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Montag, 21. Mai 2012 | 13:00

 

Michael Gielen: Unbedingt Musik

12.01.2006

Musik als Mosesstab
Der 1927 in Dresden geborene Dirigent und Komponist Michael Gielen ist international nicht so bekannt wie z.B. Pierre Boulez oder Lorin Maazel. Zum Dirigenten-Jetset gehört er nie; sein stetiges Engagement für die musikalische Avantgarde hat ihn und das falsche Bild von ihm lange Zeit geprägt. Spät erst jedoch (1977/87) wurde die “Ära Gielen”, seine Zeit als Chef der Frankfurter Oper, herausragende Musiktheatergeschichte. Nun hat der temperamentvolle Intellektuelle mit dem Taktstock seine Erinnerungen geschrieben, ebenso persönlich wie entschieden in seinen Urteilen.

 

Ein “Stardirigent” war Michael Gielen nie. Das hat man ihm noch einmal 2002 bestätigt, als er 75 Jahre alt wurde und Freunde & Bewunderer im Südwestfunk, dessen Orchester er 13 Jahre lang (1986/99) nicht nur geleitet, sondern auch zu einem international anerkannten Klangkörper geformt hatte, aus diesem Anlass eine Sondersendung zu Ehren des hochverdienten ehemaligen Chefdirigenten im SWR-Fernsehen machen wollten. Mit dem Argument, Gielen sei “zu wenig eventmäßig”, wurde die Ehrung abgelehnt.
Dabei ist der redegewandte, gedankenreiche und hochgebildete Dirigent - der noch zur Generation linksliberaler europäischer Bildungsbürger gehört - ein unterhaltsamer “Event” für sich, wenn er sich im Gespräch äußert, allerdings keiner für die Event-Unkultur des dummen Geschwätzes.

Gielen berichtet von dieser späten Beleidigung in seiner jetzt erschienenen Autobiographie (“Unbedingt Musik”) zweimal: zuerst verbittert, dann souveräner. Mag es eine Demütigung des älteren Herren gewesen sein, eine Auszeichnung ist es ebenso gewesen - für einen, der nach dem Titel eines Straub-Films “nicht versöhnt” blieb mit dem Kulturbetrieb, an dem teilzuhaben er als erwerbsbedingten Kompromiss ansah.

Denn Michael Gielen sonnte sich nie im Medienglanz, war kein Absatzschlager der Musikindustrie, und hatte keine feste orchestrale Heimat bei “Spitzenorchestern” wie z.B. den Berliner- oder Wiener Philharmonikern. Bis auf seine großen zehn Jahre als Frankfurter Opernchef (1977/87), die als “Ära Gielen” Musiktheatergeschichte wurde und auf seine späten 13 Jahre in Baden-Baden, die er selbst als heftigste Liebesbeziehung seines Arbeitslebens (nämlich zum SWR-Orchester) beschrieb, ist der 1927 in Dresden geborene Sohn des späteren Burgtheaterdirektors Josef Gielen und der Schauspielerin Rose Steuermann, eher am Rande des internationalen Musikbetriebs geblieben: als Chefdirigent in Stockholm, Brüssel und Amsterdam (1960/75).

Berühmt wurde der junge Korrepetitor am Teatro Colon in Buenos Aires (1948/50), wohin die bedrohte Familie (Rose Steuermann war Jüdin) gerade noch 1940 hatte emigrieren konnte, weil der Vater das damals weltberühmten Opernhaus leitete, wo die emigrierten deutschen Dirigenten Fritz Busch und Erich Kleiber wirkten - berühmt wurde der junge Michael nicht als Pianist, der er werden wollte, obwohl er als erster, nach einjähriger Vorbereitung, zu Schönbergs 75. Geburtstag an einem Abend in Buenos Aires 1949 alle Klavierstücke des verehrten Komponisten spielte - und ein hektographiertes Dankschreiben Schönbergs dafür erhielt.

Berühmt in Europa, wohin er mit den Eltern 1950 zurückgekehrt war - der Vater war zum Burgtheaterdirektor in Wien berufen worden -, wurde der Autodidakt & Selfmade-Dirigent Michael Gielen einmal 1965, als er die als nahezu unspielbare geltende Oper “Die Soldaten“ des Komponisten Bernd Alois Zimmermann in Köln uraufführte - eines der zentralen & grandiosen Opernwerke des 20. Jahrhunderts, das Gielen dann wieder in seiner Frankfurter Zeit auf den Spielplan setzte.

Aber dieses Engagement für die Neue und Neueste Musik (und seine eigene gehörte auch dazu) stempelte ihn lange, vielleicht sogar sein Leben lang als Spezialisten für das Unpopuläre & Schwierige ab - obwohl er das traditionelle Opern-Repertoire als Korrepetitor am Colon und der Wiener Staatsoper, als “Kapellmeister” (wie er sich selbst immer wieder nennt) von der Pike auf gelernt und dirigiert hat. Aber seine Dirigenten-Karriere führte über einen dornigen Weg - umso mehr, als er ein “Workaholic” und ein “unbedingter Musiker” ist, der von seinen Orchestern und Solisten das Äußerste an Präzision und Arbeitsethos verlangt, nämlich unbedingten Respekt vor dem künstlerischen Werk, was diesem “Zuchtmeister” nicht an allen Orten, wo er die Schlamperei und die nachlässige Routine bekämpfte, Freunde und Sympathisanten verschaffte - auch nicht beim Publikum, das er mit der analytischen “Deutlichkeit” und der “Transparenz”, mit der er die Widersprüche, Dynamik und Komplexität des musikalischen Prozesses herausarbeitete, oft verstörte, weil er damit gegen eingeschliffene Hörgewohnheiten und erwartbare Klangbilder verstieß.
Auch liebte es Gielen, der einen pädagogischen, besser: argumentativen Zug in seinem Wesen nicht verleugnet und immer auch ein kritischer Musiker ist, seine Konzert-Programme als “Montagen” zu komponieren. Am Erstaunlichsten gewiß, wenn er Beethovens 9. Symphonie von Schönbergs “Ein Überlebender aus Warschau“ nach dem Adagio unterbrechen ließ, um das falsche, historisch & politisch kontaminierte hymnische Ende, das ihm angesichts der menschlichen Barbarei eine “Lüge” dünkte, doch noch “ideologiekritisch” zu “retten”. (Erstaunlicherweise erwähnt er allerdings Adrian Leverkühns “Rücknahme” der 9. Symphonie im “Doktor Faustus” nicht, sehr wohl bekennt Gielen aber, nicht “die Menschen“ zu lieben, sondern nur einzelne Menschen).

Offenbar weil er als Intellektueller am Pult sich nicht versteckte, wurde er zum Außenseiter gestempelt, der gewiß zurecht alles Süße & Süßliche hasst, aber musikalisch ebenso temperamentvoll wie glühend die Emotionen beschwor, mit scharfer Würze und klanglich-polyphoner Transparenz, was jedem eine beglückende Erfahrung war, der ihn je als Operndirigent erleben konnte.

Es liegt in der Konsequenz eines solchen Charakters & Kopfes, dass er sich seine Autobiografie nicht von einem Ghostwriter schrieben ließ, sondern selbst Hand (wenn nötig auch an sich) anlegte. Das gibt dem Buch einen ebenso leidenschaftlichen wie kolloquialen Ton, macht es zu einer intimen Beichte und zum Porträt einer geistigen Physiognomie. Ohne Peinlichkeit kann der zupackend und luzide schreibende Musiker, sowohl über eine lebensbedrohende Hämmorhoiden-Operation, als auch über Mahler und Musil, sowohl über familiäre Katastrophen, Lieblingsspeisen und sein Haus in der Toskana, als auch über das Dirigieren, sowohl über seine Horoskop- & Kabbala- Spekulationen wie über seine beglückende Arbeit mit Straub/Huillet an dem gemeinsamen Film nach Schönbergs “Moses und Aaron” schreiben.

Eben das ist das Schöne an Michaels Gielens auch anekdotenreichen Erinnerungen “Unbedingt Musik”, dass er sich weder verschont und verschönt, noch seine positiven oder negativen Erfahrungen mit Kollegen (berühmteren wie z.B. Karajan und Furtwängler) unterschlägt, sondern sie als seine subjektiven Momentaufnahmen wiedergibt, wobei er - wo es um deren musikalische Leistung geht - immer fair bleibt; aber seine Bewunderung gilt Erich Kleiber und Dimitri Mitropoulos.

Erstaunlich an diesem sehr ungeschützten, wenn auch doch wieder vielfach diskreten SelberLebensbild, wie eng denn doch die Erlebniswelt der musikalischen Community, in der Gielen lebte und arbeitete, bis ins Familiäre und Erotische hinein “gestrickt” war. Durch o­nkel & Tanten, frühe Freund- & Liebschaften entstand ein Netzwerk von Verbindungen, in dem Carlos Kleiber und Berthold Viertel, Alfred Brendel und T.W. Adorno mit Michael und seiner Frau Helga Gielen in nicht selten elektrisierenden Kontakt treten. Man begreift auch, dass die Dankbarkeit, mit welcher der Dirigent “Unbedingt Musik” seiner Frau widmet, tiefer reicht, als seine Erinnerungen es sichtbar werden lassen.

Wenn er am Ende seiner Aufzeichnungen, die er gewiß vornehmlich als reflexive Selbstverständigung und Vermächtnis eines unbedingten Musikers versteht, auch seine “Ratlosigkeit und Skepsis” angesichts der “Stagnation” in Politik, Kunst oder Musik eingesteht, während “die Reaktion ihren Triumph genießt”, so hat er seinem Lebensresümee doch auch eine triftige Bemerkung seiner Frau eingeflochten, sogar mit Datumsangabe (12. August 2002): “Ich hätte nicht geglaubt”, sagte seine Frau damals zu dem Schreibenden, “dass du noch mal ein glücklicher Mensch werden könntest. Aber es hat ja auch ein halbes Leben gedauert”. Man hört den Seufzer mit; aber auch, dass denn doch hier ein Leben gelungen ist; und der, dem es an der Seite seiner Frau glückte (allen persönlichen & beruflichen Widerständen, Fehlern, Unglücken zum Trotz), lässt es sich mit Dankbarkeit und Freude nachsagen.

Wolfram Schütte


Michael Gielen: “Unbedingt Musik”.
Erinnerungen.
Insel Verlag. Frankfurt a. M. 2005.
366 Seiten, zahlr. Abb. & Farbtafeln, Diskografie, Register, 19.80 ¤

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