) genannten Ideologie fußt, deren einziger Zweck die Zerstörung der Individualität seiner Bewohner zu sein scheint. Menschen, deren Hungertod für globale Drohgebärden ganz gelegen kommt, Menschen als Legosteine, die der große weise Führer Kim Jong Il, Sohn des gottgleichen Staatsgründern Kim Il Sung, nach Gebrauch achtlos in die Ecke wirft.

Eine der offensichtlichsten und widerwärtigsten Folgen dieses ebenso repressiven wie durchgeknallten Systems besteht wohl darin, dass so etwas wie eine persönliche Biografie nicht mehr möglich sein kann. Adornos Erkenntnis von der Unmöglichkeit richtigen Lebens im falschen wird man nicht nur in Nordkorea auf ihre Richtigkeit überprüfen können, doch nirgendwo sonst bestätigt sie sich brutaler.

Genau hier, an der Durchdringung von individueller und gesellschaftlicher Biografie setzt Michael Breens Buch über Kim Jong Il an. Es ist über weite Strecken ein Text über Nordkorea selbst, stets im Kontext der jüngeren und älteren gesamtkoreanischen Vergangenheit, kenntnisreich und gut lesbar erzählt, sowie alle grobpsychologischen Deutungen missachtend, mit denen man den Charakter Kims im Allgemeinen zu deuten pflegt.

Jenseits der Grobpsychologie

Ein größenwahnsinniger, sadistischer, von Minderwertigkeitskomplexen geplagter Irrer? Mag ja sein. Aber solches Abschieben in den irrationalen Bereich hat noch keiner geschichtlichen Analyse gutgetan und würde auch im Falle des kleinen Mannes aus Nordkorea, der gerne auf hohen Absätzen Huldigungen entgegennimmt, nur dazu führen, „das Böse“ für alles Menschenwerk in die Pflicht zu nehmen.

Fakten zum Leben Kims gibt es kaum, selbst der Ort seiner Geburt ist umstritten. Sibirisches Exil (wahrscheinlich) oder Partisanenlager (Mythos)? Und was feststeht, bestätigt das Bild, das man sich weltweit von Kim macht. Er entführt Menschen (Dolmetscher, Filmregisseure), umgibt sich mit den Utensilien eines luxuriösen Daseins, liqidiert umstandslos Personen, denen ein einziges falsches oder missverstandenes Wort zum Verhängnis wird. Und über allem: die geradezu hündische Anhänglichkeit an den Vater, der nicht mehr nur Vater ist, sondern das Zentrum des Kim’schen und mithin des nordkoreanischen Universums.

Doch Breen sammelt auch alles „Positive“: Kims gelegentliche Jovialität, seine Liebe zum Film, seine Sachkenntnis und Informiertheit, die in letzter Zeit erkennbaren, wenn auch zaghaften Versuche, das Land wirtschaftlich zu öffnen. Doch hier widersteht der Autor der naheliegenden und bequemen Methode, „den Menschen hinter dem Monster“ sichtbar zu machen. Eine durchaus aktuelle Diskussion, wie der Film „Der Untergang“ beweist.

Breen gelingt es, Kim als das perfekteste und am rettungslosesten verlorene Opfer seiner eigenen Verbrechen zu identifizieren. Der Mann hat keine eigene Biografie, und wahrscheinlich weiß er das auch. Ob es ihn stört, ist eine andere Frage.
Positives über Nordkorea? Wäre man selbst Zyniker (und wo, wenn nicht beim Anblick dieser schwankenden Gestalten der nordkoreanischen Nomenklatura, könnte man es werden?), fiele einem vielleicht doch etwas ein: Dass sich letztlich auch Täter immer opfern müssen. Das ist aber kein Trost für die übrigen Opfer.

Dieter Paul Rudolph


Michael Breen : Kim Jong Il. Nordkoreas « geliebter Führer ».
EVA, Sabine Groenewold Verlage. Hamburg 2004,
Gebunden. 24,90 ¤.
ISBN: 3-434-50585-7

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