Marc Petit: Die verlorene Gleichung.
15.09.2005
Fern und nah
Zwei Genies, Vater und Sohn, machen sich auf die Suche. Entfernen sich voneinander und sind sich am Ende so nah wie die beiden Seiten einer Gleichung.
Über den einen weiß man fast alles, über den anderen fast nichts. Der eine war Schriftsteller und starb hochbetagt, der andere war Mathematiker und starb jung. Sie waren Vater und Sohn, aber sie standen sich nicht sehr nahe. Juden, Emigranten im sicheren Frankreich, das plötzlich unsicher wurde, lebensgefährlich. Dem Vater blieb nur die Flucht, die zur Odysee wurde; der Sohn kämpfte gegen die Okkupanten, doch am Ende war seine Lage hoffnungsloser als die des Vaters. In einer Scheune, irgendwo in einem lothringischen Dorf, nahm er sich das Leben, bevor der Feind es tun konnte.
Über beide, Alfred und Wolfgang Döblin, hat Marc Petit jetzt eine „Doppelbiografie“ geschrieben, „Die verlorene Gleichung“, was so doppeldeutig ist wie fast jeder Satz in diesem Buch. Einmal ist es wörtlich zu nehmen. Im Jahr 2000 taucht ein verschlossener Briefumschlag auf, den Wolfgang Döblin (der sich in Frankreich auch Vincent Doblin nennt) 1940 im sicheren Schoß der Wissenschaft deponiert hatte. Ein simples Schulheft, in einem Dorfladen erstanden, äußerlich von den Umständen des Soldatenlebens mitgenommen, innen voller unverständlicher Berechnungen, die nur dem Fachmann die Sensation verraten. Wolfgang Döblin hat ein Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung gelöst, eine epochale Erkenntnis gewonnen, deren Details Petit ebenso wenig begreift wie sie der Leser begreifen muss.
Wolfgang Döblin hat dem Zufall, der Willkür eine Gesetzmäßigkeit abgerungen. Hat sein Vater nicht zeit Lebens genau dies auch versucht? Denn „Die verlorene Gleichung“ meint eben auch jenen Zustand zwischen Vater und Sohn, die eine Formel, auf die man das Verhältnis der beiden reduzieren und gleichzeitig erklären könnte.
Ein Verhältnis, das es zu Lebzeiten nicht gegeben hat. Alfred Döblin verachtete die Mathematik, er mißtraute ihr und ordnete das Chaos auf seine Weise. Wolfgang Döblin, auf die Mutter fixiert, war von der Mathematik besessen, und je mehr man von ihm erfährt (die Fakten geben nicht viel her, ihre Deutung um so mehr), desto plausibler wird es einem, dass er tatsächlich die Worte des Vaters in Formeln und Chiffren zu fassen suchte. Marc Petit geht jedenfalls davon aus, und je weiter er sich in diese mögliche Gleichung vorspekuliert, desto wahrscheinlicher wird, dass hier zwei Genies auf gegensätzlichen Wegen zu einem Ziel unterwegs waren.
Marc Petit weiß, dass er spekulieren muss. Er deutet die Zeichen, und diese Zeichen weisen ihm nicht den geraden Weg, sondern führen ihn durch das 20. Jahrhundert, durch Milieus, an Schicksalen vorbei. Wir lernen viele Menschen kennen, flüchtig kennen, deren Biografien wir gerne lesen würden, aber eigentlich nur, wenn Marc Petit sie geschrieben hätte oder jemand anderes, dem das Leben mehr bedeutet als die Aneinanderreihung von chronologischen Ereignissen.
Geht Petits Gleichung auf? Wenn ja: ist sie so unverständlich wie die Wolfgangs, wie die Alfreds auch, den am Ende keiner mehr lesen will, der sich, als er 1945 vom Tod seines Sohnes erfährt, längst in den Katholizismus verabschiedet hat, den Verlust dieses fernen und nahen Sohnes nicht verwindet? Die Gleichung geht auf. Ob wir sie verstehen, ist eine andere Frage.
Dieter Paul Rudolph
Marc Petit: Die verlorene Gleichung. Auf den Spuren von Wolfgang und Alfred Döblin. Eichborn 2005. Aus dem Französischen von Antoinette Gittinger. Gebunden. 380 Seiten. 24,90 ¤. ISBN: 3-8218-5749-8
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