Kay Sokolowsky: Michael Moore
26.01.2006
Dick und doof?
Michael Moore ist eine Rampensau und beherrscht die Kunst der Simplifizierung. Er fand in George W. Bush einen ebenbürtigen Gegner und steht nun wieder einmal unter Beschuss.
In den letzten Monaten ist es ruhig geworden um Michael Moore, der doch zuvor mit seinen Filmen «Bowling for Columbine», «Fahrenheit 9/11» und seinen Attacken auf das politische Establishment der USA für weltweites Aufsehen sorgte.
Diese Ruhe scheint den konservativen US-Autor Peter Schweizer zu stören. In seinem neuen Buch «Do As I Say (Not As I Do)» bezichtigt er Moore (und andere Linksliberale wie Hillary Clinton und Ralph Nader) der Heuchelei, weil dieser Aktien von Firmen besitze, die er wiederholt in seinen Filmen und Büchern angegriffen habe. Außerdem sei Moores Kritik am Rassismus in den USA unglaubwürdig, da sich unter seinen 134 Mitarbeitern nur drei Schwarze befänden.
Eine passionierte Rampensau
Wenn Konservative Linksliberale scheinbar von links kritisieren, merkt man rasch, dass es sich um eine sehr amerikanische Debatte handelt. Man kennt das von den Neocons, die ihre liberalen Gegner häufig mit dem Vorwurf attackieren, demokratiefeindlich zu sein, weil sie sich nicht für den Irakkrieg begeisterten und somit eine Demokratisierung der Region verhinderten. Deshalb ist der Angriff Schweizers zwar bizarr, berührt aber durchaus eine interessante Frage: Was für ein Typ ist eigentlich dieser Michael Moore?
Genau darauf gibt der Hamburger Autor Kay Sokolowsky in seinem am Montag erschienenen Buch «Michael Moore. Filmemacher – Volksheld – Staatsfeind» einige Antworten. Die wichtigste lautet, dass Moore «ein geborener Komödiant, eine passionierte Rampensau» mit enormem politischem und demagogischem Potenzial ist, dem zur rechten Zeit das öffentlichkeitswirksame Glück widerfuhr, einen ebenbürtigen Gegner zu finden: George W. Bush.
Schande über Sie!
Der Präsident der USA ist für Moore der Feind seines Lebens. Sokolowsky schreibt über Moores Anti-Bush-Strategie der letzten Jahre, die sich in zwei Büchern und einem Film wieder findet: «Tatsächlich sind 'Stupid White Men' und 'Dude, Where's My Country?' sowie 'Fahrenheit 9/11' Zeugnisse einer wahren Passion, vielleicht auch Obsession. Moore wollte Bush aus dem Amt jagen, seit der es auf reichlich dubiose Art ergattert hatte, und Moore versuchte dies um so vehementer, seit Bush anfing, den Mittleren Osten mit Bomben zu pflastern.»
Den Höhepunkt dieser Angriffe lieferte Moore, als er im März 2003 den Oscar für «Bowling for Columbine» in Empfang nahm und in seiner Dankesrede vor der Weltöffentlichkeit rief: «Schämen Sie sich, Mr. Bush! Schande über Sie!»
Showdown mit Roger
Es nutzte alles nichts, Bush wurde wiedergewählt, und diesmal ohne dass in Florida zigmal die Stimmen nachgezählt werden mussten. Hat Moore, ohne es zu wollen, Bush zu einer zweiten Amtszeit verholfen, fragt Sokolowsky und verweist auf Umfragen, die belegen, dass noch Unentschiedene sich vor der Wahl von Moore kaum beeinflussen ließen, während die US-Rechte nach jeder Attacke näher zusammenrückte. Sollte das stimmen, dann hätte ihm der Feind seines Lebens die Niederlage seines Lebens beigebracht.
Einen Michael Moore bringt so etwas aber nicht sonderlich aus der Fassung. Im Gegenteil. Speist sich doch das gesamte Werk aus seinem Selbstverständnis als egoistischer Underdog. Schon sein erster Film «Roger & Me» aus dem Jahr 1989 sucht den Showdown mit Roger Smith, dem damaligen Chef von General Motors, den Moore für den Stellenabbau des Autokonzerns und die sozialen Folgen in Moores Heimatstadt Flint im US-Bundesstaat Michigan verantwortlich machte.
Schnoddrig bis zur Plattheit
«Moore tritt nicht vornehm zurück, wie sich das für einen Dokumentarfilmer gehört, er drängt sich vielmehr hinein in die Wirklichkeit, die sein Film abbildet, und diese hemmungslose Subjektivität gibt er bis zur letzten Einstellung nicht auf,» schreibt Sokolowsky über «Roger & Me». Diese Charakterisierung kann man aber auch für einige seiner anderen Filme gelten lassen. Dabei sind «Subversion, Unverschämtheit, allseitig undiplomatisches Verhalten» die Waffen, mit denen er seine Rache an einem «allmächtigen Schurken» aus der Politik oder der Wirtschaft vollzieht, egal wie ungehobelt und brachial das Ergebnis ausfällt.
Lassen seine Filme schon kein distanziertes Urteil zu, so setzt Moore in seinen Büchern immer noch eins drauf. Sokolowsky meint, hier werde «die Ironie gleichsam mit dem Spaten aufgetragen», sie seien «ebenso schlecht konzipiert wie geschrieben, schnodderig bis zur Plattheit, sprunghaft in den Gedanken, undiszipliniert in der Form.» Wer einmal auch nur 30 Seiten aus einem dieser Pamphlete gelesen hat, weiß, dass Sokolowsky Recht hat.
Rohe Kraft, primitive Faszination
Seine Auseinandersetzung mit dem Filmemacher ist freundlich und kritisch zugleich. Moores Populismus und sein oft altbacken-linkes Denken, das sich auch mal in plumper Solidarität mit palästinensischen Gotteskriegern ausdrücken kann, ist dem Autor nicht entgangen. Doch nicht mit der Keule, sondern mit den Mitteln der Dialektik geht der ehemalige Redakteur der linken Zeitschrift «Konkret» ans Werk.
Der Ton (keinesfalls aber der Inhalt) von Moores Beiträgen sei fast so vulgär und simpel wie der seiner rechten Gegner. Daraus entstehe die «rohe Kraft und primitive Faszination», die Moore bei jenen so beliebt mache, die finden, dass man mit leisen und differenzierten Stimmen den Kulturkampf mit einer starken und polternden Rechten nicht gewinnen kann.
Fade Rezeption in Deutschland
Kay Sokolowsky hat ein schönes Buch über Michael Moore geschrieben, weil er fast jede Facette aus dessen Leben und Wirken betrachtet. Er zerlegt die Person in ihre Einzelteile, analysiert den Katholiken, Moralisten, Proleten, Journalisten und Fernsehstar Moore (in den USA ist er erst durch seine satirischen Fernsehserien «TV Nation» und «The Awful Truth» richtig bekannt geworden), und setzt anschließend alles wieder zusammen.
Dabei entsteht das Porträt eines leidenschaftlichen Streiters, dessen Kunst in der Simplifizierung besteht. Dort, wo Sokolowsky zu sehr in die Details geht - wie etwa bei der Rezeption Moores in Deutschland - wird es manchmal ein wenig fade.
Schade, denn jenem nicht gerade kleinen Teil der deutschen Medien, die er kritisiert, weil sie Moore unbedingt in die Formel «dick und doof» zwängen wollten, ist er doch so weit voraus wie Moore seinen konservativen Kritikern, Peter Schweizer eingeschlossen. Selbst wenn an seinen Vorwürfen etwas dran sein sollte, auf die Antwort Moores kann man sich schon jetzt freuen.
Maik Söhler
Kay Sokolowsky: Michael Moore. Filmemacher – Volksheld – Staatsfeind. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2005, 160 S., 14 Euro
Ersterschienen in der Netzeitung, vom 05. Dez 2005
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