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Luigi Guarnieri: Das Doppelleben des Vermeer

24.03.2005


Der verkannte Künstler

In einer intelligent gemachten Romanbiographie erzählt uns Luigi Guarnieri die Geschichte eines verkannten Künstlers, der sich zum König der Kunstfälscher und Volksheld aufschwingt und schließlich über die verachtete Kunstwelt triumphiert.

 

Mai 1945. Als die Beamten des holländischen Sicherheitsdienstes bei dem Kunstsammler und Maler Han van Meegeren Erkundigungen über Vermeers Christus und die Ehebrecherin einholen wollen, gerät dieser im Verlauf des Gesprächs in Verdacht, mit den Nazis kollaboriert zu haben. Denn ausgerechnet in einem bayerischen Bunker verborgen, findet man das Werk des holländischen Meisters, das zu der gewaltigen Kunstsammlung Herrmann Görings gehörte. Wie sich herausstellt, wurde es vom großdeutschen Reichsmarschall sogar völlig legal erworben. Den Deal eingefädelt hatte Han van Meegeren.

Der Volksheld

Genauso wie die Empörung hochkocht, gilt er doch zunächst als Volksverräter, der einen holländischen Kulturschatz an die Nazis verhökert hat, glätten sich die Wogen allmählich und schwappen schließlich in eine andere, positive Richtung, als van Meegeren ein überraschendes Geständnis ablegt: Nicht der große Vermeer, der flämische Meister aus dem 17. Jahrhundert, sondern er höchstselbst habe den Christus und die Ehebrecherin gemalt. Er habe sein Land nicht verraten, sondern vielmehr die Nazis mit seiner Fälschung hinters Licht geführt. Und weitere sechs Vermeers, die erst ein paar Jahre vorher „wiedergefunden“ wurden, habe er ebenfalls geschaffen. Alle, besonders die respektablen Kunstexperten, reiben sich die Augen: Kann das denn wirklich wahr sein? War van Meegeren tatsächlich zu so etwas fähig? Umfangreiche Untersuchungen scheinen seine Aussagen zu bestätigen. Doch es herrscht zunächst allgemeiner Unglaube, der erst dann allmählich verschwindet, als er den praktischen Beweis antritt: Er malt im Gefängnis einen weiteren „Meister“ im Stile Vermeers. Die Fachwelt staunt.

Die Rache

Um die Geschichte van Meegerens wirklich zu verstehen, macht uns Guarnieri mit dem hochbegabten Kind vertraut, das bereits von seinem Vater nur Ablehnung erfährt, das heimlich wie besessen malt und schließlich einen Mentor findet, der ihm die wichtigen Maltechniken beibringt und die erstaunlichen Fähigkeiten in ihm reifen lässt. Doch leider werden seine eigenen Schöpfungen immer nur als altmodisch empfunden – kein Wunder in einer Zeit, in der die klassische Moderne wahre Siegeszüge feiert. Irgendwann malt er, verkannt und verlacht, sogar Postkartenmotive. Doch als er sich schließlich seinen Fälschungen widmet und sie geschickt in die Kunstwelt schleust, wendet sich das Blatt: Die großen Kunstexperten rühmen die „wiederentdeckten“ Vermeers und zahlen unglaublich hohe Summen dafür. Van Meegeren wird ein sehr reicher Mann.

Schillerndes Doppelporträt

Genau wie van Meegeren von der Fachwelt verschmäht und erst spät für Aufsehen sorgte, erfahren wir einiges über sein faszinierendes Vorbild Vermeer, der sogar über zwei Jahrhunderte nahezu unbekannt geblieben war. Erst ab 1860 fand der große Maler die Würdigung, die seinem Genie entsprach. Und natürlich wurden daraufhin immer einmal wieder neue alte Vermeers auf irgendwelchen Dachböden gefunden – darunter einige, die er nie gemalt hatte. Und was geschah mit van Meegeren? Durch seine jahrelange Morphiumsucht geschwächt, lediglich mit einem Jahr Gefängnis bedacht, starb er 1947, nicht ohne einen Triumph seiner Fähigkeiten erlebt zu haben. Guarnieri hat hier eine faktenreiche und berührende Geschichte zugleich erzählt, eine, die das Leben selber erfand, originell und intelligent hat er sie als schillerndes Doppelporträt in Szene gesetzt.

Frank Kaufmann


Luigi Guarnieri: Das Doppelleben des Vermeer
(La doppia vita di Vermeer)
Aus d. Italienischen von Maja Pflug.
Kunstmann Antje GmbH März 2005
Gebunden. 240 Seiten. 18,90 EUR
ISBN:3-88897-381-3

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