Woody Guthrie war in den in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der herausragenden Folk-Sänger, der eine ganze Reihe von Musikern der nachfolgenden Generationen wesentlich beeinflusste, allen voran Bob Dylan, der Guthries Stil mit dem leicht näselnden Gesang und der Gitarrenbegleitung nachahmte und wie Guthrie sozialkritische Texte schrieb.
In seiner Autobiographie, die 1942 entstand, geht der Sänger zurück in seine Kindheit. Man beginnt zu verstehen, aus welcher Motivation heraus seine Texte entstanden, in denen er sehr oft die Lage der "kleinen Leute" beschreibt und eine Verbesserung anmahnt. Geboren in der Kleinstadt Okemah, Oklahoma, erkennt er früh den Klassen-Unterschied in der amerikanischen Gesellschaft, und das Land bekommt schon bald für ihn eine besondere Bedeutung: es birgt den Schatz, der scheinbar alle Leute reich machen kann – das Öl. Auch sein Vater wird zeitweilig wohlhabend, da er Land besitzt, das über Ölquellen verfügt, aber Glück und Reichtum sind in Woody Guthries Leben immer instabil gewesen. Eine Reihe von Schicksalsschlägen brachen über ihn und seine Familie herein: ein Haus wird von einem Wirbelsturm zerstört, die Mutter bekommt eine Nervenkrankheit und muss in eine Anstalt eingeliefert werden, und Guthrie macht sehr früh die Erfahrung, für sich sorgen zu müssen und auf eigenen Füßen zu stehen. Zunächst verkauft er Zeitungen, reitet Pferde zu, bemalt Schilder. Als ihn seine Tante nach Kalifornien einlädt, macht er sich per Anhalter und zu Fuß auf den Weg und schlägt sich durch – dieses Durchschlagen prägt sein Leben wie ein roter Faden. Das Buch endet ca. 1940: Woody Guthrie spielt vor Gewerkschaftern, in Slums in New York.
Woody Guthrie war ein Tramp, seine Perspektive ist die von unten, die Sicht der armen Leute. Das Buch liest sich wie ein Roman, die Geschichte könnte auch erfunden sein. Sie stammt aus einem anderen Amerika, dem Amerika der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, dem ländlichen Amerika. In fiktionalem Stil geschrieben und mit vielen Dialogen gespickt, schildert das Buch das im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Leben eines der einflussreichsten und doch von vielen vergessenen Folk-Musikers. Die Musik war für Guthrie ein Mittel, Dinge auszudrücken, die sich in seinem Kopf ansammelten, und ein Weg, für Gerechtigkeit und ein faires Miteinander zu streiten. Er glaubte in einem idealistischen Sinne daran, dass Musik die Welt zum Guten verändern kann und dass Lieder ihre eigene Macht haben. Die Erfahrungen, die er während seiner Kinder- und Jugendjahre machte, ließen diese Vorstellungen in ihm reifen. Dies wird plastisch bei der Lektüre dieser Autobiographie.
Ein sehr informativer und fabelhaft aufbereiteter Anhang ergänzt den insgesamt sehr fiktional wirkenden Inhalt um Fakten aus Woody Guthries Leben. Er enthält eine Chronologie mit Daten aus Guthries Leben plus Hintergrundereignissen aus dem Zeitgeschehen. Außerdem findet man Fotos und ein Nachwort des Journalisten Michael Kleff, der mit Nora, Woodys Tochter, verheiratet ist. Kleff stellt das Wirken und den Einfluss Guthries in einen größeren Zusammenhang und verdeutlicht, welch herausragende Rolle er v.a. für die aufkommende Folk- und Protestsong-Bewegung der 1960er Jahre mit Joan Baez und Bob Dylan an der Spitze spielte.
Textauszug:
Kann ich mich erinnern? Erinnern, wo ich heute morgen war? St. Paul. Ja. Gestern morgen? Bismarck, North Dakota. Und am Morgen davor? Miles City, Montana. Vor einer Woche war ich Klavierspieler in Seattle. Wer ist dieser Knabe? Wo kommt er her, und wo will er hin? Wird er sein wie ich, wenn er erwachsen ist? War ich wie er, als ich so klein war? Lasst mich nachdenken. Lasst mich zurückgehen. Lasst mich aufstehen und den Weg zurückgehen, den ich kam. Dies Hinundher und Durcheinander. Dies Draufloswandern. Mein Kopf arbeitet nicht richtig. Wo war ich? Wo zum Teufel war ich?
Saskia Breitling
Woody Guthrie: Dies Land ist mein Land. Autobiographie
Edition Nautilus, Hamburg, 1. Aufl., 2001.
Gebunden. 444 Seiten. 17,90 ¤.
ISBN 3-89401-363-X