P. Iden / Peter Palitzsch. Theater muss die Welt verändern.
26.04.2006
Klarheit und Widerspruch
Peter Palitzsch steht wie kaum ein anderer seiner Generation für die intelligente, durchdachte und zugleich theatergerechte Regiearbeit. Penible Analyse und visuelle Üppigkeit oder jargonhaft ausgedrückt, Kopf und Bauch bedeuteten für Palitzsch niemals einen Gegensatz.
Die aktuelle Debatte über das Regietheater ist deshalb so schief, weil sie am untauglichen Gegenstand geführt wird. Die dritte Garnitur halbgebildeter und geltungssüchtiger Theatermacher kann weder etwas be- noch widerlegen, was über ihre eigene Stümperei hinausginge. Die Verächter des Regietheaters kämen rasch in Beweisnot, wenn sie ihre Thesen an Peter Palitzsch exemplifizieren wollten. Denn er steht wie kaum ein anderer seiner Generation für die intelligente, durchdachte und zugleich theatergerechte Regiearbeit. Penible Analyse und visuelle Üppigkeit oder jargonhaft ausgedrückt, Kopf und Bauch bedeuteten für Palitzsch niemals einen Gegensatz. Seine Inszenierungen vereinten in sich die Intellektualität eines Brecht und die Sinnlichkeit eines Peter Zadek. Peter Palitzsch, der nach außen wie ein zugleich bescheidener und vornehmer Asket wirkte, hat dem deutschen Theater aufregende Abende beschert, die nichts weniger waren als asketisch.
Peter Iden, langjähriger Theaterkritiker der Frankfurter Rundschau und kontinuierlicher Begleiter von Peter Palitzschs Produktionen lässt in seiner respektvollen, aber nicht kritiklos hagiographischen Lebens- und Werkbeschreibung das Bild eines Mannes entstehen, der nur mit Staunen die aktuelle Desavouierung von Moral registriert hätte. Die Vorstellung, die der Brecht-Schüler vom Theater als einer politischen Anstalt hatte, einer Institution also, die sich in die Gesellschaft einzumischen habe, war stets moralisch begründet. Das spiegelte sich nicht nur in der Auswahl der Stücke, von deren Inszenierung Iden retrospektiv einen Eindruck vermittelt, sondern auch in der eigenen Haltung und Lebensweise. Die Frage kollektiver Entscheidungen oder Gehaltsforderungen war für Palitzsch keine Beiläufigkeit, sondern Probe aufs Exempel des politisch-moralischen Anspruchs an sich und andere. Sein Rigorismus war weit entfernt von der Bigotterie, die in seinem Milieu nicht ungewöhnlich ist. Palitzsch war eigentlich schon zu Lebzeiten ein Mann einer vergangenen Epoche. Auf dem bürgerlichen Terrain des Theaters repräsentierte er, wie einst Erwin Piscator, die Werte der Arbeiterbewegung, die es nach dem Willen der Meinungsmacher und Sprachregler heute nicht einmal dem Namen nach mehr zu geben hat (übrigens: auch nicht für die FR, die einst durchaus am gleichen Strang zog wie Peter Palitzsch).
Eingebettet in eine konzise Charakterisierung von Peter Palitzsch und seiner Bedeutung auf der einen Seite und einer Beschreibung einzelner Inszenierungen, die man sich allerdings etwas ausführlicher wünschte auf der anderen Seite, ist eine umfangreiche Abschrift eines Tonbands, auf dem Palitzsch über sich erzählt. Das Selbstbild ergänzt also die Außensicht. Palitzsch ist ja über seine künstlerische Bedeutung hinaus auch bemerkenswert als deutsch-deutscher „Fall“, als ein Mann, der unübersehbar in der DDR sozialisiert wurde und diese, nicht ohne Skrupel, nach dem Mauerbau verließ. Berührend ist der uneitle Tonfall des großen Regisseurs. Seine Handschrift beschreibt er selbst als „Klarheit in der Widersprüchlichkeit“. Besser lässt es sich nicht formulieren.
Thomas Rothschild
Peter Iden: Peter Palitzsch. „Theater muss die Welt verändern“. Mit einem autobiographischen Essay sowie Erinnerungen von Tankred Dorst, Ulrich Khuon, Edgar M. Böhlke und einem Nachruf von Hans Neuenfels. Henschel, 2005. Gebunden. 240 S. ¤ 29,90. ISBN 3-89487-511-9.
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